Das jüngste Gericht hat seine Arbeit begonnen: So titelte die Limmattaler Zeitung am 2. Juli 2008. Die mit einem Augenzwinkern gemeinte Schlagzeile bezog sich auf das Bezirksgericht Dietikon, das am Tag zuvor als jüngstes Gericht im Kanton Zürich seine Arbeit aufgenommen hatte. Der Ausdruck stammte vom damaligen und heutigen ersten Dietiker Gerichtspräsidenten Stephan Aeschbacher, der bei den gestrigen Feierlichkeiten zum Zehn-Jahres-Jubiläum vor zahlreichen Gästen wieder eine Rede hielt.

Das Besondere im Geburtsjahr 2008 war, dass der Bezirk Dietikon mit der Gründung der juristischen Institution zwar sein eigenes Gericht hatte, aber noch kein eigenes Haus dafür. Denn das heutige Bezirksgebäude beim Bahnhof im Zentrum der Stadt stand noch im Bau und sollte erst zwei Jahre später bezugsbereit sein. So verblieb das Gericht bis März 2010 in den Räumen des Bezirksgerichts Zürich. Die ersten drei Richterinnen und drei Richter und der erste Gerichtsschreiber des Bezirksgerichts Dietikon feierten den historischen Moment am 1. Juli 2008 deshalb im Garten des Grendelmeierhauses in Dietikon.

Verdoppelung des Personals

Heute, zehn Jahre nach der Gründung, beschäftigt das Gericht acht Richter, das sind 200 Stellenprozente mehr als zu Beginn. Gar verdoppelt hat sich die Zahl der übrigen Angestellten. So arbeiten aktuell 38 Personen am Dietiker Gericht, darunter Gerichtsschreiber, Auditorinnen und kaufmännische Angestellte. Aus den drei Gerichtssälen sind inzwischen vier geworden. Und dass der Bezirk mehr Arbeit bereitete als erwartet, zeichnete sich bereits nach einem Jahr ab. «Das hat sicher auch mit der städtischen Prägung des Bezirks Dietikon zu tun», erinnert sich Gerichtspräsident Stephan Aeschbacher.

Am 1. Juli 2008 begann das Dietiker Gericht bei Null. Ein Jahr später waren es bereits 2991 Fälle. Man war davon ausgegangen, dass aus den elf Limmattaler Gemeinden gleich viele Verfahren anfallen wie an den Gerichten Dielsdorf oder Hinwil, zwei Bezirke von ähnlicher Grösse. Schliesslich musste man aber feststellen, dass Dietikon zehn Prozent mehr Fälle generierte als prognostiziert. Der Kantonsrat beantragte daraufhin mehr Richter. Nach den ersten zehn Jahren steht die Zahl nun bei 32 000 bearbeiteten Gerichtsfällen. Darunter sind 2400 Scheidungen, mehr als 1100 Haftrichtergeschäfte, 2000 Testaments- und Erbvertragseröffnungen, mehr als 4200 Gesuche um Erbscheinausstellungen, über 5000 Betreibungssachen, fast 5000 Konkursgeschäfte und 500 kollegialgerichtliche Straffälle. Dazu kommen mehr als 500 Einzelrichterstraffälle. Inzwischen sind die Gerichtssäle ausgestattet mit den modernsten technischen Apparaten, sodass eine Verhandlung auch vom Nebenzimmer aus mitverfolgt werden kann – oft gewünscht von Opfern, die ihrem Täter nicht nochmals begegnen wollen.

Der Fall «Carlos»

Fälle, die bis weit über die Bezirksgrenzen hinaus für Aufsehen gesorgt haben, sind der «Carlos»-Fall um einen renitenten Jugendlichen und dessen kostspielige sozialpädagogische Betreuung sowie der Fall der Gefängniswärterin, die einem Insassen zur Flucht verholfen hat.
Mit der Inbetriebnahme des Gerichts wurde sozusagen auch der Aufbau des Bezirks abgeschlossen. Es war ein wichtiger Schritt in die Selbstständigkeit, 19 Jahre nachdem der Bezirksrat operativ tätig geworden war. Denn der Bezirk wurde per 1. Juli 1989 durch die Abspaltung vom Bezirk Zürich gebildet. Diese wurde damals von sämtlichen politischen Parteien unterstützt und im März 1985 von einer Mehrheit der Stimmberechtigten im Kanton genehmigt. Einzig in den direkt betroffenen Gemeinden wurde die Abspaltung abgelehnt. Daraufhin wurde eine Volksinitiative lanciert, welche die Aufhebung des geplanten Bezirks verlangte. Die Volksinitiative kam im März 1988 zur Abstimmung und wurde von einer Mehrheit im Kanton abgelehnt.

Die lange Wartezeit

Aber nicht nur der Bezirk Dietikon musste über 20 Jahre warten, bis er seine volle institutionelle Unabhängigkeit und bauliche Repräsentation erlangte. Eine aussergewöhnlich lange Planungsgeschichte ging auch dem Bau des Bezirksgebäudes voraus. Während der zwölf Jahre dauernden Phase wurden verschiedene Änderungen vorgenommen. Dazu kamen Verzögerungen wegen Rekursen und Sparübungen des Kantons. Eine Herausforderung der anderen Art waren auch die archäologischen Spuren aus römischer Zeit, befand sich doch früher im Bereich des heutigen Stadtzentrums ein römischer Gutshof, dessen Fläche nicht weniger als 13 000 Quadratmeter umfasste. Der aufwendige Aushub erfolgte sozusagen von Hand.

Im modernen Bezirksgebäude von heute, das seinen zehnten Geburtstag in zwei Jahren feiert, sind nebst dem Gericht auch die regionale Staatsanwaltschaft, die Kantonspolizei, das Statthalteramt, der Bezirksrat und das Gefängnis mit seiner Jugendabteilung untergebracht.