Schlieremer Jahrheft 2017
Ursula Fortuna: «Was wollt ihr denn mit den alten Hütten?»

Die gebürtige Kölnerin Ursula Fortuna wusste mehr über Schlieren als die meisten Einheimischen. Ihr Einsatz für die historische Erforschung der Stadt geht gar weit über ihren Tod im Jahr 2011 hinaus.

Alex Rudolf
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Eine der wenigen Aufnahmen von Ursula Fortuna.

Eine der wenigen Aufnahmen von Ursula Fortuna.

Claudia Porchet

Auf ihrer Hermes-Schreibmaschine verfasste Ursula Fortuna mehr als tausend A4-Seiten über die bauhistorische Geschichte Schlierens und über seine Bewohner. Doch wer war die zierliche Frau mit dem Kurzhaarschnitt und den dicken Brillengläsern, die bis zu ihrem Tod im Jahr 2011 fast sämtlichen Schlieremer Parlamentssitzungen beiwohnte?

Als geschichtslose Region bezeichnete Fortuna ihre Heimat, das Ruhrgebiet. Nach dem Weltkrieg kehrte sie Köln den Rücken und versuchte ihr Glück in der Schweiz, wo ein höheres Salär winkte. Hier fand sie eine Stelle in der Wagonsfabrik in Schlieren, wo sie im Büro arbeitete, wie sie es nach Erlangen der mittleren Reife bereits in Deutschland getan hatte.

Über Schlieren geforscht

Nach einigen Jahren im Beruf begann sie nebenbei mit dem Studium in Geschichte, Wirtschaftsgeschichte und Philosophie, das sie 1972 – als 42-Jährige – mit dem Doktorat abschloss. Von nun an arbeitete sie halbtags bei einer Handelsfirma und forschte die restliche Zeit über Schlieren – ihre Wohn- und auch bald neue Heimatgemeinde. Ihre Arbeiten wurden immer bekannter, sodass sie stets mehr Aufträge erhielt. Diese kamen etwa vom baugeschichtlichen Archiv der Stadt Zürich, von der kantonalen Denkmalpflege oder von privater Seite wie der Schweizerischen Bankgesellschaft und hatten vornehmlich die Erforschung von Wohn- und Bauernhäusern zum Thema.

Beinahe legendär muss Fortunas Präsenz im Staatsarchiv gewesen sein, wo sie sich über Jahrzehnte einen Dauerarbeitsplatz einrichtete. Da bis ins 19. Jahrhundert zurück sämtliche Dokumente im Altdeutschen verfasst waren, rangen viele Studierende mit dem Verständnis. Da Fortuna diese Schrift jedoch spielend leicht verstand, war sie für unzählige Studierende eine beliebte Anlaufstelle für Übersetzungen.

Suche nach der Geschichte

Auf viel Ruhm, Respekt oder Wertschätzung stiess sie ausserhalb des Archivs jedoch nicht: «Die Heimatkunde wird belächelt, man fragt, was wollt ihr mit den alten Hütten, geht doch auf den Ballenberg, dort gibts auch alte Häuser», sagte sie 1999 gegenüber der Limmattaler Zeitung. Doch würden die Häuser schweigen und ihre Geschichte nur nach einer geduldigen Suche verraten.

Ihre Suche führte sie in zahlreiche Bereiche. So verfasste Fortuna etwa die Schlieremer Jahrhefte 1979 (Die Öffnung von Schlieren) und 1981 (Die Pfarrbücher von Schlieren, Ehen 1622 bis 1875). Zudem wirkte sie an den Ausgaben von 1975 und 1977 mit. 2008 erhielt sie vom Zürcher Heimatschutz einen Preis für ihr Lebenswerk. Auch befasste sie sich mit Daten über Geburten, Heiraten und Todesfälle in den alten Schlieremer Familien und hinterliess eine enorme Fülle an Angaben, wie es die Vereinigung für Heimatkunde in ihrem Nachruf 2011 formulierte.

Sie wirkt auch nach dem Tod

Auch für die Zeit nach ihrem Tod hatte Fortuna im Sinn, das Bewusstsein fürs Historische zu schärfen. Oder in diesem Fall: schärfen zu lassen. Mit ihrem Nachlass von rund einer Viertelmillion Franken sollte die Geschichte der Gemeinde Schlieren «durch kompetente Historiker erforscht werden». Das mit dem Legat betraute Zürcher Staatsarchiv wählte die Autoren Bruno Meier und Verena Rothenbühler, die erst im vergangenen Sommer ihre von Fortunas Vermögen finanzierte Publikation der Öffentlichkeit vorstellten (die Limmattaler Zeitung berichtete). In «Geschichten aus dem Alltag» wird das Leben in Schlieren zwischen 1715 und 1914 aufgearbeitet.

Der Fokus liegt dabei nicht auf der bereits gut aufgearbeiteten Epoche der Industrialisierung, sondern auf jener Zeit, die weniger gut ausgearbeitet ist.
Verwundert zeigte sich etwa der «Tages-Anzeiger» in seinem Nachruf auf die Historikerin, dass sich die Deutsche ausgerechnet Schlieren als Studienobjekt aussuchte und bis ins letzte Detail kennen lernte, sodass sie Interessierten in «hochdeutsch gefärbter Mundart» detailliert erzählen konnte, wie die Stadt früher aussah. Die Zeitung resümierte aber, dass «wer Schlieren durch ihre Augen gesehen hat, nie mehr von einer gesichtslosen Agglomerationsstadt sprechen wird».

Fortuna selber fand zu Lebzeiten nur eine Erklärung für ihre Passion für das dörfliche Schlieren: Da sie selber aus einer geschichtslosen Region kommt, suchte sie die Geschichte an einem anderen Ort: «Vielleicht versuchte ich so, eine historische Kontinuität herzustellen», sagte sie 1999.