Sonntagsgespräch
Weininger ETH-Studentin forscht an der Sonnencreme der Zukunft

Deborah Huber aus Weiningen hat mit sieben anderen Studenten der ETH Zürich nach der Europameisterschaft in Amsterdam auch am MIT in Boston an der Weltmeisterschaft der Biotechnologie um Edelmetall gekämpft.

Katja Landolt
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Deborah Huber ist eben erst aus Amerika zurückgekehrt – und gleich muss sie wieder an die ETH.Katja Landolt

Deborah Huber ist eben erst aus Amerika zurückgekehrt – und gleich muss sie wieder an die ETH.Katja Landolt

Vor wenigen Stunden erst ist Deborah Huber aus Amerika zurückgekehrt. Nach der Weltmeisterschaft am MIT in Boston, dem Massachusetts Institute of Technology, hat sie mit ihrem Team noch einige Ferientage in New York verbracht. Jetzt sitzt sie auf dem Sofa ihres Elternhauses in Weiningen. Jetlag? Deborah Huber schüttelt den Kopf. «Ich bin hellwach.»

Deborah Huber, Sie haben gemeinsam mit anderen ETH-Studenten ein Bakterium geschaffen, das auf UV-Licht reagiert und selber Sonnencreme entwickelt. Das klingt verrückt.

Deborah Huber: (Lacht) Das klingt tatsächlich verrückt. Aber man muss in der Forschung kreativ sein.

Sie studieren Biotechnologie. Das ist etwas in der Schnittmenge von Biologe, Chemiker und Ingenieur?

In der Biotechnologie arbeitet man mit dem, was man in der Natur vorfindet. Man entnimmt den Organismen Gene und setzt diese neu zusammen. Somit bekommen die Organismen eine neue Funktion. Die Gene muss man sich wie Teile einer Maschine vorstellen, die man neu zusammensetzt. Man verändert etwas im Bakterium so, dass es reagiert, wie man will. Aus der alten Maschine wird eine neue mit anderen Funktionen gemacht.

Was fasziniert Sie an der Biotechnologie?

Man lernt, wie das Leben funktioniert. Mich interessiert beispielsweise, was die Ursache einer bestimmten Krankheit ist. Wie die auslösenden Faktoren zusammenspielen oder eben nicht, sodass die Krankheit ausbrechen kann. Dann kommt die Frage auf, wie man die Krankheit heilen kann, welche Teile also gebraucht werden, um den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen.

Eine richtige Detektivarbeit.

Genau. Es ist ein Spiel, ein Tüfteln.

Wie sind Sie darauf gekommen, Biotechnologie zu studieren?

Nach dem Gymi wusste ich nicht, was tun. Eigentlich wollte ich Sprachen studieren. Aber bei Sprachen wird man oft Lehrer und das wollte ich nicht. Also habe ich mich für etwas ganz anderes entschieden und mich als Chemie-Studentin eingeschrieben. Ich habe aber schnell gemerkt, dass es mir nicht so gefällt. Nach den ersten Prüfungen habe ich in Richtung Biologie gewechselt. Das hat mich gepackt. Es war also nicht direkt Zufall, aber ein Hineinrutschen.

Zurück zum Sonnencreme-Bakterium – wie ist es zu diesem Projekt gekommen?

Das Projekt ist in Zusammenhang mit dem iGEM Jamboree Europa Wettbewerb, der Europameisterschaft für Biotechnologie-Studenten, entstanden. Unsere Professoren Jörg Stelling und Sven Panke nehmen seit Jahren mit einem Team am Wettbewerb teil. Im April haben sie einen Aufruf für ein neues Team gestartet. Damals habe ich mich noch nicht beworben; erst als sie im Juni nochmals nachgehakt haben. Ich wollte es einfach probieren. In den ersten paar Jahren des Studiums hat man nur wenige Gelegenheiten, praktisch im Labor zu arbeiten.

Und Sie wurden mit sieben anderen Studenten für das Team ausgewählt. Wie ging es weiter?

Das MIT hat uns Gene geschickt, mit denen wir arbeiten mussten. Die Gene waren quasi wie Legosteine, mit denen wir etwas bauen mussten. Wir haben die Idee für das Sonnencreme-Bakterium selber entwickelt und uns überlegt, wie wir das in der Praxis umsetzen könnten. Von Juli bis Oktober haben wir daran gearbeitet.

Wie muss man sich das vorstellen? Wie bekommt man Gene geschickt?

Das sind Platten mit ganz kleinen Gefässen, in denen nicht mehr als ein Milliliter Flüssigkeit Platz hat. Die Gene entnimmt man mit einer Pipette und beginnt zu arbeiten.

Man bekommt nichts als die Gene geschickt und muss damit etwas anfangen?

Genau. Was wir mit den Genen bauen, ist uns Studenten überlassen. Die Gene sind quasi die Einzelteile, aus denen wir neue Maschinen zusammenbauen. Als Gerüst oder Hülle kann man beispielsweise mit Bakterien oder Pilzen arbeiten.

Sie haben das Bakterium auf UV-Licht abgerichtet.

Richtig, unser Bakterium sollte auf UV-Licht reagieren. Bei Bestrahlung sollte es merken, dass es gefährlich ist und anfangen, grün zu leuchten. Als Schutzfunktion sollte es dann selber Sonnencreme bilden.

Wie kommt man auf so eine Idee?

Wie gesagt, man muss kreativ sein. Manchmal sind Schnapsideen die besten Ideen.

Wozu könnte ein solches Bakterium von Nutzen sein?

Die Idee wäre, dass die Bakterien, die auf unserer Haut leben, so reagieren wie unser Bakterium im Projekt. Somit müsste sich der Mensch nie mehr mit Sonnencreme einschmieren, da das Bakterium warnt, sobald zu viel Sonne da ist, und Sonnencreme produziert. Dann hat man immer dann Sonnencreme auf der Haut, sobald die Haut im Sonnenlicht ist.

Und wie sind Sie beim Umerziehen des Bakteriums vorgegangen?

Wir haben die Gene aneinandergesetzt, ins Bakterium eingepflanzt und gehofft, dass es funktioniert.

Und? Hat es funktioniert?

Nicht ganz so, wie wir das wollten (lacht).

Trotzdem haben Sie die Richter in Amsterdam von Ihrem Projekt überzeugt; Sie wurden unter die 18 besten Teams Europas gewählt.

Damit haben wir überhaupt nicht gerechnet, wir waren völlig überrascht. Wir mussten eine Homepage aufsetzen, auf der das Projekt präsentiert und beschrieben wurde. In Amsterdam mussten wir einen Vortrag halten und die Arbeit auf einem Poster darstellen. Schiedsrichter aus ganz Europa haben uns dann nach ganz unterschiedlichen Kriterien bewertet. Als unser Team-Name bei der Preisverleihung auf der Leinwand aufleuchtete, war das unglaublich.

Was haben die anderen Teams aus ihren Genen zusammengesetzt?

Das Team, das schliesslich gewonnen hat, hat Bakterien in einen Sticker integriert. Wenn man diesen Sticker an einen mit Hackfleisch gefüllten Behälter geklebt hat, haben die Bakterien einen blauen Farbstoff entwickelt, sobald das Hackfleisch verdorben war.

Als Preis für Ihr Projekt durfte Ihr Team an die Weltmeisterschaft ans MIT nach Boston reisen. Das MIT gilt als eine der besten Hochschulen der Welt. Wie war das, dorthin reisen zu können?

Das MIT hat einen extrem guten Ruf. Wir haben oft gehört, «Wow, ihr könnt ans MIT.»

Und, wie ist es?

Sehr beeindruckend, allein die Architektur. Es ist ein riesiger Campus mit sehr speziellen Gebäuden.

Konnten Sie in den Labors des MIT arbeiten?

Nein, wir haben unsere Arbeit wie in Amsterdam präsentiert. In der Zeit zwischen Amsterdam und Boston haben wir hoch motiviert im Labor gearbeitet, wollten das Bakterium unbedingt zum Sonnencreme-Produzieren bringen.

Hat es doch noch geklappt?

Sonnencreme produziert es inzwischen, ja. Aber es hapert noch mit dem Erkennen von UV-Licht. Noch produziert es den Sonnenschutz nicht sofort.

Hat Ihr Team etwas gewonnen?

Wir haben eine Goldmedaille gewonnen. Das bedeutet aber leider nicht, dass wir den Wettbewerb gewonnen haben, sondern dass wir alle Kriterien und Aufgaben erfüllt haben.

Wer hat gewonnen?

Das holländische Team aus Groningen, das bereits in Amsterdam gewonnen hatte; die, die den Sticker für das Hackfleisch entwickelt haben.

Sie haben in Boston die besten Studenten der Welt getroffen. Wie war das?

Es gab gewisse Studenten, die sehr selbstbewusst aufgetreten sind und ihre als die ultimative Idee verkauft haben. Aber es gab auch ganz normale Studenten. Es war spannend zu sehen, was Studenten aus Asien erforschen und bauen.

Haben Sie sich untereinander ausgetauscht?

Während der Posterpräsentationen haben wir mit Studenten anderer Hochschulen gesprochen. Aber die meiste Zeit waren wir im Team, wir mussten viel besprechen und vorbereiten, den Feinschliff reinbringen.

Seit Juli arbeiten Sie in diesem Team. Wie war die Zeit?

Sehr zeitintensiv. Wir standen teilweise sieben Tage die Woche bis spätabends im Labor.

Aber es hat sich gelohnt.

Auf jeden Fall.

Sie waren zu einer Zeit in Amerika, in der da sehr viel passiert ist; Hurrikan «Sandy» und die Präsidentschaftswahlen. Wie haben Sie das erlebt?

Wir sind nach dem Sturm geflogen, wussten nicht recht, ob unsere Flieger überhaupt starten. Aber das war kein Problem. In Boston war der Sturm kein grosses Thema. Die Auswirkungen haben wir dann erst in New York gesehen; geschlossene Läden an der Wall Street, geschlossene U-Bahn-Stationen.

Und die Präsidentschaftswahl?

Erstaunlicherweise haben wir davon fast nichts gemerkt. In Boston waren zwar Grossleinwände aufgestellt worden, aber es hatte kaum Zuschauer. In einigen Gärten hingen ausserdem Plakate. Aber ich hätte mehr erwartet.

Haben Sie Ideen heimgebracht für weitere Projekte?

Ich habe viele Eindrücke gesammelt. Ich habe in diesem Projekt erkannt, dass mich das Arbeiten im Labor fasziniert.

Was bedeutet das für Ihre Zukunft?

Ich habe vor, ein Doktorat zu machen nach dem Masterstudium. Wenn möglich im Ausland, beispielsweise in Skandinavien.