Dietikon

Wegen Stau vor Gericht — Berufs-Chauffeur wehrt sich vergeblich gegen einen Strafbefehl

Der 49-Jährige war am Steuer eines 40-Tönners ohne Ladung unterwegs in Richtung Zürich. Auf den beiden Spuren Richtung Gubrist zu seiner Rechten herrschte stockender Kolonnenverkehr. (Themenbild)

Der 49-Jährige war am Steuer eines 40-Tönners ohne Ladung unterwegs in Richtung Zürich. Auf den beiden Spuren Richtung Gubrist zu seiner Rechten herrschte stockender Kolonnenverkehr. (Themenbild)

Der 49-Jährige konnte im März dieses Jahres trotz einer Vollbremsung des Busses nicht rechtzeitig anhalten. Knapp fünf Wochen danach war dem Lastwagenfahrer ein Strafbefehl über eine Busse von 850 Franken plus 550 Franken Gebühren ins Haus geflattert.

«Stau am Gotthard», «Stau bei der Verzweigung Härkingen», «Stau am Bareggtunnel» – die Verkehrsmeldungen am Radio erinnern an die Rille einer Schellack-Platte, in der die Nadel des Grammophons hängengeblieben ist. Der alltägliche Stau vor dem Gubristtunnel führte an einem Donnerstagmorgen im März dieses Jahres zu einer Karambolage zwischen fünf Autos, entsprechend hohen Sachschaden und veränderte von einer Sekunde auf die andere das berufliche Dasein eines Chauffeurs.

Der 49-Jährige war am Steuer eines 40-Tönners ohne Ladung unterwegs in Richtung Zürich. Auf den beiden Spuren Richtung Gubrist zu seiner Rechten herrschte stockender Kolonnenverkehr. «Als zwei vor mir fahrende Personenwagen blinkten, um nach rechts auf den Überholstreifen Richtung St. Gallen einzuschwenken, habe ich das Tempo von zirka 70 Kilometern pro Stunde auf knapp 50 verringert», bestätigte der Lastwagenfahrer, was auch im Rapport der Polizei vermerkt war. Sekunden später hat es geknallt: Der LKW war gegen einen Mercedes geprallt, der durch die Wucht vier weitere Personenautos zusammenschob. «Urplötzlich war dieser weisse Wagen vor mir. Es ging alles so huere schnell. Ich habe weder Rücklichter, noch Blinker gesehen», sagte der Chauffeur.

«Trotz Vollbremsung das Auto am Füdle erfasst»

Im Nachhinein stellte sich heraus, dass die Frau am Steuer des Mercedes von der Spur Richtung Zürich-City auf die Überholspur Richtung St. Gallen wechseln wollte, dann aber nicht in die dicht an dicht fahrende Kolonne hatte einschwenken können. «Trotz Vollbremsung habe ich ihr Auto am Füdle erfasst», sagt der LKW-Chauffeur.

Knapp fünf Wochen danach war dem Lastwagenfahrer wegen «fahrlässigem Nichtbeherrschen des Fahrzeugs mangelnder Aufmerksamkeit» ein Strafbefehl über eine Busse von 850 Franken plus 550 Franken Gebühren ins Haus geflattert.

Ein Entzug des Billetts blieb noch sistiert, hing fortan aber wie ein Damoklesschwert über dem 49-jährigen Familienvater. Seit 20 Jahren ist er Berufschauffeur; sein automobilistischer Leumund war bis dahin tadellos. Logo, dass der Mann Einspruch gegen den Strafbefehl erhoben hatte.

Zur Verhandlung vor Einzelrichter Bruno Amacker erschien er in Begleitung seines Arbeitgebers. Dessen Firma besitzt 13 Lastwagen, die jährlich in der Schweiz eine halbe Million Kilometer fahren. Würde ein Schuldspruch Folgen für den Mitarbeiter haben? «Ich weiss es nicht. Aber was mache ich mit einem Chauffeur, der keine Fahrerlaubnis hat», fragte sich der Arbeitgeber vor der Verhandlung.

Auch ein Anwalt war dabei, der selbstverständlich auf Freispruch plädierte. Er betonte, dass dem Statthalter, der den Strafbefehl ausgestellt hatte, mit dem Polizeirapport keine wirklich aussagekräftigen Aussagen von Beteiligten zur Verfügung standen. «Er musste also allein aus der Tatsache, dass es einen Unfall gegeben hatte, geschlossen haben, dass der Chauffeur nicht aufmerksam gewesen war».

Das aber sei durchaus nicht der Fall gewesen. Überdies müsse sich jeder, der hinter einem Steuer sitzt, darauf verlassen können, dass die anderen Verkehrsteilnehmer sich regelkonform verhielten. Da kurz zuvor zwei Autos vor seinem Mandanten auf die rechte Spur eingebogen waren, habe er durchaus nicht erwarten müssen, dass ein dritter Wagen noch halb auf seiner Spur «unverhofft und über Massen heftig abbremsen würde».

Richter spricht von «Bagatell-Übertretung»

Richter Amacker bezeichnete das Verschulden des Chauffeurs zwar «insgesamt als sehr gering», sprach den 49-Jährigen aber dennoch schuldig. Dies vor allem, weil der Mercedes sich ja bereits auf seiner Spur befunden habe und nicht «aus dem Nichts reingeschossen war».

Amacker reduzierte die Busse auf 300 Franken. «Über die Folgen bezüglich Führerschein-Entzug bestimmt das Strassenverkehrsamt. Ich kann nur sagen, dass der Gesetzgeber dringend über die Bücher gehen müsste, damit solche Bagatell-Übertretungen nicht weiterhin schwerwiegende Folgen auch für bestens beleumundete Berufschauffeure haben können.»

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