Birmensdorf
Wenn die Garagenglocken läuten: Wie ein Limmattaler fürs Kirchgeläute wirbt

Stefan Mittl wirbt landauf, landab für Verständnis fürs Kirchgeläute. Mittlerweile gilt er als einer der kompetentesten Sachverständigen in diesem Gebiet. In seiner Garage lässt er regelmässig selbst drei Kirchenglocken erklingen.

Matthias Scharrer
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Glockenfan Stefan Mittl in seiner Garage in Birmensdorf.

Glockenfan Stefan Mittl in seiner Garage in Birmensdorf.

Matthias Scharrer

In der Garage im Birmensdorfer Ruggenquartier klingt es wie bei einer Kirche. Stefan Mittl (47), Leiter der Abteilung Wahlen und Abstimmungen und stellvertretender Stadtschreiber von Zürich, geht seinem Hobby nach. Einem Hobby, das für ihn zur Berufung geworden ist: Glockengeläute. Die drei Glocken in der Garage läutet er normalerweise gleichzeitig mit jenen der Birmensdorfer Kirchen; doch manchmal auch zu besonderen Gelegenheiten. Etwa wenn Roger Federer ein Tennisturnier gewonnen hat.

Schon als Kleinkind im Kinderwagen gab Mittl seiner Mutter zu verstehen, dass er zuhören wollte, wenn in der Nähe Kirchenglocken läuteten. Als Elfjähriger wandte er sich ans Radio SRF, weil er eine Folge seiner Lieblingssendung «Glocken der Heimat» verpasst hatte. Er bat um eine Kassettenaufnahme der Sendung. Die zuständige Redaktorin lud ihn ins Radiostudio. Von da an begann er, fürs Schweizer Radio Glockengeläute aufzunehmen.

Ein Kapitel im Jubiläumsbuch

Mittlerweile gilt Mittl als einer der kompetentesten Sachverständigen für Kirchenglocken in der Schweiz. Was mit dazu führte, dass er zum Anfang Dezember erscheinenden Jubiläumsbuch über die einzige noch existierende Glockengiesserei der Schweiz, jene in Aarau, ein Kapitel beisteuerte.

Er schildert darin die Rechtsstreitereien, die sich vermehrt seit den Nullerjahren um Kirchgeläute entwickelten. Dreimal musste das Bundesgericht bisher entscheiden, ob und wann die Kirchenglocken noch läuten durften. Doch eine überall gleichermassen anwendbare Regel ergab sich daraus nicht. Vereinfacht gesagt, befand das Bundesgericht: Es gelte, jeweils die lokalen Gegebenheiten zu berücksichtigen. Ein vierter Fall ist derzeit vor Bundesgericht hängig: Es geht um den nächtlichen Viertelstundenschlag der reformierten Kirche Wädenswil.

«Es gibt viele suboptimale Geläutsituationen. Eine Lösung lässt sich aber fast immer finden.»

Stefan Mittl, Glockengeläutspezialist und stellvertretender Zürcher Stadtschreiber

Oft wird Mittl um Rat gefragt, wenn Anwohner sich über Glockengeläute bei einer Kirchgemeinde beschwerten. Er sieht sich primär als Vermittler. «Es gibt viele suboptimale Geläutsituationen», sagt Mittl. «Glocken, die laut, hart und knallig ertönen.» Manchmal helfe es schon, den Klöppel zu ersetzen. Teurer werde es, wenn Jalousien am Glockenturm angebracht werden müssen oder das Antriebssystem der Glocken verändert werden muss. Eine Lösung lasse sich aber fast immer finden. «Es ist alleweil besser, das Gespräch zu suchen, als gleich mit dem Gang ans Gericht zu drohen», lautet sein Credo.

Hohe Glockendichte

Als er 1997 in Birmensdorf sein Haus baute, plante er drei Kirchenglocken in der Garage ein. «Die Nachbarn erklärten sich einverstanden», so Mittl. Die Glocken sind rund 300, 200 und 150 Kilo schwer. Zum Vergleich: Die grösste Kirchenglocke der Schweiz – sie hängt im Berner Münster – wiegt zehn Tonnen. Weit verbreitet seien Kirchenglocken im mittleren Spektrum zwischen zwei und fünf Tonnen.

«Es gibt in keinem Land eine so hohe Glockendichte wie in der Schweiz», sagt Mittl. Ein regelrechter Boom habe um die Wende zum 20. Jahrhundert eingesetzt, dann wieder nach dem 2. Weltkrieg: «Eine Gemeinde, die etwas auf sich hielt, legte sich einen stattlichen Glockenchor zu.»

10 Tonnen

So viel wiegt die schwerste Glocke der Schweiz, die im Berner Münster hängt. Stefan Mittl begnügt sich in seiner Garage mit drei Glocken, die zwischen 150 und 300 Kilogramm wiegen. In hiesigen Kirchen wiegen die Glocken in der Regel zwei bis fünf Tonnen.

Mittlerweile werden nur noch selten neue Glocken installiert. Mehrere Schweizer Kirchenglockengiessereien gingen ein. Und auch die Giesserei Rüetschi in Aarau, die als einzige verblieb, lebe heute primär vom Glockenunterhalt, von Turmuhren und vom Kunstguss.

Das Ende des Glockenbooms habe auch mit der nachlassenden Bedeutung der Kirche zu tun, meint Mittl bedauernd. Aber der Glockenfan ist überzeugt: «Etwas davon wird in unserer Kultur immer hängenbleiben.» Er zieht an den Seilen und lässt die drei Glocken in seiner Garage läuten. Mittls Gesicht nimmt dabei verträumte Züge an.

Das Buch «Glocken für die Ewigkeit. 650 Jahre Glockenguss und Kirchturmtechnik aus Aarau» (AT-Verlag) erscheint am 4. Dezember.