Unterengstringen

Vom Flüchtling zum Schweizer Vorbild: Das ist die tragische Familiengeschichte von Yiea-Wey Te

Hochbauvorstand Yiea-Wey Te wird am Nationalfeiertag die offizielle Ansprache in Unterengstringen halten.

Seine Begeisterung für das Schweizer Milizsystem verdankt der Unterengstringer Gemeinderat Yiea-Wey Te seiner Grossmutter. Geboren und aufgewachsen in Luzern, erfuhr er durch sie viel von der tragischen Vergangenheit seiner Familie in Kambodscha.

Er ist Gemeinderat, Major im Militär und lebt mit seiner Frau Stephanie und den gemeinsamen Töchtern Isabelle und Cecilia in einem Einfamilienhaus in Unterengstringen. Das klingt nach einer typischen Schweizer Biografie. Aber Yiea-Wey Te ist ein sehr untypischer typischer Schweizer. Geboren in Sursee und aufgewachsen im luzernischen Emmenbrücke, wurde er im Alter von neun Jahren zusammen mit seinen Eltern und zwei jüngeren Brüdern eingebürgert. Zuvor war er auf dem Papier staatenloser Flüchtling.

«Obwohl er keinen Bezug zur Schweiz hatte, wusste mein Vater, dass er hierherkommen wollte», sagt Te. Sein Vater wurde in den 1970er-Jahren in Kambodscha ein Opfer der Roten Khmer. Die Familie hatte sich in der Textilindustrie eine gute Existenz aufgebaut, doch aus dem Nichts musste sie alles hinter sich lassen und wurde zu harter Feldarbeit gezwungen. Irgendwann wurde der Vater gerettet und kam in ein Flüchtlingslager nach Thailand, von wo aus er in der Schweiz Asyl beantragte. Im Genozid hatte er seinen Vater verloren.

Der Entscheid für die Schweiz stellte sich als schicksalhaft heraus. Hier lernte Tes Vater seine zukünftige Frau kennen. Auch sie war mit ihrer Familie zusammen vor Pol Pot aus Kambodscha geflohen. Weil ein Grossteil seiner Familie fliehen musste, habe er heute überall auf der Welt Verwandte, sagt Te. Nur ein Onkel sei wieder zurückgekehrt nach Kambodscha, er verstehe aber nicht wieso. Er selbst ist noch nie nach Kambodscha gereist und es reize ihn auch nicht.

Grossmutter erzählte am meisten von der Herkunft

Am meisten über die Vergangenheit seiner Familie weiss Te von seiner Grossmutter. Seine Eltern seien eher verschwiegen, der Schmerz der tragischen Vergangenheit sitze tief. Einmal sei sein Onkel beim Erzählen über die Vergangenheit in Tränen ausgebrochen. Deshalb frage er vorsichtig nach.

Seine Grossmutter habe seine Lebenseinstellung stark geprägt. Und sie steht auch am Ursprung seiner Hilfsbereitschaft und seiner Begeisterung für das Schweizer Milizsystem, der er auch an seiner 1.-August-Rede in Unterengstringen (siehe Text unten) Ausdruck verleihen wird. «Als ich etwa vier war, sagte meine Grossmutter, dass ich gegenüber der Schweiz Dankbarkeit zeigen sollte», sagt Te. Das Land habe ihnen ermöglicht, friedlich und in Sicherheit zu leben. Das sei ihm bis heute geblieben.

Weil die Eltern damals beide in der Lego-Fabrik in Willisau arbeiteten, verbrachten Te und seine Brüder viel Zeit mit der Grossmutter, die im gleichen Haus in einer Wohnung über ihnen lebte. «Meinen Eltern war es wichtig, nie Sozialhilfe zu beziehen, deshalb haben sie bis zu 150 Prozent gearbeitet.» So lernte der junge Yiea-Wey früh, selbstständig zu sein und als ältester seinen jüngeren Brüdern zu helfen.

Nach der Schliessung der Lego-Fabrik eröffneten Tes Eltern Mitte der 1990er-Jahre das Thai-Restaurant Ah-Hua in Zürich. Für die zusammengeschweisste Familie war es selbstverständlich, dass alle mithelfen. «Wenn meine Freunde am Wochenende Fussball spielten, ging ich ins Restaurant arbeiten.» Aber weil ihm als Jugendlicher bewusst gewesen sei, wie viel seine Eltern für ihn machen, habe er immer gerne geholfen. Die Arbeitsethik seines Vaters hat auf ihn abgefärbt. Auch er habe nie gelernt, abzuschalten. «Ich sage meinem Vater immer wieder: Du arbeitest zu viel, du musst dich zurücknehmen. Aber wahrscheinlich werde ich im Alter genauso wie er sein.»

Nach Unterengstringen kam Te wegen der Liebe. Für ihn war immer klar, dass er irgendwann wieder zurück nach Luzern ziehen werde. Aber dann lernte er nicht nur seine Frau Stephanie kennen, sondern auch ihre Heimat. «Das Dorf hat mir von Anfang an sehr gut gefallen.»

Liebe und Politik in Unterengstringen

Als die Chance kam, in Unterengstringen ein Haus zu kaufen, legte er zufällig auch den Grundstein für seine politische Karriere. Denn sein Nachbar war der damalige Hochbauvorstand Simon Wirth. Über diesen kam er mit der FDP-Dorfpartei in Berührung. «Ich wollte eigentlich parteilos bleiben, um mir meine eigene Meinung zu erhalten», sagt er. Ihm habe imponiert, dass Wirth ihm gesagt habe, bei der FDP werde erwartet, dass er seine eigene Meinung in die Diskussionen einbringe. Bereits nach wenigen Jahren portierte die FDP-Ortspartei den Politneuling für den Gemeinderat. So trat er nach erfolgreicher Wahl die Nachfolge von Simon Wirth an, als dieser zum Gemeindepräsidenten gewählt wurde.

Das Timing passte, denn nach einem Positionswechsel im Militär musste Te ab 2018 nicht mehr regelmässig längere Dienste am Stück leisten. Nach der Rekrutenschule war er zum Weitermachen bewegt worden. Weil er viele Sprachen beherrscht, stieg er im Militär als Sprachspezialist auf. Neben den Schweizer Landessprachen spricht er Englisch, Kambodschanisch, Kantonesisch, Thai und Mandarin. Weil er an der Universität Zürich Japanologie studierte und ein Jahr in Japan verbrachte, lernte er zudem Japanisch.

Seit Te neben seiner Arbeit im mit einem guten Freund gegründeten LED-Lampengeschäft auch als Gemeinderat amtet, tritt er beim mittlerweile vom Bruder geführten Familienrestaurant viel kürzer. Dafür hat er bereits weitere politische Ambitionen gezeigt. Nur knapp verpasste er im März die Wahl in den Kantonsrat.

Trotz grosser Sprachenvielfalt redet Te im Alltag fast ausschliesslich Schweizerdeutsch – mit seinen Töchtern, seinen Brüdern und teilweise auch seinem Vater. Zu Hause wird gutbürgerliche Schweizer Küche aufgetischt. Die Kultur seiner Eltern pflege er nur in wenigen Bereichen, Ahnenverehrung bedeutet ihm viel. Für sein Umfeld und seine Freunde ist völlig klar, dass er Schweizer durch und durch ist: «Ich bin eigentlich assimiliert und nicht integriert.»

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