Winterthur
Vom Gebetsteppich zu Bastel-Accessoires: Traditionsfirma zog in einstige Skandal-Moschee

Die drei Häuser in Winterthur Hegi: Im mittleren Trakt war jahrelang die An’Nur-Moschee eingemietet. Seit der Schliessung 2017 nutzt das Traditionsunternehmen Welti & Co. AG die Räumlichkeiten.

Till Hirsekorn
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Im rechten Flügel der Gewerbehäuser in Winterthur Hegi ist inzwischen ein Mercerie-Händler eingezogen.

Im rechten Flügel der Gewerbehäuser in Winterthur Hegi ist inzwischen ein Mercerie-Händler eingezogen.

Keystone

Sie waren oft im Scheinwerferlicht der Medien, schweizweit und unfreiwillig: Die Häuser in Winterthur, die ihre grau-weiss-orangen Streifen wie eine Schärpe tragen. Im mittleren Trakt war jahrelang die An’Nur-Moschee eingemietet. 2016 hatte die Polizei dort in den Morgenstunden eine Razzia durchgeführt und vier Personen festgenommen. Ein Imam hatte öffentlich zu Mord an Muslimen aufgerufen. Der Hassprediger wurde inzwischen ausgeschafft, und die Moschee 2017 geschlossen.

Grosshandel von Mercerie und Accessoires aller Art

Nur ein Jahr später kehrte, ganz ohne Blitzlichtgewitter, wieder Leben in den ehemaligen Gebetsraum ein. Ein kleines Winterthurer Traditionsunternehmen hatte sich entschieden, vom Neuwiesenquartier wegzuziehen: Die welticreativ.ch, 1867 gegründet als Welti & Co. Winterthur, heute geführt in 5. Generation. Ihr Geschäft: Der Grosshandel von Mercerie und Accessoires aller Art. Faden, Knöpfe oder Reissverschlüsse – das Sortiment umfasst rund 50000 Artikel.

Welti beliefert rund 150 Stoff- und Nähmaschinen-Geschäfte in der ganzen Schweiz, sagt der Geschäftsführer, der lieber im Hintergrund bleiben will. Die Geschichte der «Skandal-Moschee», Stricknadeln und nette Bastel-Accessoires, das passe beim besten Willen nicht gut zusammen.

Bilder vom 02.11.2016 zur Razzia in An'nur-Moschee in Winterthur:

Razzia in der An'nur-Moschee: Die Kantonspolizei Zürich durchsuchte im November 2016 zusammen mit der Stadtpolizei Winterthur die An'Nur-Moschee.
17 Bilder
Die Moschee im Winterthurer Stadtteil Hegi geriet zuvor mehrmals wegen mutmasslicher Radikalisierung von Jugendlichen in die Schlagzeilen.
Mehrere Jugendliche waren nach Syrien gereist und hatten sich der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) angeschlossen.
Razzia in An'nur-Moschee in Winterthur (02.11.2016)
Stefan Oberlin, Mediensprecher der Kantonspolizei Zürich, beantwortet Fragen nach der Polizei-Razzia.
Auch Corinne Bouvard, Sprecherin der Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich stellte sich den Fragen der Medienschaffenden.

Razzia in der An'nur-Moschee: Die Kantonspolizei Zürich durchsuchte im November 2016 zusammen mit der Stadtpolizei Winterthur die An'Nur-Moschee.

Beat Kälin/newspictures

Das Inserat für die frei werdenden Räume an der Hofackerstrasse habe man im Internet gesehen und sich mit der Vermieterin rasch einigen können. Und so ist die Welti AG mit ihren 20 Mitarbeitern vor zwei Jahren nach Hegi umgezogen. Wo vorher ein Gebetsteppich ausgebreitet war, stapeln sich heute Klettverschlüsse, Kordeln und Spulen in den Gestellen. Über einen einfachen Mieterausbau konnte die Lagerfläche nochmals vergrössert werden.

Nun ist man erneut an den Stadtrand gezogen, zum zweiten Mal in der Firmengeschichte. Diese beginnt vor über 150 Jahren im Haus zum Löwen an der Marktgasse. Meistverkauftes Produkt waren damals die Papierkrägen, neben Melkschemel, Besteck oder Filzpantoffeln.

Geschäft lief gut und es tut es bis heute

Aus Platzgründen zogen die Weltis 1915 in die Villa Matilde hinter den Hauptbahnhof an die Konradstrasse 5. Damals war das bereits Stadtrand. Dort blieb die Firma über hundert Jahre. Das Geschäft lief gut und es tut es bis heute. Online-Handel und Einkaufstourismus setzte der Mercerie weniger zu als anderen Branchen. Für gute Qualität und Beratung seien die Kundinnen weiter bereit, zu zahlen, heisst es.

Abriss nach 125 Jahren

Der Abriss der 125-jährigen Villa Matilde vor drei Jahren bescherte der Welti & Co. AG schon vor drei Jahren unfreiwillige Aufmerksamkeit. «Weitere Villa weicht modernem Wohnblock», titelte der «Landbote». Die Atlas-Stiftung baute angrenzend an das Alterszentrum Konradhof einen Bau mit 20 Alterswohnungen. Die Megabaustelle am Hauptbahnhof hatte die Warenannahme und -auslieferung zuletzt offenbar massiv erschwert.

Der erneute Umzug an den Stadtrand, diesmal nach Hegi, sei der absolut richtige Entscheid gewesen, sagt der Geschäftsführer rückblickend. Und dazu, dass welticreative.ch wegen der Vorgeschichte des neuen Standorts nochmals in der Zeitung kommt: «Das wäre nicht unbedingt nötig gewesen.»

Doch das Geschäft ist offenbar auch an der Hofackerstrasse gut angelaufen, und wird es – inschallah – auch weiterhin tun, am Stadtrand, zwischen einer Auto-Carrosserie und einem Fachgeschäft für Maler-Zubehör.