Am kommenden Montag feiert sich das Lesen selbst: Dann findet der Welttag des Buches statt. Das grosse Lesefest wurde von der Unesco vor über 20 Jahren ins Leben gerufen. Auf Antrag des spanischen Staates erklärte sie den 23. April zum Feiertag für die Kultur des geschriebenen Wortes.

An diesem Datum sollen Miguel de Cervantes in Madrid und William Shakespeare in Stratford-upon-Avon gestorben sein. Zudem ist es auch der Geburts- oder Sterbetag einer Reihe von anderen prominenten Autoren wie Vladimir Nabokov oder Maurice Druon.

Verschenkte Bücher

Auch die Stadtbibliothek Dietikon feiert. Sie verschenkt zum Anlass ausgemusterte Bücher ihres insgesamt 29'000 Medien umfassenden Bestandes. Darin enthalten sind nebst klassischen Büchern in Deutsch und zehn weiteren Sprachen auch CDs, Spiele, Filme, Zeitschriften, Landkarten und Wanderkarten. «Der Verschenktag ist sehr beliebt», weiss Agnes Matt, Leiterin der Stadtbibliothek Dietikon, aus anderen Jahren. «Wir sehen dann viele Leute, die sonst nie in die Bibliothek kommen.»

Mitten in Dietikon steht das 150-jährige Gebäude der Stadtbibliothek.

Mitten in Dietikon steht das 150-jährige Gebäude der Stadtbibliothek.

Unter dem Jahr wird das Haus gleich neben dem Stadthaus rege genutzt. Auch von einem Stammpublikum — das sind Senioren, die Zeitschriften lesen, welche gratis aufliegen. Oder Eltern mit ihren Kindern, die in einem speziell kinderfreundlichen Bilderbuchecken — mit Laufgitter — stöbern. «Wir sind wahrscheinlich die einzige Bibliothek mit einem Laufgitter», sagt Matt mit einem Augenzwinkern. Die Eltern sollen schliesslich in Ruhe aussuchen können. Und es kommen Schüler, die ihre Aufgaben hier machten. Leseanlässe für Senioren oder das japanische Koffertheater für die Kleinsten runden das Angebot ab.

Für einmal kein Konsum

«Die Bibliothek ist ein Ort ohne Konsumationszwang», fasst die Leiterin Matt zusammen, «und das für alle Altersgruppen.» Solche Orte seien heutzutage rar. Ein Bibliotheksabo kostet 40 Franken und gilt für ein ganzes Jahr. Trinkt man zudem einen Kaffee — eine Maschine steht im Parterre des dreigeschossigen Gebäudes zur Verfügung — dann kostet er nur 2 Franken. «Solche Orte sind wichtig», ist Matt überzeugt. Und für sie ist es auch kein Szenario, dass das Buch je aussterben wird.

Verwaltet ein Medienbudget von 65'000 Franken pro Jahr: Agnes Matt.

Verwaltet ein Medienbudget von 65'000 Franken pro Jahr: Agnes Matt.

«Das Buch wird nie tot sein, davon bin ich überzeugt. Auch wenn man es immer wieder sagt.» Es funktioniere ohne Abhängigkeit von einer Energiequelle. «Auch das ist im Hinblick auf die Zukunft ein Vorteil.» Eine andere Frage hingegen ist, ob das klassische Buch durch das E-Book verdrängt wird. «Ich selber lese in den Ferien nur auf dem Reader», sagt Matt, «und dies, obwohl ich die haptische Erfahrung eines richtigen Buches nie missen möchte.» Es sei aber einfach praktisch, keine Bücher im Koffer mitschleppen zu müssen. Oder beispielsweise eine spannende Buchreihe nicht beenden zu müssen, nur weil man mit einem Band früher fertig geworden sei. «Ich sehe das E-Book und das klassische Buch nicht als Konkurrenten, für mich existieren sie nebeneinander.»

Seit fünf Jahren ist Dietikon Mitglied im Verbund der digitalen Bibliothek Digiost. Seither kann das Publikum für den gleichen Preis das zusätzliche Angebot von 100'000 E-Books nutzen.

E-Books ziehen noch nicht

«Das tut aber die Minderheit», weiss Matt. Sie vermutet, dass viele den persönlichen Kontakt schätzen, den die konventionelle Bibliothek bietet. Es bestätigt Matt auch darin, dass eine Bibliothek mehr ist als ein Ausleihhaus. «Bei uns wuselt es», sagt sie.

Nicht nur Lesen: Eveline Moser zeigt das Japanische Koffertheater für die Kleinen.

Nicht nur Lesen: Eveline Moser zeigt das Japanische Koffertheater für die Kleinen.

Im 150-jährigen Gebäude auf drei Etagen war einst die Stadtverwaltung untergebracht. Markus Notter hatte sich als damaliger Stadtpräsident von Dietikon dafür eingesetzt, dass die Bibliothek nachrücken durfte. Heute finanziert der Kanton die Bibliothek mit einem Jahresbeitrag von über 40'000 Franken, die Stadt unterhält den Betrieb mit 530'000 Franken. Dank über 80 Events wie Lesungen oder Reim-Spiele für die Kleinsten, die momentan sehr beliebt sind, generiert die Bibliothek zusätzliche Einnahmen.

Die Lieblinge Potter und Greg

Das am häufigsten ausgeliehene Buch überrascht kaum: Es ist «Harry Potter», die Fantasy-Reihe um den Zauberlehrling, dicht gefolgt von «Greg», der Comicfigur im Schuljungenalltag. «Greg stellt eine neue Buchform dar», so Matt, da traditioneller Text mit Comiczeichnungen gemischt werden. Die Bibliothek verfügt über gleich sechs Ausgaben pro Band.

Bei Erwachsenen sind Krimis und Thrillers gefragt. «Sachbücher werden eindeutig weniger oft ausgeliehen als früher.» Ausgenommen davon sind Kochbücher und Reiseführer. Beim Abrufen von Informationen ist der Klick auf Google dann doch schneller als der Griff zum Buch.