Dietikon

«Was bringt es, klimafreundlich zu sein?» - Wenn Lernende der Politik auf den Zahn fühlen

Die Berufsschülerinnen und -schüler des Bildungszentrums Limmattal stellten den Kantonsrätinnen Christa Stünzi (GLP) und Astrid Furrer (FDP) an einem Podium kritische Fragen.

Politik macht nicht vor dem Schulzimmer Halt. Das zeigte sich gestern im Bildungszentrum Limmattal in Dietikon. An einem Podiumsgespräch äusserten sich die Zürcher Kantonsrätinnen Astrid Furrer (FDP) und Christa Stünzi (GLP) zu Klimathemen und der Beziehung zwischen der Schweiz und der EU.

Wer denkt, dass die gut 80 anwesenden Berufsschülerinnen und -schüler den einstündigen Anlass gezwungenermassen über sich ergehen liessen und lieber aus dem Fenster oder aufs Smartphone schauten, irrt. Die jungen Frauen und Männer gestalteten das Podium aktiv mit, indem sie den Politikerinnen kritische Fragen stellten. So erkundigte sich ein Lernender, wie die beiden Frauen den Weg ins Bildungszentrum Limmattal gefunden hatten. Stünzi und Furrer waren mit dem Zug angereist. Letztere gab aber zu, dass sie von ihrem Zuhause in Wädenswil mit der Vespa an den Bahnhof gefahren sei.

Veranstaltet wurde das Podium vom Verein Discuss it anlässlich der bevorstehenden nationalen Wahlen vom 20. Oktober. Der Verein setzt sich für die politische Bildung von Jugendlichen ein und führte in dieser Woche bereits drei Podien am Bildungszentrum Limmattal durch. Die Moderation übernahm David Fischer von «Discuss it».

Atomenergie löst Umweltprobleme nicht

«Warum sind die Grünen gegen Atomenergie, wenn sie doch billig, effizient und CO2-neutral ist?», wollte ein Berufsschüler von der GLP-Kantonsrätin wissen. «Unsere Partei fordert den Ausstieg aus der Atomkraft. Diese ist zwar in Bezug auf CO2-Ausstoss neutral, aber das Problem des Atommülls ist nicht gelöst», sagte Stünzi. Man müsse aufpassen, dass man in der Klimadebatte nicht nur Lösungen gegen CO2-Emissionen suche, sondern auch andere Umweltprobleme ernst nehme. Furrer zeigte sich weniger skeptisch gegenüber der Atomenergie. Man müsse die Entsorgung des Atommülls schnell angehen und gleichzeitig weiterforschen. Sie verriet: «Als Politiker wird man jedoch stark angefeindet, wenn man Atomkraft nicht per se ausschliesst.»

Ein Berufsschüler stellte Elektroautos infrage. «Warum unterstützen Sie die Nutzung von Elektroautos, wenn für die Herstellung der Batterien 40 Prozent des Kobalts illegal abgebaut werden und Menschen in den Abbaugebieten darunter leiden?», fragte er Stünzi. Aktuelle Studien zeigten, dass das weniger problematisch sei als auch schon, gab diese zur Antwort. «Wichtig ist, dass man Fortschritte beim Recyceln von vorhandenen Rohstoffen machen konnte, sodass man zum Beispiel bereits geschürften Kobalt von alten Batterien wiederverwerten kann.»

Die Kritik an den neuen Autos flaute nicht ab. «Ich habe gelesen, dass die Herstellung einer Tesla-Batterie einen so grossen Umweltschaden verursacht, wie wenn man mit einem Auto mit Verbrennungsmotor 100 000 Kilometer zurücklegt», sagte ein Jugendlicher. Die Alternative zu einem Benzinmotor könne nicht ein reiner Elektromotor sein, entgegnete Furrer.

Ein anderer Berufsschüler bekundete seine Zweifel an den Bemühungen in Sachen Klimaschutz. «Was bringt es uns in der Schweiz, klimafreundlich zu sein?» Die USA, China oder Indien würden viel mehr Emissionen freisetzen. Stünzi widersprach: «Klar kann man sagen, andere sind schlimmer, aber das löst das Problem nicht.» Die Schweiz habe die Möglichkeit, über den Finanzmarkt Investitionen in Nachhaltigkeit zu tätigen und Technologien zu erforschen. «Wir können eine Führungsrolle einnehmen und als Vorbild vorangehen, um anderen Ländern zu zeigen, wie wichtig der Klimaschutz ist.»

Auch das Verhältnis Schweiz - EU und damit verbunden das umstrittene Rahmenabkommen, das die Beziehung der beiden Partner regeln soll, stand zur Debatte. Die Politikerinnen stellen sich hinter die Verträge und betonten deren Wichtigkeit für die Stabilität der Schweizer Wirtschaft. Man sei auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen. Ein Jugendlicher wollte in diesem Zusammenhang wissen, was die Referentinnen von Tradition und Nationalstolz halten und ob diese mit mehr Ausländern im Land nicht verloren gingen. «Ich habe keine Bedenken. Das Schwingen erlebt derzeit einen Boom. Das Ziel muss eine gute Durchmischung sein und dass Ausländer Schweizer Werte akzeptieren», sagte Furrer.

Die FDP-Kantonsrätin zeigte sich am Ende des Anlasses beeindruckt vom lebendigen Austausch mit den Jugendlichen. «Ich fand es lässig und bereichernd. Es war ja nicht das Ziel, ein Wohlfühlprogramm zu geniessen, sondern die Meinungen der Schüler zu hören.»

Personen zählen mehr als Parteien

Eine gute Erfahrung war das Podium auch für die Lernenden. «Es war schön, die Personen einmal live zu erleben statt nur im Fernsehen oder im Radio», sagte Denise Sieber aus Zürich. Ihr Mitschüler Loris Etter aus Pfäffikon stellte fest, dass die Meinungen der einzelnen Personen in einigen Punkten vom Parteiprogramm abweichten. «Ich wähle deshalb Personen und nicht Parteien», war sein Fazit. Auch für Julian Looser aus Oberwil-Lieli war der Vormittag spannend. «Es hat mir geholfen, mich zu informieren. Ich finde Politik interessant, würde aber nicht wie etwa mein Kollege, der in der jungen SVP ist, meine ganze Freizeit opfern.»

Das Bildungszentrum begrüsst die Podiumsreihe. «Es ist eine andere Form von Unterricht, mit der man die Lernenden für das Thema Politik begeistern kann. Das ist eine wichtige Voraussetzung, dass Lernen stattfindet», sagte Urs Hassler, Lehrer für Allgemeinbildung. «Politische Bildung ist uns wichtig. Wir wollen damit ermöglichen, dass sich die Schüler ohne äusseren Einfluss entscheiden können, wie sie wählen und abstimmen», sagte Rektorin Claudia Hug. An der Schule könne man als Lehrperson Themen nicht so vehement vertreten wie Politiker. Man müsse die Neutralität wahren, so Hug. «Daher ist es bei so emotionalen Themen wie Klimaschutz und Ausländerfragen gut, wenn jemand Externes die Diskussion leitet.»

Autor

Sibylle Egloff

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