Interview

Jede Hochzeit ist besonders für Zivilstandsbeamte: «Die Energie, die an einer Trauung frei wird, ist unbeschreiblich»

Während der Sommermonate von Mai bis September ist Hochzeits-Hochsaison. (Symbolbild)

Während der Sommermonate von Mai bis September ist Hochzeits-Hochsaison. (Symbolbild)

Im Mai beginnt die Hochzeitssaison. Die Zivilstandsbeamtinnen in Dietikon haben dann alle Hände voll zu tun. Sie sind zuständig für Trauungen im Limmattal. Doch nicht nur sie, sondern auch Hochzeitsplaner und Zeremonienmeister sind ausgelastet.

Frau Tscherry, Sie dürfen die Braut jetzt küssen. Ein Satz, den man nur zu gut aus kitschigen Hollywood-Streifen kennt. Wie viel hat er mit Ihrem Alltag als Zivilstandsbeamtin zu tun?

Jacqueline Tscherry: Sehr wenig. Normalerweise verwende ich diesen Satz nicht. Es gibt aber durchaus Paare, die auf diese Aufforderung warten, und sich erst danach küssen. In so einem Fall will ich natürlich keine Spielverderberin sein und mache mit.

Eine zivile Trauung ist grob gesagt ein Vertragsabschluss zwischen zwei Parteien. Eigentlich eine trockene Angelegenheit.

Auf dem Papier ist es das tatsächlich. Zivilstandsbeamte haben bei Trauungen die Aufgabe, diesen Vertragsabschluss zu bestätigen. Wir sind keine Wedding Plannerinnen, Ritualleiterinnen oder Pfarrerinnen, trotzdem geben wir uns Mühe, den Akt im Rahmen unserer Möglichkeiten zu gestalten und richten die Rede persönlich an das Brautpaar. Das heisst aber nicht, dass wir erwähnen, wie sich das Paar kennengelernt hat oder was die gemeinsamen Hobbys sind. Dem Paar steht es aber frei, das Eheversprechen selbst zu formulieren oder Musik abspielen zu lassen.

Sie haben schon rund 3000 Paare im Limmattal zu Eheleuten gemacht. Sind Trauungen für Sie überhaupt noch etwas Spezielles?

Ja, das sind sie. Es ist immer ein besonderer Moment, wenn sich ein Paar öffentlich zueinander bekennt. Ich treffe auf aufgestellte, glückliche Menschen. Die Energie, die an einer Trauung frei wird, ist unbeschreiblich.

Sie halten aber nichts davon, wenn man den Hochzeitstag als den schönsten im Leben bezeichnet.

Die Trauung ist der Anfang eines neuen Lebensabschnitts. Ich bezweifle jedoch, dass sich danach viel verändert. Zudem wäre es schade, wenn man sich so eine Limite setzt. Das würde ja heissen, dass alles, was danach kommt, schlechter sein wird.

Hand aufs Herz, wie oft haben Sie bei einer Trauung schon eine Träne verdrückt?

Ich würde lügen, wenn ich sagte, dass mich die Eheschliessungen nicht berühren. Geweint habe ich noch nie. Bei Ehegelübden bekomme ich aber regelmässig Hühnerhaut.

Sie selbst sind nicht verheiratet.

Nein, ich lebe mit meinem Partner in wilder Ehe. Für mich selbst würde die Heirat nichts an der Beziehung ändern. Jeder sollte für sich selbst entscheiden, ob er oder sie das wünscht oder nicht.

Die Hochzeitsplanung beginnt heutzutage mindestens ein Jahr vor der Eheschliessung. Wie viel vorher nimmt das Zivilstandsamt Dietikon Terminwünsche entgegen?

Paare können den Termin maximal ein halbes Jahr im Voraus reservieren. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Daten, bei denen mehr Zeit dazwischen liegt, oftmals verschoben oder abgesagt werden.

Bevor die Paare heiraten können, müssen sie aber noch ein Ehevorbereitungsverfahren durchlaufen.

Genau. Das kann frühestens drei Monate und spätestens elf Tage vor dem geplanten Termin eingeleitet werden. Dazu gehört, dass die künftigen Eheleute eine Erklärung abgeben müssen, dass sie die Ehevoraussetzungen erfüllen. Das heisst sie dürfen nicht nahe verwandt oder noch verheiratet sein. Zudem muss eine Schein- oder Zwangsehe ausgeschlossen werden können. Beim Ehevorbereitungsverfahren wird überdies die Namensführung des Paars nach der Trauung geklärt.

Ein Thema, das zu Streit führt?

Was ich sagen kann, ist, dass es vielen schwerfällt, sich festzulegen. Der Name ist Teil der Identität. Ein Problem haben viele auch damit, wenn die Kinder nicht so heissen wie sie selbst. In den meisten Fällen entscheiden sich die Paare für das traditionelle Modell und wählen den Namen des Mannes als gemeinsamen Familiennamen.

Wann haben Sie auf dem Zivilstandsamt Hochbetrieb?

Die Sommermonate Mai bis September sind besonders beliebt, weil dann die Chance auf schönes Wetter am grössten ist. Es gibt aber auch Paare, die explizit im Winter heiraten wollen, wenn es Schnee hat. Andere wollen sich am Geburtstag der Braut oder des Bräutigams trauen lassen. An Schnapsdaten werden auch gerne Ehen geschlossen. Dieses Jahr wäre das der Samstag, 18. August. Normalerweise führen wir einmal pro Monat an einem Samstag fünf Trauungen durch. An diesem Tag haben wir neun eingeplant.

Wo heiraten Paare am liebsten?

Die Taverne zur Krone in Dietikon ist beliebt. Die meisten Paare lassen sich aber im Dietiker Stadthaus trauen. Dort fallen keine zusätzlichen Kosten an, weil sich das Zivilstandsamt im selben Haus befindet. Für Trauungen ausserhalb Dietikons verrechnen wir 100 Franken mehr, in der «Krone» in Dietikon kostet es 50 Franken mehr.

Wie viel kostet denn eine Trauung?

Das variiert nach Traulokal, ob die Trauung am Samstag stattfindet und ob es einen Dolmetscher benötigt. Am günstigsten kommt es für ein Schweizer Paar, das werktags im Stadthaus heiratet. Es zahlt 305 Franken.

Können Sie sich an Ihre aussergewöhnlichste Trauung erinnern?

Aussergewöhnlich ist heutzutage im Limmattal nicht mehr viel. Was selten vorkommt, ist, dass ich ältere Paare, die weit über dem Pensionsalter sind, traue. Zu Beginn meiner Arbeit auf dem Dietiker Zivilstandsamt hatte ich aber genau ein solches Pärchen. Die beiden hätten meine Grosseltern sein können. Ich war damals 26 und sie über 70 Jahre alt.

Ist bei einer Trauung schon einmal etwas schiefgelaufen?

Eine Braut hatte dermassen Verspätung, dass wir nicht wussten, ob wir die Trauung überhaupt noch durchführen können. Zehn Minuten vor dem Termin rief der Limousinenfahrer den Bräutigam an und sagte, dass sie immer noch in Zürich beim Coiffeur sei und es wohl noch eine Weile dauern würde. Die Trauung auf später verlegen konnten wir nicht, weil gleich im Anschluss eine weitere folgte und die Dolmetscherin nicht noch länger warten konnte. Schliesslich traf sie fünf Minuten vor dem nächsten Termin ein und wir schafften es noch rechtzeitig.

Gab es auch schon Paare, die kalte Füsse bekommen haben?

Ja. Einmal stand ich vor dem Trauzimmer im Stadthaus mit der Mutter der Braut und der Fotografin. Das Brautpaar tauchte nicht auf. Die Mutter sagte, dass sich die beiden am Abend vorher noch gestritten hätten. Ob das Paar einen neuen Termin festgelegt hat, weiss ich nicht. Ich habe sie jedenfalls nicht mehr auf dem Zivilstandsamt gesehen.

Welche Trauung gehört zu ihrem bisherigen Highlight?

Positiv in Erinnerung geblieben ist mir die Hochzeit eines jungen kosovarischen Paars. Als ich ins Trauzimmer kam, sah ich einen Mann dort sitzen, der mir bekannt vorkam. Er war der Vater der Braut. Ich hatte ihn und seine Frau vor 20 Jahren getraut. Er freute sich, dass ich nun auch seine Tochter vermähle. Dass ich schon die zweite Generation einer Familie traue, war für mich ein ganz spezielles Erlebnis.

An den Trauungen werden Sie auch immer wieder Zeuge davon, wie multikulturell das Limmattal ist.

Italienische, albanische, thailändische und türkische Trauungen sind nichts Exotisches mehr. Viele Brautpaare und Angehörige erscheinen in farbigen Nationaltrachten. Das gefällt mir besonders gut. Über die Jahre habe ich mir auch einige kulturelle Kenntnisse anderer Nationen angeeignet. So weiss ich, dass sich türkische Brautleute nach der Trauung auf die Füsse stehen. Wer es als Erstes schafft, soll der sein, der das Sagen in der Ehe hat. Wenn ich ein türkisches Paar getraut habe, schaue ich daher automatisch unter den Tisch. Viele sind so ergriffen, dass es ihnen erst dann wieder in den Sinn kommt.

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