Velos, Autos und Maschinenfahrzeuge säumen ein Fabrikgebäude. Daneben verläuft eine Schiene, auf der ein grüner Bahnwaggon steht. Das Gleis führt durch das ganze Gebiet, das von zahlreichen länglichen Hallen dominiert wird. «Es veranschaulicht gut, wie gross die Firma war. Wenn man vom Eingang bis in den hintersten Bereich des Areals lief, musste man dafür 1,3 Kilometer Weg unter die Füsse nehmen», sagt Patrick Bigler und zeigt auf das Modell der Schweizerischen Wagons- und Aufzügefabrik AG Schlieren, im Volksmund auch «Wagi» genannt. Die Miniatur-Anlage, die 1974 von mehreren Lehrlingen für das 75-Jahr-Jubiläum der «Wagi» gebaut wurde, hat die Öffentlichkeit bisher noch nicht zu Gesicht bekommen. Erst seit Kurzem steht sie im «Wagi»-Museum in Schlieren. «2016 wurde das Modell in der Zehntenscheune entdeckt. Der pensionierte Handwerkslehrer Willi Moosmann hat es in den vergangenen drei Jahren mit viel Herzblut instand gestellt», sagt Bigler. Am Sonntag, dem internationalen Museumstag, will der Leiter des «Wagi»-Museums das Fundstück einweihen und den Besuchern zeigen.

Der diesjährige Internationale Museumstag steht in der Schweiz unter dem Motto «Museen — Zukunft lebendiger Traditionen». Wie halten Sie die Tradition der «Wagi» am Leben?

Patrick Bigler: Mithilfe von einstündigen Gruppenführungen versuchen wir die Geschichte der Schweizerischen Wagons- und Aufzügefabrik AG Schlieren erlebbar zu machen. Zu sehen sind unter anderem Dokumente aus der Gründungszeit 1899, Fotografien, Modelle sowie Filme, die wir selbst aufbereitet haben. Da wir kein verstaubtes Museum sein wollen und wissen, dass bei einem Museumsbesuch das Erlebnis zählt, arbeiten wir an einer «Virtual Reality»-Brille mit Kopfhörern, die einem visuell und akustisch ins Jahr 1902, in die Blütezeit der Waggonfabrik, versetzen.

Besonders an unserem Museum ist zudem, dass Besucherinnen und Besucher in alten Dokumenten aus dem Archiv blättern können. Das macht die Geschichte wortwörtlich fassbar. Wir hoffen, dass wir auf diese Weise die Traditionen, die die Firma in Schlieren pflegte, nämlich die der erfolgreichen Schweizer Maschinenbauindustrie und die der sozialen Unternehmensphilosophie, den Leuten näherbringen können.

Wäre die Geschichte nicht noch greifbarer, wenn man die historischen Aufzüge sowie Fahr- und Flugzeuge im Museum ausstellen würde?

Das würden wir noch so gerne tun. Denn an Material mangelt es uns nicht. Im Museum stehen lediglich 30 Prozent unserer Sammlung. Doch wir haben schlicht keinen Platz, um sie zu präsentieren. Wir sind halt kein Briefmarkenmuseum. Der Raum, der uns zur Verfügung steht, ist 120 Quadratmeter gross und befindet sich im zweiten Stock. Hierhoch können wir keine tonnenschweren Wagen und Anlagen hieven. Das ist unbefriedigend, vor allem, wenn wir die enttäuschten Gesichter mancher Besucher bemerken, die vom Museum der Schweizerischen Wagons- und Aufzügefabrik AG Schlieren erwarten, dass auch tatsächlich echte Fahrzeuge zu sehen sind. Ich nehme den Leuten dann auch nicht übel, wenn sie nach einer halben Stunde gehen. Doch innerlich blutet mein Herz, weil ich weiss, dass wir alles hätten, was sie sich wünschen.

Wo lagern Sie die historischen Objekte?

An verschiedenen Orten. Zum Beispiel im Ortsmuseum Schlieren. Einige Stücke sind bei Vereinsmitgliedern zu Hause. Andere Fahrzeuge und Aufzüge haben wir aufgrund des Platzmangels gar noch nicht entgegennehmen können. Wir erhalten immer wieder Anfragen von Vereinen, die uns Triebwagen oder Autobusse überlassen wollen. Das ist ein grosses Problem, denn irgendwann werden diese historisch wertvollen Zeugnisse nicht mehr vorhanden oder in privatem Besitz sein.

Die Zeit drängt also, dass Sie grössere Museumsräumlichkeiten finden.

So ist es. Bis spätestens im Juli müssen wir zudem eine Lösung für die Unterbringung einer alten «Wagi»-Liftanlage aus dem Jahr 1923 haben, die wir in unsere Sammlung aufnehmen. Dann wird sie nämlich in Winterthur aus einem Gebäude ausgebaut. Deshalb suchen wir nun das Gespräch mit der Stadt Schlieren. Wir hoffen, dass sie uns helfen kann, eine temporäre Lagermöglichkeit aufzutreiben. Längerfristig wünschen wir uns einen Standort, an dem wir genügend Platz haben, um die Erzeugnisse der «Wagi» zu zeigen. Wichtig wäre zudem, dass Raum für eine Werkstatt vorhanden ist. Letztere ist nämlich auch nötig, wenn man die Anlagen und Fahrzeuge ausstellungsbereit machen will. Dass sich dieser Ort wie der jetzige Standort auf dem ehemaligen Areal der «Wagi» befindet, ist vermutlich fast unmöglich. Es wäre jedoch schön, wenn wir irgendwo in Schlieren unterkommen könnten.

Der Platzmangel scheint dem Erfolg des Museums aber nicht im Weg zu stehen. Zwischen April 2018 und März 2019 besuchten rund 1500 Personen das «Wagi»-Museum. Im Vorjahr waren es 982.

Knapp zwei Jahre nach der Eröffnung des Museums ziehen wir eine durchweg positive Bilanz. Wir konnten mehr Personen willkommen heissen, als erwartet. Wir dachten, dass wir eher ehemalige Fabrikangestellte oder Menschen aus der Region, die mit dem Unternehmen in Verbindung standen, anziehen würden. Doch das Publikum ist viel breiter und stammt aus allen Landesteilen. Dazu gehören zum Beispiel Schulklassen aus Basel, Bahnfans aus der West- und Ostschweiz oder Neuzuzügerinnen und Neuzuzüger der Stadt Schlieren. Es reisten sogar schon Gruppen mit Cars an.

Mehr als 35 Personen können wir aber aufs Mal nicht durch das Museum führen. Wir staffeln die Gruppen dann. Einige Besucher wünschen aber nicht nur eine Führung, sondern einen Apéro oder ein Nachtessen. In diesem Fall arbeiten wir mit dem Restaurant «Wagi S», das gleich neben uns liegt, zusammen. Schön ist auch, dass wir bereits drei Masterarbeiten begleiten konnten, die sich «Wagi»-Produkten widmen. Es freut mich sehr, dass das Museum so gut ankommt. Es zeigt, dass das Thema Eisenbahn bei Jung und Alt gefragt ist. Manchmal sitzen Leute stundenlang bei uns und blättern durch die alten Dokumente.

Bei einigen fliessen dann sogar Tränen.

Ja, bei ehemaligen «Wagi»-Angestellten löst der Besuch im Museum Emotionen aus. Viele sind ganz aus dem Häuschen, wenn sie ihre Namen, die ihrer ehemaligen Kollegen oder Angestellten in den Dokumenten finden. Letzthin war eine Frau hier, die sich auf einem der ausgestellten Bilder entdeckte. Als das Foto entstand, war sie Lernende in der «Wagi». Später betreute sie als Empfangsdame jahrelang die Portierloge. Gerührt war auch die ehemalige Sekretärin des ehemaligen Personalchefs Urs Stolz, als sie vorbeikam. Sie musste 1983, als die Schliessung der Firma bekannt wurde, über 700 Kündigungsschreiben aufsetzen. Es gibt aber auch Nachkommen, die mithilfe des «Wagi»-Museums die Geschichte ihrer Eltern oder Grosseltern aufrollen. So meldete sich ein Mann aus Rom, der gerade eine Biografie über seinen Vater verfasste und herausgefunden hatte, dass dieser als Gastarbeiter in der «Wagi» tätig war. Wir schafften es schliesslich, den Namen seines Vaters in den Akten zu finden.

Die Geschichte der «Wagi» liegt Ihnen am Herzen. Sie leiten Führungen, digitalisieren das Archiv, betreuen die Website, erweitern die Chronik — alles ehrenamtlich. Welchen persönlichen Bezug haben Sie zur Firma?

Niemand aus meiner Familie hat je für die «Wagi» gearbeitet. Einen persönlichen Bezug habe ich in diesem Sinne also nicht. Ich weiss aber, dass ich in der Primarschule zwei Vorträge über die «Wagi» gehalten habe. Das Interesse war scheinbar damals schon da. Vielleicht rührt meine Passion aber auch von meiner Ausbildung her. Ich bin gelernter Spezialhandwerker für den Unterhalt von Rollmaterial. Während meiner Lehre bei den SBB habe ich viel mit Waggons gearbeitet. So richtig gepackt hat mich das «Wagi»-Fieber aber erst im Alter von 35. Damals lernte ich Thomas Stauber kennen, und ich schloss mich der IG «Historic Schlieren» an. Später gründeten wir zusammen mit Georges Peier den gleichnamigen Trägerverein. Mich fasziniert die Geschichte der Firma, da sie einen grossen Einfluss auf die Entwicklung Schlierens hatte. Das Unternehmen kurbelte das Bevölkerungswachstum an, viele Menschen fanden Arbeit in der Fabrik. Es entstanden Beamtenwohnungen und Arbeiterhäuser. Städtebaulich hat die «Wagi» in der Stadt viel bewegt. Die Firma hat den Namen Schlieren mit ihren Produkten in die Welt hinaus getragen. Noch heute gibt es in Singapur oder in Seattle Aufzüge der «Wagi». Letzthin hat mich eine Flugbegleiterin angerufen und mir erzählt, dass sie in Havanna auf einen «Wagi»-Lift gestossen ist, der sogar noch in Betrieb ist. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass die Firma Lifte nach Kuba lieferte. Mir ist es wichtig, dass das historische Erbe der «Wagi» nicht vergessen geht und für die Nachwelt zugänglich ist.

Deswegen wollen Sie auch Interviews mit ehemaligen «Wagi»-Angestellten führen, um noch mehr Wissen zu sammeln.

Genau. Wir haben das Glück, dass einige «Wagianer», so haben sich die Mitarbeiter untereinander genannt, noch leben. Doch wir müssen uns beeilen, denn einige sind bereits in einem hohen Alter. Aus diesen Interviews soll ein Dokumentarfilm entstehen. Doch bevor wir uns diesem Projekt widmen, kümmern wir uns zuerst einmal um das Schlierefäscht.

Das Museum feiert am Stadtfest das 120-Jahr-Jubiläum der «Wagi» und beteiligt sich mit Partnervereinen daran. Was erwartet die Festbesucher?

Ein Highlight wird der Schlierefäscht-Express sein. Wir bieten Lägern-Rundfahrten in historischen Reisezugwagen aus den 1950er- und 1960er-Jahren sowie Dampflokfahrten ab dem Schlieremer Bahnhof an. Wir haben bereits viele Reservierungen erhalten. Die erste Fahrt ist komplett ausgebucht. Eine weitere Attraktion ist ein ehemaliger SBB-Waggon aus dem Jahr 1912, den wir 2017 übernehmen konnten. Mein Kollege Thomas Stauber hat ihn zu einem stationären Speisewagen umgebaut. Am Fest kann man sich darin auf eine kulinarische Zeitreise begeben. Auf dem Programm steht auch ein grosser Umzug durch das Stadtzentrum. Begleitet wird er von historischen Trams und Pneufahrzeugen aus der Fabrikation der «Wagi». Wir freuen uns sehr auf das Fest. Für uns ist es eine einmalige Chance der Limmattaler Bevölkerung zu zeigen, was für eine tolle Sammlung wir haben.