Als es vorbei war, trauerte ihm niemand mehr nach. Die Flugeuphorie im Limmattal war 1969 längst verschwunden. Das Ende des kleinen Flugplatzes in Spreitenbach, der vor 100 Jahren auf dem Areal des heutigen Rangierbahnhofs seinen Betrieb aufnahm, wurde alles andere als bedauert. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts war die Stimmungslage eine ganz andere. Flugpioniere eroberten nicht nur in den USA, sondern auch in der Schweiz die Lüfte. In Schlieren sorgten die Ballone, die beim Gaswerk starteten, für Staunen.

In Scharen strömten die Menschen an die sogenannten Flugtage, die ab 1909 an verschiedenen Orten in der Schweiz durchgeführt wurden. Etwa in Dübendorf, wo 1910 die 1. Zürcher Flugwoche vor rund 30 000 begeisterten Zuschauern stattfand. Bereits ein Jahr zuvor hatte sich dort eine Gruppe gebildet, um einen Flugplatz mit vier Hangars zu bauen. Auch andernorts wurde der Ruf nach Flugplätzen laut. Gefordert wurde unter anderem eine Anlage bei Zürich. Das Flugfieber war ausgebrochen.

Das Flugfeld Spreitenbach wurde militärisch und zivil genutzt.

Das Flugfeld Spreitenbach wurde militärisch und zivil genutzt.

Davon blieb auch das Limmattal nicht verschont. Während die 1910 gegründete Schweizerische Flugplatz-Gesellschaft ihre Arbeit aufnahm und den besten Flughafenstandort suchte, wurde ein Initiativkomitee für ein Flugfeld Dietikon/Spreitenbach ins Leben gerufen. Diesem gehörten unter anderem Albert Weiss, Direktor des Gaswerkes Schlieren, und Josef Koch, Direktor der Wagi in Schlieren, an. Noch im selben Jahr stand das Thema Flugfeld erstmals auf der Traktandenliste des Dietiker Gemeinderates, wie Hans Peter Trutmann im Dietiker Neujahrsblatt von 2003 schreibt. Im Fokus stand ein Areal im Westen des Dorfs, an der Grenze zu Spreitenbach. Das Land gehörte grösstenteils den SBB. Deren Vorgängerin, die Nordostbahn, hegte ursprünglich die Absicht, dort ihre Werkstätten zu errichten.

Dübendorf hatte die Nase vorne

Die Aussichten, den Zuschlag für ein nationales Flugfeld zu erhalten, standen anfangs nicht schlecht. In einem Gutachten wurde das Areal als geeignet eingestuft. Die Zuversicht im Limmattal war jedenfalls gross. Doch es sollte anders kommen. Entgegen den Erwartungen machte Dübendorf 1911 das Rennen, obschon der Ausbau des Areals im Limmattal wesentlich weniger gekostet hätte. Unter anderem wurde der Entscheid gegen Dietikon auch damit begründet, dass auswärtige Besucher nicht in Zürich, sondern in Baden absteigen würden. Für Wundenlecken blieb kaum Zeit. Schon bald bot sich erneut die Chance auf ein Flugfeld. 1913 startete die Suche nach einem Standort für einen eidgenössischen Militärflugplatz. Doch wiederum zogen die Limmattaler den Kürzeren, wieder stand ihnen Dübendorf in der Sonne.

Es dauerte allerdings nicht lange, ehe in Dietikon dann doch das erste Flugzeug landete – vermutlich aus der Not heraus. Im Februar 1916 setzte Oberleutnant Jakob Ramp seine Doppeldecker Aviatik C-1 auf Limmattaler Boden. Dieses Ereignis war quasi ein Vorbote, auf das, was da noch kommen sollte. Denn Mitte April 1917 eröffnete das Militärdepartement in Spreitenbach überraschend einen Hilfsflugplatz mit einem Hangar. Bis im Herbst des folgenden Jahres wurden dort mehrere Fliegerschulen durchgeführt.

Nach dem 1. Weltkrieg verlor das Flugfeld an militärischer Bedeutung. Geflogen wurde nur noch selten. Das änderte sich 1920. ETH-Studenten gründeten die Akademische Gesellschaft für Flugwesen (Agis) und bezogen in Spreitenbach Station. Ihr Ziel war es, Aviatikstudien zu betreiben und eine Flugschule führen. Doch bereits 1922 wurden die Aktivitäten mangels Mitgliedern wieder eingestellt. Das Flugfeld wurde nur noch landwirtschaftlich genutzt. Ab 1931 führte das Militär in Spreitenbach mit Fliegerkompanien Wiederholungskurse durch.

Im selben Jahr kam es auch zum ersten tödlichen Zwischenfall auf dem Flugfeld, als Hugo Schmid, Gründungsmitglied der Agis, mit einer Eigenkonstruktion abstürzte. Auch die Zivilluftfahrt fasste nun wieder Fuss in Spreitenbach, dank der Segelfluggruppe Zürich, die sich ab 1933 im Limmattal niederliess. Acht Jahre später wurde Modellfluggruppe Dietikon gegründet, die heute noch besteht. Doch der Flugbetrieb schlief wieder ein. Wegen der Treibstoffrationierung während des 2. Weltkriegs gab es im Limmattal kaum noch Flugbewegungen.

Erst 1946 kehrte wieder Leben ein, als der Schweizer Aviatikpionier Alfred Comte eine Flugschule mit drei Fluglehrern in Spreitenbach eröffnete. Der berühmteste Schüler war der Schauspieler Heinz Rühmann. Er war nicht der einzige Deutsche, den es zum Fliegen ins Limmattal zog. Damals wurden bis zu 55 Prozent der Flugprüfungen auf dem Flugfeld von seinen Landsleuten absolviert, weil dies ihnen im Heimatland noch verboten war. 1969 schliesslich wurde der Flugplatz geschlossen. Unter anderem deshalb, weil die SBB Platz für ihren Rangierbahnhof brauchten.