Es ist 13 Uhr. Für Mogos A., Meresh S., Luul W. und Nerayo G. heisst das: Schichtantritt. Die vier Flüchtlinge aus Eritrea sind zwischen 20 und 30 Jahre alt und gehören zum Team Clean. Seit Dezember 2017 bieten die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) in Kooperation mit der AOZ, der Zürcher Fachorganisation im Migrations- und Integrationsbereich, Einsatzplätze im Rahmen des gemeinnützigen Beschäftigungsprogramms Team Clean an. 12 Flüchtlinge, vorläufig aufgenommene Personen und Asylsuchende sind testweise für ein halbes Jahr auf verschiedenen Routen rund um Zürich unterwegs und tragen zur angenehmen Aufenthaltsqualität im Zug bei. Das Arbeitsintegrationsprogramm ist eine Ergänzung zu den bestehenden Reinigungsteams bei den SBB.

«Zu den Anforderungen an die Teilnehmenden gehören gewisse Deutschkenntnisse, Motivation und körperliche Gesundheit», sagt Liz Osbahr von der Personalabteilung der AOZ. Die Team-Clean-Teilnehmer reinigen die SBB-Züge in einem 50-Prozent-Pensum und erhalten dafür eine «Entschädigung, die bei gemeinnütziger Beschäftigung üblich ist», wie Osbahr sagt. Im Vorfeld wurden sie von der AOZ während dreier Tage auf dem fahrenden Zug geschult. «Dabei ging es unter anderem um die Sicherheit am Arbeitsplatz, den Umgang mit Passagieren und wie die Züge gereinigt werden», erklärt Osbahr. Die restliche Zeit der Arbeitswoche verbringen die Programmteilnehmenden nach individueller Abklärung und Möglichkeiten beispielsweise im Deutschunterricht, in Bewerbungswerkstätten oder anderen Fördermassnahmen.

Kultur kennen lernen

«Durch diesen Beschäftigungseinsatz erhalten die Teilnehmenden einen Einblick in die Schweizer Arbeitswelt und sammeln Praxiserfahrungen», sagt Osbahr. Das Programm helfe ihnen auf ihrem Weg in den Arbeitsmarkt. Ausserdem hätten die Teilnehmenden durch das Programm eine feste Tagesstruktur. Die AOZ hat bereits viele Jahre Erfahrung, wenn es um niederschwellige Beschäftigungsprogramme geht. 2004 startete das Projekt Clean Team für die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ). Es diente denn auch als Vorbild für das Team Sauber von Bernmobil, woraus das Team Clean bei den SBB entstanden ist.

Während die vier Flüchtlinge ihre Arbeitskleider – graue Arbeitshose, blaue Jacke, darüber ein weisses Gilet mit der Aufschrift «Team Clean» und Handschuhe – anziehen, gibt Michael Breitenmoser, der das Programm vonseiten der AOZ leitet, kurze und einfache Anweisungen. Die Gruppe wird heute den Zug nach Winterthur und wieder zurück zum Hauptbahnhof nehmen. Das ist eine von drei Routen, auf welchen das Team Clean bei den SBB zum Einsatz kommt. Breitenmoser begleitet jeweils eine der Gruppen: «Ich halte mich bewusst im Hintergrund. Die Männer arbeiten sehr konzentriert und schnell. Schliesslich muss der Zug bei seiner Ankunft gereinigt sein.»

Sind die Arbeitskleider angezogen, füllen die Männer ihren Rucksack mit Abfallsäcken, Wischmopp, Einwegtüchern, Sprühflasche und einem Handfeger. Dann geht es auch schon Richtung Gleis 33, wo der Zug um 13.33 Uhr Richtung Winterthur via Flughafen Zürich losfährt. Die Teilnehmenden sind sehr motiviert, sagt Breitenmoser: «Bei den Einsätzen lernen sie Schweizer Gepflogenheiten kennen: Pünktlichkeit, Sauberkeit und wie man in der Gesellschaft miteinander umgeht.»

Mogos A., Meresh S., Luul W. und Nerayo G. steigen in den letzten Wagen des Zuges. Der Reinigungsstreifzug setzt sich mit dem Anrollen des Zuges ebenfalls in Bewegung. Die Männer gehen Abteil für Abteil und Wagen für Wagen vor. Sie teilen sich in Zweier-Gruppen auf den Doppelstöcker auf. Während sie Abfälle von den Abstelltischen und aus den Kübeln in einen schwarzen Plastiksack leeren, verschwinden herumliegende Zeitungen in einem grauen. Es geht zügig vorwärts. Dann bleibt Meresh S. kurz stehen, zeigt auf eine auf einem Sitz liegende Zeitung. Der Passagier nickt und lächelt. Erst dann greift Meresh S. zu und lässt sie im grauen Plastiksack verschwinden.

Ein Wohlgefühl geben

«Nächster Halt Zürich Flughafen», erklingt es aus den Lautsprechern. Für die Männer des Team Clean ein Zeichen, nun für kurze Zeit ihre Reinigungsarbeiten zu unterbrechen. Zügig laufen sie durch den Wagen, während die ersten Passagiere aufstehen, nach Mänteln und Koffern greifen und sich für den Ausstieg vorbereiten. «Es ist wichtig, dass sich die Passagiere nicht gestört fühlen», sagt Breitenmoser. Erst als die Flüchtlinge einen weniger frequentierten Wagen erreichen, beginnen sie sogleich wieder, PET-Flaschen aufzulesen und die Kübel zu leeren. In der ersten Klasse angekommen, sind die Abfallsäcke der Männer bereits halb gefüllt. Am Ende des Zuges messen sie deren Gewicht mit einer Handwaage. Die Anzeige verrät, dass während der 25-minütigen Zugfahrt von Mogos A., Meresh S., Luul W. und Nerayo G. je rund drei Kilogramm Abfall eingesammelt wurden. Dann binden sie diese zu und stellen sie im Ausstiegsraum des Zuges an die Wand.

In Winterthur angekommen, bleiben den Männern sechs Minuten, um den Abfall in den dafür vorgesehenen SBB-Containern zu entsorgen, das Perron zu wechseln und in den Zug zurück nach Zürich zu steigen. Auch auf dieser Fahrt kommt einiges an Abfall und Papier in die schwarzen und grauen Säcke. Das Treppensteigen und Bücken im schwankenden Zug ist anstrengend. Auf Nerayo G.’s Stirn haben sich Schweissperlen gebildet. Zu seiner Arbeit sagt er: «Am liebsten mag ich den Kontakt zu Menschen. Mit der Arbeit kann ich herausfinden, wo ich vielleicht in Zukunft eine Anstellung finden kann. Vielleicht ja auch bei der SBB.» Grundsätzlich mache er jede Arbeit gerne, das Leben sei einfach schöner mit einer Aufgabe, sagt der gelernte Krankenpfleger, der seit rund zwei Jahren in der Schweiz ist.

Die Züge sind noch sauberer

Auch das erste Fazit der SBB zum Projekt in Zürich fällt nach zwei Einsatzmonaten gut aus: «Weil das Team Clean die bestehenden Reinigungsequipen der SBB ergänzt, sind unsere Züge noch sauberer», sagt Sprecher Daniele Pallecchi. Auch die Pendler würden positiv auf das Projekt reagieren und die Teilnehmer seien sehr motiviert. Mehr als Sauberkeit zähle jedoch der integrative Aspekt: «Die SBB haben eine gesellschaftliche Verantwortung. Wir ermöglichen den Flüchtlingen so, in die Schweizer Arbeitswelt hineinzuschnuppern», sagt Pallecchi. Nach Ablauf des sechsmonatigen Tests entscheide man nach einer eingehenden Evaluation, wie sich die SBB weiter in dieses Projekt einbringen können.

Der Zug fährt im Zürcher Hauptbahnhof ein. Wenn Mogos A., Meresh S., Luul W. und Nerayo G. ein paar Minuten vor der Ankunft mit der Reinigung des Zuges durch sind, weicht die Konzentration aus ihren Gesichtern, sie unterhalten sich und lachen. Sobald der Zug hält, sind sie wieder fokussiert, packen sogleich ihre Abfallsäcke, steuern zielgerichtet die Container an. Der nächste Zug fährt in wenigen Minuten. Bevor sie um 17 Uhr Feierabend machen, fahren sie noch einmal zum Flughafen und wieder zurück.