Kehrichtwerwertung
Urdorfer Gemeinderat opponiert gegen 90-Millionen-Landkauf der Limeco

Die Urdorfer Exekutive will nicht, dass auf dem Areal des heutigen Coop-Verteilzentrums in Dietikon Silbern eine grössere, neue Kehrichtverbrennungsanlage entsteht. Erstmals wird auch bekannt, wie teuer der Landkauf wird, über den die Stimmbürger am 10. Juni 2018 abstimmen können.

Leo Eiholzer
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Die alte Kehrichtverwertungsanlage in Dietikon. Der Urdorfer Gemeinderat will eine grössere verhindern.

Die alte Kehrichtverwertungsanlage in Dietikon. Der Urdorfer Gemeinderat will eine grössere verhindern.

Sandro Zimmerli

Das Stimmvolk soll Nein sagen. Nein zum geplanten Kauf des Coop-Areals in Dietikon Silbern. Das ist der Tenor einer deutlichen Medienmitteilung des Urdorfer Gemeinderats. Die Limeco, Betreiberin der Dietiker Kehrichtverwertungsanlage (KVA), möchte auf dem Areal eine neue KVA bauen, weil die alte 2035 ersetzt werden muss. Am 10. Juni 2018 stimmen die Bürger der acht Limmattaler Gemeinden, denen die Limeco gehört, über den Landkauf ab. Gegenüber der Limmattaler Zeitung nannte die Limeco gestern erstmals den Kaufpreis:
90 Millionen Franken.

Für die Urdorfer Gemeindepräsidentin Sandra Rottensteiner (EVP) geht es dabei um mehr als einen einfachen Landkauf. «Wenn man das Land nicht erwirbt, kann man verhindern, dass die Pläne des Kantons umgesetzt werden», sagt sie auf Anfrage. Gemeint ist der kantonale Abfallplan. Er sieht zum Teil eine Zentralisierung vor, um damit die Effizienz der KVAs im Kanton zu steigern. Rottensteiner begibt sich auf Konfrontationskurs mit dem Kanton: «Wir stellen die kantonale Planung und die Zentralisierung infrage.»

Kanton verhinderte Aargau-Lösung

Der Kanton machte die Limmattaler Versuche einer Neuorganisation der Abfallverbrennung schon einmal zunichte. Er legte sein Veto gegen eine Kooperation mit den Aargauer KVAs Buchs und Turgi ein. Der Kanton wollte nicht, dass Zürcher Abfall im Aargau verbrannt wird und auch eine gemeinsame Gross-KVA in Dietikon entsprach nicht dem kantonalen Richtplan.

Die alte KVA in Dietikon.

Die alte KVA in Dietikon.

Sandra Ardizzone

Rottensteiner bekämpft den Landkauf, weil für sie klar ist: Sobald das Grundstück gekauft ist, ist die Sache gegessen. «Wenn es im Limmattal ein riesiges Grundstück gibt, das man zu diesem Zweck erworben hat, wird der Kanton seine Pläne sicher nicht mehr ändern», sagt sie. «Man suggeriert, dass auch nach dem Landkauf alles noch offen ist. Das ist aber nur bedingt der Fall, wenn man sich die kantonale Abfallplanung anschaut.» Sie will einen Neubau am alten Standort. Die neue Moorschutzverordnung verunmögliche das aber, sagt die Limeco.

Auswärtiger Abfall sichere tiefe Gebühren

An der kantonalen Abfallplanung stört Rottensteiner vor allem, dass viel auswärtiger Abfall im Limmattal verbrannt werden soll. Das ist bisher schon so. Von den 95 000 Tonnen, die 2016 verbrannt wurden, kam nur ein Teil von den Trägergemeinden der Limeco. Kommt hinzu: Die neue Anlage ist mit 160 000 Tonnen deutlich grösser, was noch mehr Fremdabfall bedeutet. «160 000 Jahrestonnen ist die unterste Grenze, bei der wir die KVA betriebswirtschaftlich sinnvoll betreiben können», sagt der Verwaltungsratspräsident der Limeco und Schlieremer Stadtrat Stefano Kunz (CVP). Der auswärtige Abfall sorge dafür, dass die Gebühren für Private und Gewerbe gesenkt werden könnten, weil die Anlage dann effizienter ist. Rottensteiner will gar keine tieferen Gebühren: «Das Ziel des Kantons soll sein, dass weniger Abfall entsteht. Eine niedrige Gebühr ist dafür nicht das richtige Steuerelement.»

CVP-Stadtrat Stefano Kunz ist Verwaltungsratspräsident der Limeco.

CVP-Stadtrat Stefano Kunz ist Verwaltungsratspräsident der Limeco.

Alex Rudolf

Wäre es für die Limeco eine Idee, eine kleinere, weniger wirtschaftliche Anlage zu bauen und darin nur Limmattaler Abfall zu verbrennen? VR-Präsident Kunz sagt: «Wenn ich das höre, stehen mir die Haare zu Berge. Es kann einfach nicht sein, dass man Kosten, die man vermeiden könnte, auf den Gebührenzahler abwälzt. Ich denke da auch an das Gewerbe.»

Abfall aus Affoltern über die A3

Der Urdorfer Befürchtung, dass der auswärtige Abfall neben tiefen Gebühren auch deutlich mehr Verkehr für das geplagte Limmattal mit sich bringt, widerspricht Kunz vehement. «Das erstaunt uns so an der Medienmitteilung: Das Verkehrsaufkommen wird sich etwa halbieren. Wir haben einfach ausgerechnet, wie viele Fahrten Coop und wir heute zusammen haben und wie viele es zukünftig sein werden. Dafür brauche ich kein Verkehrsgutachten.» Das stimmt vielleicht für das Silbern-Quartier, aber nicht unbedingt für Urdorf. Viel des fremden Abfalls kommt aus angeschlossenen Gemeinden aus dem Bezirk Affoltern. Deren Müll wird grösstenteils über die A3 angeliefert, was den Urdorfern missfällt. Im kantonalen Abfallplan ist auch die Schliessung der KVA Horgen vorgesehen. Das könnte dazu führen, dass künftig noch mehr Müll die Autobahn im Urdorfer Einzugsgebiet passieren wird.

90 Millionen für das Coop-Areal

Der Urdorfer Gemeinderat stellt in seiner Mitteilung weitere Aspekte des Projekts infrage. Beispiel Kaufpreis: «Wie wurde der voraussichtlich sehr hohe Kaufpreis festgelegt?» Zu diesem muss man wissen: Coop erhält 90 Millionen Franken, davon 55 Millionen für das 43 110 Quadratmeter grosse Landstück und 35 Millionen für die Gebäude. Im Gegenzug würde Coop das Gelände noch mindestens sechs Jahre mieten und dafür mindestens 25 Millionen Franken überweisen. Im besten Fall würde sich dieser Betrag auf 50 Millionen verdoppeln.

Die Urdorfer Exekutive zeigt sich auch irritiert darüber, dass Coop exklusiv nur mit der Limeco verhandelt hat und das Grundstück nicht am freien Markt angeboten hat. «Was Coop dazu veranlasst hat, exklusiv mit Limeco zu verhandeln, müssen Sie Coop selbst fragen», sagt Kunz dazu. Der Detailhändler konnte gestern noch keine Stellungnahme abgeben.

Ebenfalls für Fragen sorgt in Urdorf das Kostenrisiko von rund 38,5 Millionen Franken. Hintergrund: Sollte das KVA-Projekt nach dem erfolgten Landkauf scheitern, müsste die Limeco voraussichtlich die Gebäude auf dem Gelände abreissen lassen, um das Grundstück auf dem freien Markt gut verkaufen zu können. Denn eine riesige Verteilzentrale eines Detailhändlers dürfte nicht auf grosses Kaufinteresse stossen.

Stadträte von Dietikon und Schlieren haben dem Landkauf der Limeco zugestimmt

Der Gemeinderat Urdorf lehnt es ab, dass die Limeco das Coop-Areal kauft. Diese Haltung, über die nun informiert wurde, dürfte darin münden, dass der Urdorfer Gemeinderat das Geschäft in dieser Form auch dem Stimmvolk zur Ablehnung empfehlen wird. Das Volk der acht Limeco-Trägergemeinden stimmt am 10. Juni ab. Bisher steht der Urdorfer Gemeinderat mit seiner Haltung unter den Behörden alleine da. Am Montag haben der Dietiker Stadtrat sowie der Schlieremer Stadtrat an ihren jeweiligen Sitzungen die Zustimmung zum Landkauf beschlossen. Auch die beiden Parlamente äussern sich noch dazu. So wird etwa in Schlieren die Vorlage noch diese Woche den Parlamentsmitgliedern und der Presse mitgeteilt. Die Gemeinderäte von Oetwil, Geroldswil, Weiningen, Unterengstringen und Oberengstringen haben noch keine Beschlüsse gefasst. Der Oetwiler Gemeindepräsident Paul Studer (FDP) sagt beispielsweise: «Im Januar sollte die Empfehlung der Zürcher Planungsgruppe Limmattal (ZPL) eintreffen. Um alle Informationen beisammenzuhaben, warten wir mit der Beratung zu.» In manchen Gemeinden stellt die Limeco das Projekt zudem noch vor. Anders ist es in Birmensdorf, Uitikon und Aesch. Sie sind nicht Trägergemeinden, sondern per Vertrag angeschlossen. Ihr Volk stimmt also nicht über den Landkauf ab. Total haben neun Zürcher und sechs Aargauer Gemeinden einen solchen Vertrag, darunter Bergdietikon und Spreitenbach. Zudem lässt die interkommunale Anstalt Delica den Müll von 14 Dörfern aus dem Bezirk Affoltern sowie von zwei Aargauer Dörfern in Dietikon verwerten.(DEG)