Rega Dübendorf
«Wide Stretcher»: Neue Trage ermöglicht Transport von Patienten über 150 Kilogramm

Seit Kurzem transportieren die Luftretter von Dübendorf aus auch Patienten über 150 Kilogramm. Möglich macht dies ein neuer, extra für den Rega-Helikopter entwickelter «Wide Stretcher». Dabei handelt es sich um eine Schwerlasttrage, die für den Transport von Patienten bis 400 Kilogramm zugelassen ist.

Ernst Hilfiker
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Ein Rega-Mitarbeiter lädt die neue Trage für schwer Übergewichtige in den Helikopter.

Ein Rega-Mitarbeiter lädt die neue Trage für schwer Übergewichtige in den Helikopter.

Mano Reichling

Verunfallt jemand mit einem Körpergewicht von, sagen wir, 190 Kilo und muss ins Spital gebracht werden, bedeutet das für die Rettungsteams Schwerstarbeit – und eine Belastung, welche auch die Ausrüstung an die Grenzen oder im schlechtesten Fall darüber hinaus bringt: Die Trage ist zu schmal oder die Manschette für das Blutdruckmessgerät ist zu klein für den Oberarm mit einem Umfang von über 70 Zentimetern.

Schlicht unmöglich war ein solcher Transport bisher, wenn er auf dem Luftweg erfolgen sollte, denn in einem Rettungshelikopter muss das Equipment möglichst leicht und klein sein, und so hält die dort eingebaute schmale Trage auch «nur» 150 Kilogramm aus.

Trage ist fast doppelt so breit

Trotzdem fliegt die Rega als erstes Unternehmen der Schweiz seit Kurzem auch schwerst Übergewichtige. Möglich macht dies ein neuer, extra für den von der Rega betriebenen Helikopter EC 145 entwickelter «Wide Stretcher». Bei dieser sogenannten Schwerlasttrage handelt es sich um eine Bahre mit einer Breite von 60 und einer Länge von 190 Zentimetern; die Trage ist damit fast doppelt so breit wie die normale Helikopterbahre.

Um die nicht nur übermässig schweren, sondern auch überdurchschnittlich voluminösen Patienten zu sichern, werden extragrosse Klettgurte mit einer Breite von 17 Zentimetern eingesetzt – normale Tragengurte messen 5 Zentimeter. Die Schwerlasttrage, eine Aluminium-Leichtbaukonstruktion, ist zugelassen für den Transport von Patienten bis 400 Kilogramm.

Einsätze nur von zwei Standorten

Der «Wide Stretcher» ist eine exklusive Sache: In der Schweiz sind laut der Rega lediglich zwei Exemplare davon in Betrieb, und im benachbarten Ausland gebe es vermutlich noch gar nichts Vergleichbares. Stationiert sind die Schwerlasttragen in Dübendorf und in Bern. Das heisst, von diesen beiden Rega-Basen aus werden seit etwa einem halben Jahr alle Einsätze für schwer übergewichtige Patienten durchgeführt.

Müssen diese Menschen notfallmässig in ärztliche Behandlung, steht laut Adrian Ferrari, Basisleiter in Dübendorf, «meistens ein Kreislauf- oder Atemproblem im Vordergrund». Oft handelt es sich bei den Einsätzen um Verlegungen von einem «normalen» Spital in eine Spezialklinik.

Vor Abflug ist Umbau nötig

Erhält das Team in Dübendorf einen Einsatz für einen Patienten über 150 Kilo, muss der Helikopter zuerst umgerüstet werden: Man wechselt die Bodenplatte mit den Halterungen für die Trage aus und kann dann die Schwerlasttrage, belegt mit einer übergrossen Vakuummatratze, einladen. Ebenfalls mitgenommen wird ein grosser Schaumstoffkeil, der es ermöglicht, den Oberkörper des Patienten hochzulagern.

«Aufgrund vermehrter Anfragen zum Transport von Patienten von über 150 Kilogramm haben wir die Trage konstruieren lassen.»

Adrian Ferrari, Rega-Basisleiter in Dübendorf

Um in der engen Kabine Platz zu schaffen und damit das maximale Fluggewicht des Helikopters nicht überschritten wird, baut die Rega-Crew schliesslich noch ein grosses Schubladenelement mit medizinischem Material aus.

Dieser Umbau dauert laut Ferrari 10 bis 15 Minuten. Länger gehe es dann im Spital oder auf der Unfallstelle. Dort benötigt man für die Umlagerung des oftmals praktisch unbeweglichen, schweren Patienten auf den Stretcher bis zu einer Stunde. Befindet sich der Patient dann in der Maschine, ist gemäss Ferrari «das zulässige Gesamtgewicht des Helikopters in der Regel voll ausgereizt».

Schon mehrmals im Einsatz

Auf die Idee, eine Schwerlasttrage für den Helikopter konstruieren zu lassen, ist die Rega «aufgrund vermehrter Anfragen zum Transport von Patienten von über 150 Kilogramm gekommen». Wie viele solche Transporte künftig anfallen werden, lasse sich derzeit jedoch schlicht noch nicht sagen. «Die Fälle werden sich aber sicher nicht gravierend auf die Gesamtzahl der Einsätze auswirken», wie es ein Unternehmenssprecher formuliert.

Vom Dübendorfer Team wurden bisher zwei Frauen und ein Mann mit einem Gewicht von je etwa 180 Kilo geflogen (siehe Box unten). Zwei der Einsätze führten nach Deutschland. Und während allen drei Einsätzen habe die neue Trage, wie es Adrian Ferrari im doppelt zutreffenden Sinn des Wortes ausdrückt, «voll verhebet».

Aussergewöhnlicher Einsatz

Dübendorfer Team sorgt für medizinische Weltpremiere

Den weltweit ersten intensivmedizinischen Einsatz mit einer Schwerlasttrage in Kombination mit einer mobilen Herz-Lungenmaschine (ECMO) hat die Crew der Rega-Basis in Dübendorf Ende November durchgeführt. Dies gab die Rettungsflugwacht bekannt.

Der Spezialeinsatz war nötig, weil eine Patientin des Kantonsspitals Baden notfallmässig ins Universitätsspital Zürich verlegt werden musste. Aufgrund der gravierenden Erkrankung der schwer übergewichtigen Frau war ein Transport jedoch nur durchführbar, wenn man die Patientin für den Transfer an ein ECMO-Gerät anschliessen konnte. Und ein solches helikopterkompatibles Gerät hat die Rega als einzige Rettungsorganisation der Schweiz.

Zudem verfügt die Rettungsflugwacht neuerdings über eine spezielle Trage für Patienten über 150 Kilo – die zweite Grundbedingung, die den Transport erst möglich machte. Eine Trage, die sich in diesem Einsatz «bewährt und die Arbeit der Rettungskräfte enorm erleichtert» habe.

Die Bezeichnung ECMO ist eine Abkürzung für «extrakorporale Membranoxigenierung». Hinter diesem Begriff verbirgt sich eine hochstehende und aufwendige intensivmedizinische Technik, bei der eine Maschine teilweise oder vollständig die Atem- und/oder Herzfunktion des Patienten übernimmt. (ehi)