Dietikon
"Visual Percussion": Wenn man Augen und Ohren nicht traut

Mit «Visual Percussion» widerlegt Luca Borioli die gängige Meinung über das Schlagzeug. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Musik und Theater.

Ly Vuong
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"Visual Percussion" in Dietikon
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Das Programm von Luca Borioli heisst "Visual Percussion".
Im Lied "Corporel" von Vinko Globokar wird der ganze Körper zum Instrument.
Luca Borioli am Marimbaphon, das in John Psathas Lied "One Study One Summary" an moderne elektronische Musik erinnert
Im Stück "Time and Money" von Pierre Jodlowski wird dessen Auseinandersetzung mit dem Wirtschaftssystem musikalisch umgesetzt.
Der 37-jährige Luca Borioli ist gebürtiger Tessiner und unterrichtet zurzeit am Konservatorium in Zürich.
Im Zugabestück bedankt sich Luca Borioli mit Zettelbotschaften während eine alte Musikspieldose Offenbachs "Orpheus in der Unterwelt" klimpert.

"Visual Percussion" in Dietikon

Ly Vuong

Man konnte entweder seinen Augen oder dann seinen Ohren nicht mehr trauen. Was der Schlagzeuger Luca Borioli am Dienstag im Dietiker Stadtkeller bot, zeigte eine Seite des Schlagzeugs, die man noch nie gesehen und gehört hatte. Sein Programm «Visual Percussion» hob die Grenzen zwischen Musik und Theater auf.

Dank genau abgestimmten Playback-Bewegungen mit dem Audiohintergrund hatte man zuweilen das Gefühl, unsichtbare Instrumente und sichtbare Bewegungen zu hören. Doch manchmal hörte und sah man auch richtig, denn der 37-jährige Musiker war trotz aller Performance Schlagzeuger.

Der perfekte Rahmen

«Der Stadtkeller ist perfekt für solche Auftritte, weil man in diesem intimen Rahmen jede Feinheit hört», sagt Irene Brioschi von der Kulturkommission. Vor zweieinhalb Jahren öffnete sie die Konzertreihe «Jazz Dietikon» für breitere Musikrichtungen und nannte sie in «8953 Live» um. An jedem ersten Dienstag im Monat kann man bei «8953 Live» im Stadtkeller Konzertperlen von Klassik, Jazz über Volkstümliches bis zu Perkussion erleben.

Mit Luca Borioli hat die Kulturkommission einen erfahrenen Schlagzeuger engagiert. Im Alter von neun Jahren sprang der in Bellinzona geborene Musiker spontan als Drummer beim Orchester seines Vaters ein. Danach hat Borioli Musik an zwei Hochschulen studiert. Zurzeit unterrichtet er am Konservatorium in Zürich.

Musik als Kapitalismuskritik

Könnte der Besucher von «8953 Live» sich in einen Zuschauer und einen Zuhörer aufteilen, wäre die Magie von Boriolis Auftritt verschwunden. Doch das kann er nicht. Zu gut hat der Musiker sein Programm einstudiert. Über zehn Monate lang lernte Borioli seine sechs Lieder, von denen er fünf auswendig spielte. Im Lied «Tap Oratory» von Casey Cangelosi stieg Borioli mit der Königin der Schlagzeuginstrumente, der Trommel, ein. In «Time and Money» – eine musikalische Auseinandersetzung und Kritik am Kapitalismus von Pierre Jodlowski – hörte man den Musiker das Geld sichtlich auf dem Tisch, das zum Instrument wurde, raffen.

Das Lied «Bad Touch» von Cangelosi war inspiriert von der Raumsonde, die 1977 mit einer goldenen Platte ins Weltall geschickt wurde. «Auf der Platte ist die ‹Prelude in C› von Bach gespeichert», sagte der Musiker. Und so wähnte man sich bei «Bad Touch» beinahe verloren im grossen All. Doch gegen Ende konnte man sich an den zwölf Sternzeichenbilder orientieren, die Borioli im Dunkeln der Bühne mit zwei Taschenlampen projizierte, während im Hintergrund Bachs Prelude in C leise spielte.

«Das Programm hat mich glücklich gemacht, weil ich gesehen habe, was Schlagzeugspielen alles möglich macht», sagte der achtjährige Oscar Siegwart, der selbst seit zwei Jahren Drums spielt. Beeindruckt war auch der 74-jährige Willy Wohlgemuth, der selbst früher Schlagzeuger war: «Diese Intensität, Präzision und Körperbeherrschung waren faszinierend», sagte er. Die Performance in «Bad Touch» hat der Besucherin Monika Kaderli am meisten gefallen: «Ich hatte gar das Gefühl, seine Arme könnten knirschen».