Leichtathletik
Vom drahtigen Jugendlichen zum Sprintbullen – Amaru Schenkels Weg

Der Sprinter startet am Dienstag in den Vorläufen über 100 Meter zu den Heim-Europameisterschaften im Letzigrund. Zwei Jungendtrainer erinnern sich an die Anfänge und die ersten Erfolge von Schenkel.

Raphael Biermayr
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Amaru Schenkel vertritt die Schweiz 2005 an der Europäischen Jugendolympiade und gewinnt 200-m-Silber

Amaru Schenkel vertritt die Schweiz 2005 an der Europäischen Jugendolympiade und gewinnt 200-m-Silber

zVg

Eigentlich hätte Thomas Rymann seinen ehemaligen Schützling gern auch am Donnerstag laufen gesehen. Dann finden die Vorläufe über 200 Meter statt.

Schenkels Ziele

Die Europameisterschaften im Letzigrund beginnen für Amaru Schenkel am Dienstag um kurz nach 18.30 Uhr mit dem Vorlauf über 100 Meter. Die Halbfinals und der Final steigen am Mittwoch. Am Samstag steht Schenkel in den Staffelvorläufen im Einsatz. Zum sechsköpfigen Schweizer Team gehören auch der Urdorfer Steven Gugerli und der Unterengstringer
Suganthan Somasundaram.

Schenkel äussert sich zu seinen Zielen. Er wäre enttäuscht, wenn… «ich in beiden Disziplinen nur einmal im Stadion auftreten könnte». Er wäre zufrieden, wenn… «ich es als Einzelstarter in die Top 5 schaffe und mit der Staffel in einer guten Zeit in den Final einziehe». Sein Traumresultat ist… «Gold als Einzelstarter und eine weitere Medaille mit der Staffel». (bier)

Nicht wenige sagen, dass Amaru Schenkel mit seinen Voraussetzungen und wegen der geringeren Konkurrenz über diese Distanz erfolgreicher wäre. Für ihn gab es aber immer nur die 100 Meter.

Immer? Das stimmt so nicht: Seinen grössten Erfolg auf internationaler Ebene erzielte Schenkel über 200 Meter.

Im Jahr 2005 gewann der damals 17-Jährige die Silbermedaille an der Europäischen Jugendolympiade. Sein Trainer damals: Thomas Rymann. Dieser weilte kürzlich mit einer Trainingsgruppe des STV Alpnach in Uster und erhielt Besuch von Schenkel.

«Er erzählte den Kindern, dass ich ihn zuerst zu den 200 Metern ‹zwingen› musste. Als er dann die Medaille in der Hand gehalten hat, sei er dankbar gewesen dafür», sagt Rymann.

Von 2003 bis Anfang 2006 arbeiteten Rymann und Schenkel zusammen. Der Jugendliche aus dem Zürcher Oberland war in einem Heim für Schwererziehbare in Schattdorf untergebracht, der Weg nach Alpnach war nicht weit.

Rymann erkannte in Schenkel vieles wieder, dass er bei Ruderer Xeno Müller kennen gelernt hatte. Den Olympiasieger begleitete er von 1998 bis 2002 als Masseur und Vertrauensperson. «Xeno ist Sohn eines Diplomaten, Amaru ein Adoptivkind. Sie sind sich sehr ähnlich. Xeno hatte mit Marty Aitken einen Trainer, der eine Art Vaterrolle übernahm, und dem er voll vertrauen konnte. Dies Erfahrung half mir, Amaru zu verstehen.»

Den Ruderer und den Leichtathleten eine auch, «dass sie nicht auf dem Maul sitzen, wenn es unbequeme Dinge anzusprechen gibt».

Die Anfangsjahre in Winterthur

Neue Bekannte kennen Schenkel, den gebürtigen Togolesen mit einer Stammesnarbe im Gesicht, als Amaru, seinem ursprünglichen Namen. Seinen Adoptivnamen Reto hat er mittlerweile abgelegt. Nur alte Weggefährten nennen ihn noch so.

Thomas Rymann häufig, Peter Spiller ausnahmslos. Er war der erste sportliche Weggefährte Schenkels, als dieser im Jahr 2000 mit 12 Jahren und seinem Adoptivbruder Mario in die LV Winterthur eintrat. «Reto war ein lustiges Kind mit einem enormen Bewegungsdrang – wie ein Gummiball», erinnert sich Spiller.

Schon bald deutete sich das Talent von Schenkel an, der zuvor schon den Kinderwettkampf «Dä schnällscht vo Fehraltorf» gewonnen hatte. «Reto brauchte immer den Wettkampfreiz. Er wollte sehen, was seine Mühen wert waren», erklärt Spiller.

Das sei nicht nur im Sprint der Fall gewesen. Er habe eine Zeit lang die Vereinsbestenliste im Kugelstossen angeführt. «Er hätte auch Mehrkämpfer werden können. Seine Körper-Grundspannung war aussergewöhnlich gut» erinnert sich der Ergotherapeut, der nach 25 Jahren im Winterthurer Nachwuchs mittlerweile zurückgetreten ist.

Abseits der Sportanlagen ging es indes nicht aufwärts mit dem Jugendlichen. Er war einer von mehreren Adoptivkindern einer Bauernfamilie. Es ist von sehr schwierigen Familienverhältnissen die Rede. Weder Schenkel selbst noch seine ehemaligen Trainer wollen ins Detail gehen.

Tatsache ist: Das Leben des Sprinters war entbehrungsreich und ist es noch. Für den wohl wichtigsten Anlass seines Lebens in seinem sportlichen Wohnzimmer Letzigrund ist er mit Ausland-Trainingsaufenthalten in die USA auch finanziell an seine Grenzen gegangen. «Ich bewundere, wie zielstrebig er ist und auf wie viel er verzichtet», sagt Peter Spiller.

Hohe Erwartungen

Schenkel läuft seit 2013 wieder für Winterthur, nachdem er sieben Jahre für den LC Zürich gestartet war. Während seiner Jahre dort hielt er immer Kontakt zu seinen früheren Mentoren.

Zu beiden hat er ein Vertrauensverhältnis und ruft sie öfters an. Sie kennen den Menschen hinter dem schrill-lauten Sportler. Schenkel, der seit einigen Jahren in Dietikon wohnt, nennt Spiller «meinen Leichtathletik-Vater».

Spiller und Rymann trauen ihrem ehemaligen Schützling einen Finalplatz als Einzelstarter und mit der Staffel zu. Reines Wunschdenken? Wohl eher Euphorie: «Reto hat mich mit seiner Mentalität angesteckt: Er sagte mir, dass man gar nicht erst anzutreten braucht, wenn man nicht gewinnen will – er hat recht», sagt Spiller.

Amaru Schenkel (links) ist Staffelcaptain.

Amaru Schenkel (links) ist Staffelcaptain.

Keystone