Limmattal

Wenn Auswärtige nicht bezahlten, gab es Prügel

Die Knabengesellschaft Urdorf hat schon vor 100 Jahren mit einem Wagen am Fasnachtsumzug teilgenommen.

Die Knabengesellschaft Urdorf hat schon vor 100 Jahren mit einem Wagen am Fasnachtsumzug teilgenommen.

Die Knabenschaften standen einst für den Erhalt der Sitten und Bräuche im Dorf ein – einige davon haben bis heute überlebt.

Ein Dorf macht dem Winter den Garaus. Dieses Wochenende feiern die Unterengstringer Mittefasten. Die Geschichte des traditionellen Frühlingsdorffestes, dessen Herzstück die drei Brauchtumselemente Kienbesenumzug, Lichterschwemmen und Bööggverbrennen bilden, ist eng mit der Knabenschaft verbunden.

Bis ins 20. Jahrhundert hinein war Mittefasten die Domäne der Gemeinschaft der unverheirateten Männer, ehe diese ihre Bedeutung verlor. Sie berief sich auf Rechte, die mindestens seit 1542 verbrieft sind.

Die «Ehrsamme und Ledigengesellschaft», wie sie in einem Schriftstück aus dem Jahr 1772 genannt wurde, war eine Vereinigung zur Aufrechterhaltung der Dorfsitte. Neben der Durchführung von Mittefasten war die Knabenschaft unter anderem auch für die Organisation von Hochzeitsfeiern mitverantwortlich.

Überdies boten die jungen Männer vom Sparrenberg her die Bevölkerung mit Mörserschüssen für den Wümmet auf.

Auch in anderen Limmattaler Gemeinden haben Knabengesellschaften, Knabenvereine oder Knabenschaften bis heute ihre Spuren hinterlassen oder existieren gar noch. So wie jene in Urdorf. Die dortige Knabengesellschaft wurde erstmals 1824 erwähnt und ist damit der wohl älteste noch existierende Dorfverein.

Aus Eintragungen in der Kirchenrechnung geht hervor, dass die jungen Männer bis Ende des 19. Jahrhunderts in der Neujahrsnacht jeweils die Kirchenglocken läuteten. Auch ein Hochzeitsschiessen für den Pfarrer August Grob aus dem Jahr 1879 ist dokumentiert.

Waldfeste in Urdorf und Aesch

Ebenfalls aktiv waren und sind die jungen Männer bis heute an der Fasnacht. In früheren Jahren entzündeten die Mitglieder der Urdorfer Knabengesellschaft in den Reben ein Fasnachtsfeuer.

Und auch ein Umzug gehörte schon vor 100 Jahren zum ausgelassenen Treiben. Jeweils am Fasnachtsmontag zogen die Knaben «auf einem mit Tannästen und Papierblumen bekränzen Wagen von Restaurant zu Restaurant», wie es in der Gemeindechronik «Urdorf in der Geschichte» heisst.

Noch heute finden in Weiningen Hochzeitsschiessen statt.

Noch heute finden in Weiningen Hochzeitsschiessen statt.

Dabei wurden die Persönlichkeiten des Dorfes mit Versen und Reden auf die Schippe genommen. Neben der Teilnahme an der Fasnacht ist die Urdorfer Knabengesellschaft heute auch an der Chilbi dabei. Zudem organisiert sie alljährlich ein Waldfest.

Letzteres gehört auch zum festen Programmpunkt im Jahreskalender des Knabenvereins Aesch. Er wurde 1962 gegründet und hat zum Ziel den «Zusammenhalt der Aescher ‹Knaben› zu fördern und möglichst viel für das Dorfleben der Gemeinde beizutragen», wie er auf seiner Homepage schreibt.

Dazu gehören die Teilnahme an verschiedenen Fasnachtsumzügen, die Organisation einer Sommernight-Party im Aescher Wald und der Bundesfeier sowie das Führen der Festwirtschaft an der Chilbi.

Ursprünglich gehörte es nicht zum Zweck der Knabenschaften, für ein reges Dorfleben zu sorgen. Die Vereinigungen lediger junger Männer, die in ganz Europa verbreitet waren und ab Mitte des 19. Jahrhunderts verschwanden oder von neuen Jugendverbänden abgelöst wurden, traten als Hüter der Moral ihrer Mitglieder auf.

In dieser Funktion standen sie für den Erhalt von Sitten und Bräuchen in ihrem Dorf ein. Die Gesellschaften umfassten die heiratsfähigen Knaben ab dem 16. oder 17. Lebensjahr.

Wie Karl Heid im Dietiker Neujahrsblatt von 1967 schreibt, überwachten die Knabenschaften «die Liebschaften, die sich über das Dorf hinaus bewegten und waren später bei der Hochzeit weitgehend beteiligt». Der Meisterknabe oder der Herr am Stab, meist ein Junggeselle im vorgerückten Alter, habe die Jugend «unter strenger Aufsicht gehalten».

Barbara schiesst für das Brautpaar

Insbesondere die Hochzeitsschiessen bilden bis heute ein in verschiedenen Gemeinden gepflegter Brauch. Etwa in Weiningen, wo wohl bis vor rund 100 Jahren ein Knabenverein existierte. Dort betätigen sich die Junggesellen als Schützen, wenn einer der ihren in den Stand der Ehe tritt.

Während man dem Brautpaar früher mit Mörsern am Hochzeitstag viel Glück wünschte, kommt seit Anfang der 1970er-Jahre die nach der Schutzheiligen der Artillerie benannte Kanone Barbara zum Einsatz. Sie wurde damals vom Schützenverein erworben.

Früher beschränkten sich die Bräuche rund um die Hochzeit freilich nicht nur auf das Abfeuern von Böllern. Eine wichtige Rolle nahm bereits die Regelung der Beziehung zum anderen Geschlecht ein.

So gehörte der nächtliche Kiltgang zu den Vorrechten der Knabenschaften, die gegen Ortsfremde verteidigt wurde. Damit waren die Besuche – einzeln oder in Gruppen – bei heiratsfähigen Mädchen gemeint, die sich ihrerseits oft im Rahmen von «Stubeten» als Gruppe versammelten.

Wie es jenen Auswärtigen erging, die es wagten, in Oetwil ein Mädchen zu besuchen, schildert Heid. Sie mussten den Knaben zehn Franken bezahlen, wenn sie nicht auf dem Heimweg eine Tracht Prügel einstecken wollten.

Ähnliche Sitten sind aus Uitikon überliefert. Dort war es üblich, den Knaben die ein oder andere Runde zu spendieren, oder man landete in einem Brunnen.

Zudem musste der Bräutigam dem Knabenverein einige «Nötli vermachen», damit er seine Braut aus deren Oberaufsicht herauskaufen konnte. Im Gegenzug erhielt er ein «Knaben-Portrait», einen gerahmten Spruch mit Widmung.

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