Die «Generation Praktikum» ist längst ein stehender Begriff. Er steht für junge Leute, die sich nach der Schulzeit von Praktikum zu Praktikum hangeln, zumeist eher schlecht bezahlt sind und unsichere berufliche Perspektiven haben. Die beiden Kantonsrätinnen Monika Wicki (SP, Zürich) und Karin Fehr (Grüne, Uster) haben dazu schon mehrere Vorstösse eingereicht – zuletzt eine Anfrage zum Thema «Ausnützung von Praktikantinnen und Praktikanten». Seit gestern liegen die Antworten des Regierungsrats dazu vor.

Hintergrund: Die tripartite Kommission (TPK), mit der Vertreter der Arbeitgeber, der Arbeitnehmer und des Kantons sich um arbeitsmarktliche Aufgaben des Kantons kümmern, hatte im September 2016 Richtlinien für den Umgang mit Praktika erlassen.

Darin heisst es, als üblicher Bruttolohn für sogenannte Einführungspraktika seien unabhängig von Alter und Ausbildung 2000 Franken pro Monat zu bezahlen. Dies bei einer 40-Stunden-Woche und ohne 13. Monatslohn. Diese Empfehlung gelte branchenunabhängig. In Branchen, die bereits eigene Lohnvorgaben für Praktika ausgehandelt haben, seien diese heranzuziehen, um die orts-, berufs- und branchenüblichen Löhne zu berechnen.

Die Kantonsrätinnen Fehr und Wicki wollten nun wissen, wie weit die Richtlinien der TPK kontrolliert und eingehalten werden – und in wie vielen Fällen Missstände zutage getreten seien. Zu den Fragen nach Kontrollen und der Anzahl Missstände antwortet der Regierungsrat: «Es werden keine entsprechenden Statistiken geführt.» Und die TPK informiere die im Kanton Zürich ansässigen Betriebe auch nicht von sich aus über die Richtlinien zum Umgang mit Praktika.

Kantonsrätin Fehr folgert: «Die Richtlinien der TPK für Praktika sind ein reiner Papiertiger. Wir haben null Angaben dazu, ob sie irgend eine Wirkung entfalten.» Sie erwägt nun einen weiteren Vorstoss im Kantonsrat, um zu erreichen, dass die TPK die Unternehmen wenigstens über ihre Richtlinien informieren muss.

«Es ist eine Katastrophe», sagt Fehr weiter. «Wir haben einen steigenden Anteil junger Leute, die nach der Schulzeit in Praktika landet und als billige Arbeitskraft dient.» Wie der Regierungsrat bereits Ende 2018 festhielt, haben in den letzten Jahren zwischen 4,4 Prozent und 8,5 Prozent der Schulabgängerinnen und -abgänger als Anschlusslösung ein Praktikum gewählt.

Die gestern veröffentlichte neuste Regierungsratsantwort zeigt auch: Der von der TPK branchenunabhängig empfohlene Praktikumsmonatslohn von 2000 Franken brutto wird in einigen Branchen, die eigene Lohnvorgaben haben, massiv unterschritten.

Spitex und Kitas mit Tiefstlöhnen

So sieht die Spitex-Regelung Praktikumslöhne von 743 Franken (vor der Ausbildung) respektive 782 Franken vor, dies bei einer 42-Stunden-Woche und 13 Monatslöhnen. In Kindertagesstätten sind es 800 Franken für Schulabgängerinnen und -abgänger respektive 1200 Franken bei Praktika für die höhere Fachschule, Fachhochschule und verkürzte Lehre.

Auch die Empfehlung des Berufsverbands Avenir Social für Praktika in der Sozialarbeit liegt mit 1230 Franken für Vorpraktika deutlich unter den TPK-Richtlinien. Bei Ausbildungspraktika in der Sozialarbeit sind es dann 1846 Franken, allerdings bei 13 Monatslöhnen.

Der Kanton Zürich als Arbeitgeber unterschreitet die TPK-Richtlinien zum Teil ebenfalls: Bei ihm liegen die Praktikumslöhne vor Ausbildungsbeginn zwischen 775 und 1938 Franken bei 12 Monatslöhnen, wie der Antwort des Regierungsrats weiter zu entnehmen ist. Es gibt demnach aber auch Branchen, deren Vorgaben für Praktikumslöhne über den TPK-Richtlinien liegen: Dazu zählen beispielsweise die Landwirtschaft und die Architektur.

Am problematischsten ist die Situation laut Fehr und Wicki in Kinderkrippen, da diese oft Praktika als Voraussetzung für eine Lehre verlangen. Höhere Kosten für die Familien sind aus Sicht der beiden Kantonsrätinnen allerdings auch nicht erwünscht. Daher brauche es ein stärkeres finanzielles Engagement der öffentlichen Hand.

Wicki würde zur Sicherung der Qualität 2000 Franken als Mindestlohn für Praktikantinnen und Praktikanten in Kinderkrippen befürworten, zudem mehr Kontrollen durch die TPK. Auch im Gesundheitswesen sieht sie punkto Praktikumslöhne Handlungsbedarf.

Die SP-Kantonsrätin macht sich aber keine Illusionen: Mit der in den letzten Jahren vorherrschenden bürgerlichen Mehrheit im Kantonsrat seien diese Ziele kaum zu erreichen.