Es ist eine scheinbar simple Frage: Trinkst du einen Kaffee? Doch für Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) kann sie verwirrend sein. Weshalb das so ist, erklärt der Psychologe Matthias Huber an einem Beispiel. Was allgemein als Einladung verstanden wird, nimmt der ASS-Betroffene anders wahr: Als unlogische Feststellung. Die Frage seines Gegenübers bringt ihn deshalb ins Grübeln.

Dieses und weitere Beispiele erläuterte Huber in seinem Einstiegsreferat am
15. Autismus-Forum der Stiftung «Kind und Autismus» in Urdorf, dessen Ziel es war, den Autismus aus der neurowissenschaftlichen Perspektive zu beleuchten. Huber, der selbst mit dem Asperger-Syndrom lebt, sorgte damit für einen verständlichen, bisweilen auch lockeren Einstieg in einen Tag, der rund 200 Personen in die Neue reformierte Kirche lockte.

Faszinierende Einblicke

Für Stiftungsleiterin Andrea Capol, die seit Mai im Amt ist, und für ihr Team, war der Anlass mit dem Titel «Das andere Denken» ein grosser Erfolg. «Das Forum richtete sich an alle Interessierten, Betroffenen und Fachpersonen», so Capol. Ihre Begrüssungsworte lehnten sich nicht zufällig an die Apple-Kampagne «Think different» an; ASS-Betroffene seien Helden, die anders denken. Und sie kündigte die zu erwartenden Referenten als führende Persönlichkeiten ihres Fachs an.

Nach Huber stand Moritz Daum, Professor für Entwicklungspsychologie des Säuglings- und Kindesalters an der Universität Zürich, am Pult. Sein Referat «Die sozial-kognitive Entwicklung in der frühen Kindheit» bot lehrreiche Einsichten. So entwickeln Kinder bereits im ersten Lebensjahr eine Sensibilität für soziale Akteure und sie beginnen damit, das Handeln anderer zu interpretieren und zu verstehen. Im zweiten und dritten Lebensjahr fangen Kinder dann an, ihr Handeln mit anderen zu koordinieren. Auch wenn Daum in seiner Präsentation nicht von Kindern mit ASS ausging und erst am Schluss erwähnte, dass die präsentierten Fähigkeiten bei Betroffenen eingeschränkt sind, bot er einen faszinierenden Blick in die ersten Monate eines Menschen.

Cristiano Ronaldo kann helfen

Anschaulicher wurde es bei Dominik Gyseler, Dozent der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik in Zürich, der die «Bauweise des autistischen Gehirns» darlegte. Er sprach dabei auch von einem Kampf der Giganten, der sich im Gehirn abspiele; von dem ungenügenden Zusammenspiel zwischen dem Stirnhirn, das «keine Überraschungen mag» und dem limbischen System, das zuständig für Emotionen ist. Dies sei mitverantwortlich für die typischen Verhaltensweisen bei Autisten.

Gyselers Erläuterungen zum Thema, aber auch seine Tipps sorgten für viel Gesprächsstoff. Tatsächlich könne ein Foto von Fussballstar Cristiano Ronaldo in seiner Pose kurz vor dem Freistoss – immer wieder angewandt – als Konzentrationshilfe bei Kindern mit ASS dienen. Eine Pippi Langstrumpf hingegen sorge für Mut, und Lucky Luke dafür, dass es cool ist, abzuwarten.

Ein wertvoller Gewinn

Im weiteren Verlauf standen noch ein drittes Referat der Psychiaterin Helene Haker Rössler («Neue Modelle zum Verständnis autistischer Informationsverarbeitung») sowie drei parallel laufende Workshops auf dem Programm.

Zu guter Letzt stimmte nicht nur das grosse Interesse die Organisatoren freudig, sondern auch eine frisch eingetroffene Nachricht: «Die Stiftung ist der Sieger des diesjährigen ‹Charity of the Year Award› der Swiss Re Foundation, und wir erhalten ein Preisgeld in der Höhe von 50 000 Franken», sagt Capol. Das Geld werde man für Schul-Container verwenden, um provisorisch mehr Platz in der 15plus-Stufe zu schaffen.