US-Wahlen
«Wer will einen Rassisten und Sexisten zum Präsidenten haben?»: Diese Amerikanerinnen aus dem Limmattal hoffen auf Joe Biden

Britta Kürzi aus Zürich und Judith Guyer aus Aesch haben die Nase voll von Donald Trump. Sie wünschen sich, dass die USA heute einen Präsidenten wählen, der in ihrer alten Heimat einen Wandel bewirkt.

Sibylle Egloff
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Amerikanerinnen aus dem Limmattal

Amerikanerinnen aus dem Limmattal

Severin Bigler

Die braune geschmeidige Masse fliesst in die Form. «Schokolade ist das komplexeste Lebensmittel der Welt. Sie enthält 600 verschiedene Geschmacksnoten», sagt Britta Kürzi und versorgt die Form im Kühlschrank. Die 32-jährige Amerikanerin hat sich mit ihrer 70 Quadratmeter grossen Manufaktur in Schlieren ihren Schweizer Traum erfüllt. Seit Juli 2019 stellt sie hier vegane Schokolade unter dem Namen Kürzi Kakao her. Eine Ausländerin, die eine Urschweizer Tradition aufmischt.

«Meine Firma ist Teil der ‹Bean to Bar›-Bewegung. Im Gegensatz zu traditionellen Chocolatiers, die von Industriegiganten gekaufte Schokolade einschmelzen und in eine neue Form giessen, produziere ich die Schokolade von der Kakaobohne bis zur Tafel selbst», erklärt die Unternehmerin. Die Bewegung stamme aus den USA und sei dort verbreitet. In der Schweiz gebe es nur etwa zehn kleine «Bean to Bar»-Hersteller. «Ich habe dem Schweizer Klassiker sozusagen den amerikanischen Dreh verpasst», sagt Kürzi und lacht.

Dass sie in der Heimat ihres Mannes Martin Schokolade fabriziert, hat sie auch dem amtierenden US-Präsidenten Donald Trump zu verdanken. «Als er 2016 gewählt wurde, war das für mich unter anderem ein Anlass, mein Land zu verlassen und nach Zürich zu ziehen. Ohne ihn hätte ich heute vielleicht keine Schokoladen-Manufaktur.» Die Demokratin stammt aus Asheville in North Carolina und lernte ihren Ehemann kennen, als dieser dort einen Zwischenstopp auf seiner Weltreise einlegte. «North Carolina ist ein Swing State, meine Stimme ist also sehr wichtig», sagt sie und lacht.

Sie wartete vier Jahre auf das historische Ereignis

Für Kürzi ist der heutige Wahltag von grosser Bedeutung. «Es ist ein historisches Ereignis. Ich habe vier Jahre lang auf den 3. November gewartet, auf den Tag, an dem wir die Möglichkeit haben, Trump aus dem Weissen Haus zu schicken.» Die 32-Jährige engagiert sich seit zwei Jahren für das Komitee der US-Demokraten, den «Democrats Abroad» in Zürich, und amtet als Co-Präsidentin. «Unser Ziel war es, dass sich so viele in der Schweiz lebende Amerikaner wie möglich für die Wahlen registrieren. Je mehr wählen gehen, desto höher ist die Chance, dass ein Demokrat gewinnt.» Dazu organisierte das Komitee Anlässe. «Themen wie Black Lives Matter, die Trennung von Flüchtlingskindern von ihren Familien oder Trumps Umgang mit dem Coronavirus wurden dabei behandelt. Es ist wichtig, dass wir auf diese Probleme aufmerksam machen.»

Kürzi wird den Wahltag coronakonform verbringen. «Gemeinsam mit Komitee-Kolleginnen und anderen Demokraten werden wir Zoom-Videokonferenzen veranstalten und die Wahlen verfolgen.» Sie hat ein gutes Gefühl, dass Joe Biden das Rennen macht. «Laut Medien war die Wahlbeteiligung schon lange nicht mehr so hoch. Das gibt Hoffnung.» Selbst Nicht-Demokraten würden Biden unterstützen. «Meine Eltern und mein Bruder sind keine Mitglieder der demokratischen Partei, trotzdem haben alle drei Biden ihre Stimme gegeben. Die Leute haben genug von Trump.» Genug hat Kürzi generell von der Ungerechtigkeit in den USA. Ein Beispiel dafür seien die Wahlhürden, von denen die republikanische Partei profitiere. «Vor allem in Gebieten und Staaten, in denen viele People of Color leben, gibt es zu wenig Wahllokale. Die Schlangen sind sehr lang, man wartet meist mehrere Stunden, muss der Arbeit fernbleiben. Das hält viele vom Wählen ab.»

Trump hat gezeigt, wie kaputt das amerikanische System ist und ich glaube, das sehen nun auch viele Leute, die vor vier Jahren republikanisch gewählt haben.

(Quelle: Britta Kürzi, Schokoladen-Produzentin aus Zürich)

Kürzi ist bereit für einen Wandel und für Reformen. «Trump hat gezeigt, wie kaputt das amerikanische System ist und ich glaube, das sehen nun auch viele Leute, die vor vier Jahren republikanisch gewählt haben.» Von Joe Biden ist die Wahl-Zürcherin angetan – trotz seines hohen Alters. «Er hat sehr viel Erfahrung, das ist ein Plus. Unter Barack Obama war er US-Vizepräsident.» Zudem betone er stets, dass es nicht um ihn, sondern um das Team gehe. «Er wird die jungen Demokraten in seine Politik einspannen», sagt Kürzi. Für ihn spreche zudem, dass er mit Kamala Harris ins Rennen steigt. «Ich freue mich sehr, dass bald eine Frau Vizepräsidentin der USA sein könnte. Biden und Harris repräsentieren das Land und die Werte der Bevölkerung im Gegensatz zu Trump. Wer will einen gescheiterten Immobilienmogul, Sexisten und Rassisten zum Präsidenten haben?»

Wenn Biden heute gewinnt, könne sie endlich wieder mit Stolz sagen, dass sie Amerikanerin sei. Die Wahl Trumps war für Kürzi nicht der Hauptgrund, aber ein Grund, die USA zu verlassen. Dass sie nun bei einer allfälligen Rückkehr der Demokraten ins Weisse Haus wieder zurück ins Heimatland geht, bezweifelt die Schokoladen-Produzentin allerdings. «Mittlerweile habe ich mich sehr gut in der Schweiz eingelebt. Ich liebe es hier und möchte nicht mehr weg.»

Als Backpackerin verliebte sie sich in Davos in die Schweiz

Auf Joe Biden hofft auch Judith Guyer aus Aesch. Die 63-jährige Psychotherapeutin ist zuversichtlich und hat das Gefühl, dass Trump das Weisse Haus räumen muss. «Ein Erdrutschsieg wäre mein Wunsch. Nichtsdestotrotz bin ich vorsichtig. Vor vier Jahren standen die Chancen für Hilary Clinton ebenso gut», sagt sie. Sie ist sicher: «Einen neuen Anfang hätten wir uns verdient.» Guyer wohnt seit 30 Jahren in Aesch mit ihrem Mann André, der im Sommer als neuer Hochbau- und Liegenschaftenvorstand in den Gemeinderat gewählt wurde.

Wegen ihm kam die Kalifornierin aus Los Angeles vor fast 40 Jahren aber nicht in die Schweiz. «Ich bin keine typische Amerikanerin. Meine Eltern sind aus Deutschland und Holland nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA eingewandert. Wir lebten einige Jahre in Japan. Als 22-Jährige war ich auf den Spuren meiner Wurzeln und reiste als Backpackerin durch Europa», erzählt Guyer. Dabei machte sie auch einen Abstecher in die Schweiz. Es gefiel ihr so gut, dass sie einige Monate in einem Skiresort bei Davos arbeitete, bis ihr Touristenvisum auslief und sie wieder in die USA zurückkehren musste. Doch die Schweiz liess sie nicht los. «Eineinhalb Jahre später reiste ich erneut in die Schweiz und blieb. Ich hatte Glück und ergatterte einen Job beim IT-Unternehmen IBM», sagt sie. Bei der Arbeit lernte sie dann ihren Mann André kennen, der dort als Informatiker tätig war.

Für Guyer bedeutet der Wahltag heute ebenso viel. «Ich sitze auf Nadeln, ich bin so aufgeregt», sagt die ehrenamtliche Sekretärin des American International Clubs of Zurich (AICZ). Normalerweise würde sie am Mittwochmorgen an einem Wahlfrühstück der Swiss-American Chamber of Commerce und des AICZ teilnehmen. Doch wegen Corona fällt dieser Anlass nun aus. «Ich verbringe den Wahlabend deshalb mit drei amerikanischen Freunden.» Ein emotionaler Moment war für Guyer bereits das Absenden ihres Wahlzettels vor vier Wochen. «Als ich den Brief auf der Sihlpost in Zürich aufgab, wollte ich am liebsten ‹Go Biden› rufen», sagt sie und lacht.

Die Authentizität kann sie Trump nicht absprechen

Guyer ist von Joe Biden überzeugt, auch wenn er nicht ihr Kandidat erster Wahl ist. «Es gab einige spannende Demokratinnen und Demokraten. Elizabeth Warren wäre eine tolle Präsidentin gewesen. Doch sie war etwas eigensinnig und das vertragen nicht alle», sagt Guyer. Dass Biden Kamala Harris als Vizepräsidentschaftskandidatin ins Boot holte, gefällt ihr. «Biden hat gute Chancen mit ihr an seiner Seite. Sie ist bereit für diese Aufgabe.» Guyer bewundert Bidens Hingabe für die Politik. «Er bringt so viel Erfahrung als Vizepräsident und Senator mit. Zudem ist er eine empathische und charismatische Person, zu der man hochschauen kann. Das braucht unser Land jetzt unbedingt.»

Joe Biden ist eine empathische und charismatische Person, zu der man hochschauen kann. Das braucht unser Land jetzt unbedingt.

(Quelle: Judith Guyer, Psychotherapuetin aus Aesch)

Trump ist ihr peinlich. «Wie er kommuniziert und spricht, ist befremdend. Er blamiert die USA.» Noch schlimmer sei aber, dass der Präsident den Keil noch tiefer in die bereits gespaltene Gesellschaft getrieben habe. «Trump ist nur ein Symptom dieses Problems», sagt Guyer. Die USA zu führen, sei keine leichte Aufgabe. «Die Komplexität des Landes und die seiner Bürgerinnen und Bürger ist immens. Der Gewalt und der Ungleichheit entgegenzuwirken und die marode Infrastruktur zu verbessern, ist eine Herausforderung. Ich glaube, dass Biden zumindest, metaphorisch ausgedrückt, die Blutung stoppen könnte», sagt Guyer. Zugeben müsse sie jedoch, dass Präsident Trump wenigstens etwas richtig mache. «Er ist authentisch und es kümmert ihn nicht, was andere von ihm halten.»

Guyer hofft, dass sie nach der Wahl, tatsächlich laut «Biden» schreien kann. «Schlussendlich geht es aber nicht darum, den Präsidenten auszuwechseln, sondern eine Führungsperson zu ernennen, die es schafft, den Wandel herbeizuführen.»

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