Dietikon
Was macht eigentlich Marcel Schelbert? Der ehemalige Spitzensportler ganz privat

Auch 14 Jahre nach seinem Rücktritt nicht vergessen: Der ehemalige Leichtathlet und WM-Medaillengewinner Marcel Schelbert über Spitzensport, Beruf und Familie und wieso er seine sportlichen Aktivitäten heute auf ein Minimum beschränkt.

Franziska Schädel
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Nach Jahren des täglichen Trainings treibt Marcel Schelbert heute nur noch sporadisch Sport.Keystone

Nach Jahren des täglichen Trainings treibt Marcel Schelbert heute nur noch sporadisch Sport.Keystone

Franziska Schädel

«Intensiv kann man im Leben gleichzeitig nur zwei Dinge betreiben. Ab drei Dingen wird es schwierig.» Dieses Credo hat die Sportkarriere von Marcel Schelbert geprägt und es leitet ihn auch heute noch, 14 Jahre nach seinem Rücktritt vom Spitzensport. Der ehemalige Leichtathlet und mehrfache Schweizer Meister über 400 m Hürden krönte seine Karriere 1999 an der Weltmeisterschaft in Sevilla mit einer Bronzemedaille und dem Schweizer Rekord – daneben studierte er in Zürich. Heute engagiert er sich als Familienvater und im Beruf. «Ich versuche, hier eine Balance zu finden, für weitere Engagements bleibt keine Zeit», sagt er.
Der 41-Jährige arbeitet als Assistent des Geschäftsführers bei der Firma Transa, einer Anbieterin von Reise- und Outdoorausrüstung. Für das Interview hat er ein Sitzungszimmer seiner Arbeitgeberin reserviert. «Alle zwei bis drei Jahre bekomme ich Anfragen, die sich auf meine Sportkarriere beziehen», sagt er. Seine damals aufgestellte Rekordzeit ist immer noch gültig. «Irgendwann wird einer kommen, der schneller läuft», sagt er lachend. «Klar ist ein Schweizer Rekord schön, aber am Höhepunkt meiner Karriere habe ich mich an den internationalen Zeiten orientiert.»
Bei seinem Arbeitgeber ist der ehemalige Spitzensportler zuständig für das Projekt- und Prozessmanagement. «Ich lerne gerne ‹on the job›, in die Schule bin ich lange genug gegangen», sagt er. Die Digitalisierung und die Auswirkungen des Onlineshoppings auf den stationären Handel seien Fragen, mit denen er sich heute auseinandersetze. Nach dem Wirtschaftsstudium an der Universität Zürich arbeitete Schelbert über neun Jahre bei der UBS, bevor es ihn für ein kurzes Intermezzo wieder zurück in die Sportwelt zog. Bei einem privaten Sportfernsehsender war er in der Geschäftsleitung zuständig für die Finanzen, das Personal und die Technik. Das Unternehmen habe aber nicht floriert, und irgendwann sei ein erneuter Wechsel nötig geworden, erzählt er.

Marcel Schelbert gewann an der Leichtathletik-WM 1999 Bronze.
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Gutgelaunt: Ex-Leichtathelitk-As Marcel Schelbert (links) mit Radstar Fabian Cancellara. Am 83. Spenglercup in Davos. André Häfliger, 26.12.09.
Marcel Schelbert gewann an der Leichtathletik-WM 1999 Bronze.
Leichtathletik Auffahrtsmeeting: Marcel Schelbert wird von SF DRS gefilmt.

Marcel Schelbert gewann an der Leichtathletik-WM 1999 Bronze.

AZ

Er suchte die Verantwortung

«Ich habe sehr schöne Erinnerungen an meine Kindheit», erinnert sich Schelbert, der in Dietikon aufwuchs und später mit seiner Familie nach Spreitenbach zog. «Wir konnten im Quartier spielen, wohnten nahe am Wald, und ich hatte gute Kollegen und gute Lehrer.» Zum Sport fand er beim polysportiven Verein Satus Dietikon. Möglicherweise hätte auch ein Fussballstar aus ihm werden können, denn bis zur vierten Klasse kickte er auch beim FC Dietikon. Als er sich entscheiden musste, war aber klar: Für seine Erfolge oder Misserfolge wollte er selber verantwortlich sein. Ein Mannschaftssport, bei dem nicht immer alle am gleichen Strick ziehen, war nicht seine Sache.
Der Leistungssport hat sich in den letzten 20 Jahren stark verändert, ist Marcel Schelbert überzeugt. Als Beispiel nennt er die zunehmende Kommerzialisierung. Auch wissenschaftlich, medizinisch und gesellschaftlich habe sich in der Sportwelt viel verändert. «Das Commitment der Sportler aber, die Stetigkeit, der Wille, erfolgreich zu sein, das ist gleich geblieben, und das ist es, was zum Ziel führt.» Schelbert ist sich bewusst, dass es heute aufgrund sozialer Medien auch schwieriger ist, sich einen gewissen Grad an Anonymität zu wahren. «Das war vor 20 Jahren noch einfacher.» Er kann sich noch gut daran erinnern, dass es zu Beginn seiner internationalen Karriere ein eigenartiges Gefühl war, in der S-Bahn oder auf der Strasse erkannt zu werden. «Ich musste mich erst daran gewöhnen, dass Leute zu tuscheln begannen, wenn sie mich sahen», sagt er mit einem Lachen.

Karriereende nach Verletzungen

Seine sportliche Karriere beendete Marcel Schelbert 2003, nachdem ihn mehrere Operationen leistungsmässig so stark zurückgeworfen hatten, dass er nicht mehr daran glaubte, mit einem vernünftigen Aufwand wieder an seine Höchstleistungen anknüpfen zu können. Seinen Traum von einer Olympiamedaille musste er begraben. «Natürlich war das eine grosse Enttäuschung». Geblieben sind die schönen Erinnerungen, auch wenn er bedauert, dass für ihn nie die Schweizer Nationalhymne gespielt wurde.

Rückblickend würde er heute der Regeneration mehr Beachtung und Zeit schenken. «Ausruhen, Zeit für einen Mittagsschlaf, das kam für mich damals nicht infrage. Entweder ich trainierte oder ich arbeitete für mein Studium». Und vielleicht, sinniert er, hätte er nochmals eine Phase totaler Konzentration auf den Sport einbauen sollen. «Nach dem Rücktritt musste ich mir wieder einen neuen Kollegenkreis ausserhalb der Sportwelt aufbauen. Das war die grösste Veränderung und Herausforderung.» Alles, was nicht Sport oder Schule und später Studium war, hatte während der Karriere keinen Platz in seinem Leben. «Meine Kollegen haben mich nie eingeladen, mit ihnen zum Schwimmen oder Fussballspielen mitzukommen. Sie wussten, der Schelbert hat sowieso keine Zeit.»

Zum Zuschauer geworden

Sport verfolgt der ehemalige Spitzensportler nur noch als passiver Zuschauer und Medienkonsument. Seine sportlichen Aktivitäten beschränkt er, der jahrelang täglich mehrere Stunden trainierte, heute aber auf ein Minimum. «Hie und da eine Wanderung, zwei- bis dreimal Langlauf, dann und wann Fussball mit Kollegen – ich kann’s an zwei Händen abzählen», sagt er lachend. Nicht ausschliessen will er, dass er über seine Kinder vielleicht wieder als Juniorentrainer aktiv wird. Aber noch seien sie klein und machten ihre ersten Versuche im Turnverein. Und dann hat Marcel Schelbert, der sich wundert, wie viele Mädchen und Jungen heute keinen Purzelbaum mehr schlagen können, noch einen Tipp für alle Kinder bereit: «Geht nach draussen, bewegt euch, das ist lässig.»