Hinweis für Eilige: Am Ende des Artikels finden Sie die Geschichte der Buslinie übersichtlich grafisch aufbereitet. Nach dem ersten Abschnitt des Texts sind zudem die damaligen Bus-Haltestellen aufgelistet.

Im Herbst 2018 stimmen das Limmattal, die Stadt Zürich, das Glattal und der ganze Rest des Kantons Zürich zum zweiten Mal darüber ab, ob die Limmattalbahn zwischen Schlieren und Killwangen gebaut werden soll oder nicht. Vereinzelte ältere Stimmbürger aus Dietikon erinnern sich vielleicht daran, dass schon die Einführung des ersten Linienbusses zwischen Schlieren und Dietikon höchst umstritten war. Ein Rückblick bietet sich jetzt an, da sich genau morgen Freitag die erste Fahrt des Linienbusses zum 60. Mal jährt. Der Rückblick zeigt: Es gibt Parallelen zur Gegenwart.

Bürgermotion für unerheblich erklärt

Es fing damit an, dass die Dietiker Behörden keine Lust hatten, auf das Volk zu hören: Der gesamte damalige Gemeinderat (heute Stadtrat) wollte die Gemeindeversammlung nicht über die Motion abstimmen lassen, mit der der Dietiker Bürger Ernst Birnstiel einen Bus zwischen Schlieren und Dietikon forderte.

Die Behörde – sie hatte alle Dietiker Parteien hinter sich – erklärte die Motion im Februar 1956 für unerheblich, da sie die Kompetenz der Gemeindeversammlung überschreiten würde. Die Versammlung durfte wiederkehrende Ausgaben nur bis 20 000 Franken genehmigen. Die Behörde rechnete aber mit 65 000 Franken Verlust. Eine viel zu düstere Prognose, wie sich nach dem einjährigen Versuchsbetrieb zeigte. Dieser schloss mit einem Überschuss von 25 000 Franken.

Möglich war dieses Bus-Plus nur, weil Birnstiel Rekurs einlegte gegen das undemokratische Vorgehen der Behörden. Im April 1956 erhielt er vom Bezirksrat Recht. So konnte die Gemeindeversammlung dank Birnstiel schliesslich doch noch über den Bus abstimmen. Neben dem Gemeinderat und den Dietiker Parteien sahen das auch die SBB nicht gerne: Sie sprachen sich gegen den Bus aus. Ihre Angst: Der Bus könnte die SBB-Züge konkurrenzieren.

Gesteuert von Hürzeler aus Dietikon

Die Meinung der SBB war nicht ganz unwichtig, da später auch eine Konzession des Bundes für den Busbetrieb nötig war. Aber die Dietiker Gemeindeversammlung vom 3. Mai 1956 hörte nicht auf all die Obrigkeiten, sondern erklärte die Motion für erheblich. So musste der Gemeinderat den Busbetrieb in die Wege leiten und Verhandlungen mit den Verkehrsbetrieben der Stadt Zürich (VBZ) aufnehmen.

Eineinhalb Jahre später hatten die Behörden ihre Arbeit abgeschlossen und der Bund erteilte die Konzession für den Busbetrieb. Die VBZ verzichteten darauf, die neue Buslinie selber zu betreiben. In die Bresche sprang das Transportunternehmen Hürzeler aus Dietikon, das 1923 in Spreitenbach gegründet wurde, 1925 nach Dietikon umzog und 2009 geschlossen wurde. Noch heute dürfte Hürzeler vielen Limmattalern bekannt sein: Die Firma war auch im Car-Geschäft lange erfolgreich. Mit dem Busbetrieb zwischen Schlieren und Dietikon trat Hürzeler in die Fussstapfen der Stadtzürcher Firma Kägi. Diese betrieb – nachdem die Limmattal-Strassenbahn («Lisbethli») eingestellt wurde – bis 1957 einen Bus, der zwar auch von Schlieren her über die Dietiker Grenze rollte, aber eben nur bis zur Haltestelle Schönenwerd. Der neue Bus von Hürzeler fuhr hingegen von der Endstation der Stadtzürcher Strassenbahnen durch Schlieren bis nach Dietikon zum heutigen Zentrum Dreispitz an der Bunkerkreuzung.

Es gab ein Problem im Fahrplan

Wenngleich sich viele Dietiker und Schlieremer über den neuen Bus freuten, war die Abneigung ihm gegenüber nicht minder zu spüren. Von beiden Positionen berichtete das «Limmattaler Tagblatt», das damals noch in Zürich Altstetten beheimatet war. In einer Denkschrift vom 29. November 1957 wurde der neue Fahrplan stark kritisiert. Grund: In Schlieren traf jeweils um 12.13 Uhr der SBB-Zug ein. «Wie wollen jetzt die Schönenwerdler mittags zu Muttern gelangen, wo doch der neue Bus bereits um 12.10 Uhr und somit vor Eintreffen des Zürchers Zuges wegfährt?», fragte das «Limmattaler Tagblatt».

Aber auch die Kritiker lobten, dass die Hausfrauen dank dem Bus «gefahrlos» die Kommissionen im Dorf machen konnten. Nur der «Schönheitsfehler» im Fahrplan, der müsse definitiv weg, damit die Leute per Bus statt zu Fuss gehen. Die Fahrplan-Planer sahen ihren Fehler schnell ein: Noch im Dezember 1957 wurde der Fahrplan so angepasst, dass alle Bus-Passagiere schnell zum feinen Zmittag zu Hause waren, sodass es vielleicht sogar noch dafür reichte, die Pantoffeln auszuziehen und aufs Sofa zu liegen, bevor es wieder an die Arbeit ging. Die Fahrt zum Beispiel vom Schlieremer Kesslerplatz bis zur Endstation in Dietikon kostete damals 60 Rappen.

Doch zurück zur Firma Hürzeler: Mit ihr besteht eine Konstante vom 1. Dezember 1957 bis zur geplanten Inbetriebnahme der Limmattalbahn im Dezember 2022. Denn 2003 gründete Hürzeler zusammen mit der Bremgarten-Dietikon-Bahn (BDWM Transport AG) die heutige Limmat-Bus AG, die nach wie vor die Buslinie von Schlieren nach Dietikon betreibt. Die BDWM wird auch die Limmattalbahn betreiben. Damit knüpft sie 2022 voraussichtlich an eine bis dann 65 Jahre alte Tradition an. Der heutige Bus 303 zwischen Schlieren und Dietikon wird mit der Einführung der Limmattalbahn verschwinden.

Der Eröffnungstag am 1. Dezember war übrigens ein Freudentag. Kinder fuhren gratis. «Aber au d’Vättere und Müettere händ welle wüsse, was das neui Vehikel uf der Zürcherschtrass z’Dietike für e Gattig macht», schrieb der «Tagblatt»-Korrespondent zur Feier des Tages in bester Mundart. Der Bus war mit Blumen und Tannenzweigen geschmückt, für Hunderte Franken wurden erste Billette verkauft und schon waren erste Extrakurse nötig. Und: «De Kondi rüeft schtolz ‹Dietike Zäntrum›!»