Kunst
Was von einem grossen Künstler übrig bleibt — die Familie öffnet die Tore des Ateliers

Ab heute Samstag zeigt die Familie des 2018 verstorbenen Plastikers Jürg Altherr Arbeiten, die in seinem Schlieremer Atelier zurückblieben. Der für grosse und schwere Werke bekannte Altherr zeigt dort auch seine filigrane Seite.

Alex Rudolf
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Werke vom Künstler Jürg Altherr.
11 Bilder
Im Uterus Altar aus dem Jahr 2014: Witwe Thea und Tochter Johanna Altherr bereiten alles für den Start der Atelier-Ausstellung vor.
Die Modelle aus dem Jahr 2012 für das Projekt Kleines Himmelszelt: Für den Betrachter, der sich darunter stellt, soll der Himmel eingerahmt werden.
Die Körperhälften der Installation «Lust Schmerz Tod Nächstenliebe mit freundlichen Grüssen» lassen sich öffnen und schliessen. Sie stammt aus dem Jahr 1977.
Waghalsig: 20 Tonnen Wasser in der ETH-Kuppel.
Zuoberst auf dem Gestell steht das Windrechen-Modell. Das Werk steht heute beim Albisrieder Gemeinschaftsgrab. Dort fand auch Altherr seine letzte Ruhe.
Modell des Ustermer Turms: Eigentlich hätte er 30 Meter hoch und begehbar werden sollen.
Der Schlitz wurde 2005 auch in Baden ausgestellt.
2013 stand der Schlitz vor dem Schlieremer Stadthaus und erhitzte die Gemüter,
2010 stellte sich Altherr den Fragen der Albisrieder Bevölkerung, die mit seiner Plastik namens Windrechen nicht zufrieden waren.
Für wenige Tage konnte Altherrs Turm auf dem Ustermer Zeughaus-Areal besichtigt werden, bevor er aus Sicherheitsgründen wieder rückgebaut werden musste.

Werke vom Künstler Jürg Altherr.

Roland Schmid

Die Trauernden sollten nicht zu Boden schauen, sondern nach oben, wo der Himmel von seiner Skulptur umrahmt wird. Mit dieser Leitidee gestaltete Jürg Altherr 2010 das Gemeinschaftsgrab des Friedhofs Albisrieden. Die meterhohen Eisenstangen des Windrechens, so der Titel der Skulptur, sorgten für Aufruhr bei der Quartierbevölkerung. Es ging sogar so weit, dass sich Altherr in einer öffentlichen Veranstaltung erklären musste. «Zahlreiche seiner Werke erzürnten die Bevölkerung – das war zwar hart, aber für ihn war das nichts Neues», sagt Johanna Altherr. Die Tochter des 2018 verstorbenen Plastikers steht gemeinsam mit ihrer Mutter Thea Altherr im Atelier ihres Vaters auf dem Schlieremer Gaswerk-Areal. Hier hat Johanna Altherr nicht nur immer wieder gemeinsam mit ihrem Vater gewirkt, sondern seit rund einem Jahr mit Kunsthistoriker Stefan Wager den Nachlass ihres Vaters aufgearbeitet. Noch bis vor wenigen Wochen war das Atelier mit alten Werken, Modellen und Skizzen gefüllt, heute ist alles angenehm übersichtlich. Wie viele Werke genau geblieben sind, will Johanna Altherr nicht preisgeben. Aber: Eines davon ist das Modell des Windrechens im Massstab eins zu zwanzig.

Ab kommendem Samstag öffnen die beiden Frauen die Tore des Ateliers an drei Wochenenden. Denn bis zum kommenden März muss das Atelier geräumt sein, da Kunstschaffende der Arbeitsgemeinschaft Zürcher Bildhauer (AZB) nachrücken und den Raum in Beschlag nehmen wollen.

Die Archivierung solcher Werke ist sehr kostspielig

«Anhand der Werkdokumentation, mit der ich seit dem Tod meines Vaters beschäftigt bin, wollten wir uns einen Überblick über das Vorhandene schaffen, sodass wir mit Kulturinstitutionen in Kontakt treten können.» Optimal wäre es, wenn solche Institutionen etwas kaufen würden oder eine Schenkung oder Dauerleihgabe annehmen würden, sagt Johanna Altherr. Denn: «Die fachgerechte Archivierung solcher, teils übergrosser, Werke ist kostspielig.»

Die wohl harteste Arbeit sei das Loslassen von gewissen Werken gewesen, sagt Johanna Altherr. «Besonders schmerzhaft war etwa die Entsorgung von zwei Kartonwänden, die wir zusammen gebaut hatten. Doch gehörten sie schlichtweg nicht zu jenen Arbeiten, die sich derzeit weiterverwenden lassen.»

Die Werke, die im ganzen Raum und auf zwei Zwischengeschossen verteilt stehen, verschaffen einen Querschnitt durch Altherrs Schaffen. Die Arbeiten aus seinen jungen Jahren muten tollkühn an. Dies zeigen etwa die Fotos der Wasserplastik, die er gemeinsam mit seinen Studenten 1979/80 unter der Kuppel der ETH erstellte. Eine Plastikfolie, einen halben Millimeter dick, wurde mit gespannten Stahlseilen unterlegt und anschliessend mit mehreren Hektolitern Wasser gefüllt, sodass die entstandene Skulptur, die augenscheinlich in der Kuppel schwebte, als Schwimmbad genutzt werden konnte. «Rückblickend ist dies eines der Schlüsselwerke meines Mannes», sagt Thea Altherr.

Jürg Altherr im Jahr 2013.

Jürg Altherr im Jahr 2013.

Roland Schmid

Der Ausnahmekünstler unter den Zürcher Bildhauern rief «Skulptur in Schlieren» ins Leben

Mit 73 Jahren verstarb Jürg Altherr Anfang Juni 2018. Er war eine der prägenden Figuren in der Schweizer Plastiker-Szene. Altherr entstammte einer Zürcher Architekten-Familie mit Faible für das Gestalterische. Sein Grossvater war Direktor des damaligen Kunstgewerbemuseums und sein Vater Alfred entwarf die bekannte Landi-Bank. Altherr studierte erst in Mailand und brachte sich anschliessend in Tessiner Steinbrüchen das Handwerk des Bildhauers bei. Nach seiner Rückkehr studierte er in Rapperswil Landschaftsarchitektur. Gleich im Anschluss an den Erhalt des Diploms fasste er von der Hochschule Rapperswil einen Lehrauftrag in Geländemodellierung.

Parallel dazu arbeitete er an Projekten, die teilweise schon damals viel beachtet wurden. Etwa die Skulptur «100 Zürcher», bei dem er die nackten Rücken- und Gesässpartien von Freiwilligen abgoss und anschliessend in einer Seilkonstruktion aufhängte. Mitte der 1980er-Jahre kam er nach Schlieren und hatte fortan sein Atelier auf dem Gaswerk-Areal. Der 12 Meter hohe Raum sollte das Zentrum seines Schaffens bilden. Die Arbeitsgemeinschaft Zürcher Bildhauer (AZB), der alle Nutzer der Gaswerk-Ateliers angehören, wurde massgeblich von Altherr geprägt. So präsidierte er die Arbeitsgemeinschaft und rief 2006 das Projekt Skulptur in Schlieren ins Leben, im Rahmen dessen AZB-Künstler in regelmässigen Abständen Werke im öffentlichen Raum ausstellen sollten. Er habe die AZB wachgerüttelt und darauf bestanden, dass die Künstler in Schlieren in Erscheinung treten, liessen sich frühere Weggefährten zitieren. Altherr ging dabei mit gutem Beispiel voran und zeigte seine Werke im öffentlichen Raum.

Themen, die ihn in beinahe all seinen Arbeiten bewegten, waren die Leichtigkeit und die Schwere. Oftmals spielte er mit diesen beiden Eigenschaften, die sich nur vermeintlich gegenseitig ausschliessen. Zu seinen wohl bekanntesten Werken gehört die «Himmelsleiter», die im Hof der kantonalen Verwaltung an der Zürcher Stampfenbachstrasse installiert ist oder eine brückenartige Betonskulptur bei der Kaserne Frauenfeld. Innerschweizer Autofahrern dürfte auch die Lärmschutzwand mit ihren geschwungenen Metallverkleidungen in Emmen ein Begriff sein. Diese wurde von der Architekturzeitschrift «Hochparterre» mit einer Auszeichnung bedacht. Das Projekt, das noch heute am häufigsten in den Medien diskutiert wird, ist der Turm von Uster. Das tonnenschwere Auftragswerk konnte erst diesen Sommer nach jahrelangem Hin und Her auf dem Kasernenareal in Uster erstmals aufgestellt werden. (aru)

Der Turm von Uster hätte eigentlich begehbar sein sollen

Die Werke, die in seinen letzten Schaffensjahren entstanden, waren weitaus weniger waghalsig. Eine seiner letzten Arbeiten im Jahr 2014 ist der rund vier Meter hohe Uterus Altar aus Karton. Ein Material, das er trotz seiner allmählichen Altersschwäche gut bearbeiten konnte. «Karton gab ihm die Möglichkeit, viel auszuprobieren,» sagt Thea Altherr, während ihre Tochter Johanna ins innere der kokonartigen Skulptur tritt und erklärt, dass sich das Werk auch durch seine Farbe Rot von den anderen Arbeiten abhebt. Nun tritt auch Thea Altherr hinein und die beiden Frauen schauen in die Höhe, dann wieder auf die Kartonprismen, aus denen die Arbeit gefertigt ist. Wie kam er wohl auf diesen Titel? «Keine Ahnung. Die Namen seiner Werke hatten immer ein Denkanstoss», sagt Thea Altherr und verlässt den Uterus Altar.

Auch nach dem Tod des Künstlers schlug sein Schaffen hohe Wellen. Besonders sein Turm von Uster, wie er zwischenzeitlich genannt werden könnte, schaut auf eine bewegte Vergangenheit zurück. Die Auftragsarbeit wurde erst von der Bevölkerung von Wald, wo sie ursprünglich hätte aufgestellt werden sollen, bekämpft. Schliesslich schenkte sie der Besitzer der Stadt Uster, die aber erst keinen Standort dafür fand. Nachdem die 12-Tonnen-Skulptur diesen Sommer auf dem Ustermer Zeughaus-Areal aufgestellt werden konnte, kam der herbe Rückschlag. Zwei Seile, sie wiegen rund 60 Kilogramm, lösten sich und fielen zu Boden. Aus Sicherheitsgründen wurde der Turm rückgebaut. Derzeit wird er saniert.

Seine Arbeiten sollten an die Grenzen der Physik gehen

Das erste Modell des Ustermer Turms ist im Schlieremer Atelier zu finden. Doch bemerkt man erst auf den zweiten Blick, dass es sich um eine Vorstufe des besagten Projektes handelt. «Ursprünglich hätte der Turm rund 30 Meter hoch und begehbar sein sollen», sagt Nora Altherr, die zweite Tochter, die zwischenzeitlich dazugestossen ist. Er wird nicht etwa durch ein Fundament gehalten, sondern vom Gewicht der Stahlseile. Das Modell lässt sich sogar bewegen und hätte jenen, die sich auf die Spitze getraut hätten, sicher viel Mut abverlangt. «Mein Vater wollte mit zahlreichen seiner Arbeiten die Grenzen der physikalischen Gesetze ausloten», sagt Johanna Altherr.

Dies zeigte auch ein Werk, das in Schlieren zu sehen war. Der Schlitz, eine sechs Meter hohe, schräg stehende Stahl-Plastik, die aus Sicht des Betrachters beinahe zu kippen drohte, wurde im Rahmen der Ausstellungsreihe Skulptur Schlieren vor dem Stadthaus ausgestellt, wo er bei Betrachtern und Passanten für viel Gesprächsstoff sorgte. Heute hat das Werk seinen festen Platz im appenzellischen Teufen.

«Solche Diskussionen um die Werke meines Vaters gehörten bei uns halt einfach dazu», sagt Johanna Altherr. Der Künstler fand seine letzte Ruhe übrigens dort, wo er einst für die wohl grösste Unruhe gesorgt hatte: im Gemeinschaftsgrab des Friedhofs Albisrieden unter dem umstrittenen Windrechen.