Auf dem Fussballplatz bringt Schiedsrichter Mario Gullo so schnell nichts aus der Ruhe. Hier fühlt sich der Dietiker wohl und kann seine ganze Erfahrung ausspielen. Mit ruhiger Hand und grosser Umsicht leitet er seit 24 Jahren Fussballspiele. Ganz anders sah es auf der Bühne aus, auf der ihm letztes Wochenende in Dübendorf Moderatorin Christa Rigozzi eine Trophäe überreichte: An der Gala des Fussballverbands Region Zürich wurde Gullo unter den über 800 aktiven Schiedsrichtern im Kanton als Schiedsrichter des Jahres ausgewählt.

«Das ist sensationell, ich möchte mich noch einmal beim Vorstand des Regionalverbands bedanken. Ich habe an der Gala fast keine Dankesworte gefunden», sagt der 53-Jährige über die «völlig unerwartete» Auszeichnung. Nur um gleich anzufügen, dass er doch eigentlich nur seine Arbeit gemacht habe und sich nicht fühle, als seien seine Leistungen aussergewöhnlich. Und überhaupt, ohne die Unterstützung von Vereinsfunktionären, Trainern, Spielern und Betreuern könne er gar kein Spiel leiten. «Wenn ich als Unparteiischer auf dem Platz kein Thema bin, dann habe ich meine Arbeit gut erledigt», sagt Gullo. Auch neben dem Platz ist er keiner, der das Rampenlicht sucht.

Zufällig reingerutscht

Schiedsrichter ist er vor 24 Jahren eher zufällig geworden. Bei seinem damaligen Fussballverein, dem in Dietikon beheimateten US Sampietresi, fehlten die nötigen Schiedsrichter: «Du bist ruhig und seriös, du könntest das sicher gut», sagte der Vizepräsident zu ihm, und kurz darauf absolvierte er seinen ersten Kurs und wechselte erstmals auf dem Rasen die Seiten. Seither habe er nicht ein einziges Mal daran gedacht, mit der Schiedsrichterei wieder aufzuhören. Im Gegenteil: Die Freude an der neuen Rolle führte dazu, dass er seine aktive Fussballkarriere beendete, um sich voll auf die neue Aufgabe zu konzentrieren. 

Unterstützung der Familie

Das passt zur Zielstrebigkeit und Konstanz im Leben von Gullo. Als er vor 30 Jahren von Italien in die Schweiz auswanderte, fand er seine erste Arbeitsstelle bei der Lange AG in Urdorf. Bis heute ist er für die Druckerei tätig. Ebenfalls seit 30 Jahren ist er mit seiner Frau Angela verheiratet. Sie war der Grund, wieso er mit Anfang 20 aus seinem italienischen Heimatdorf San Pietro a Maida nach Dietikon gezogen war.

Kennen lernte er seine in der Schweiz geborene Frau, die ursprünglich ebenfalls aus dem kalabrischen Dorf stammt, in der Heimat in den Sommerferien. Ohne die Unterstützung seiner Familie wäre seine Schiedsrichterkarriere gar nicht möglich gewesen, erzählt Gullo. Der grosse Zeitaufwand und die vielen fixen Termine – Gullo ist an den meisten Wochenenden im Jahr im Einsatz – erfordere von seinen Liebsten viel Nachsicht und Geduld.

Abendessen mit der Nati

Während rund 15 Jahren war Gullo für die Grasshoppers als Schiedsrichter tätig, wo er es als Assistent bis in die 1. Liga schaffte und mit Grössen wie Massimo Busacca zusammenarbeitete. Seit knapp fünf Jahren arbitriert er im Dienst des FC Uitikon Spiele der 3. Liga und gibt als Assistent in der 2. Liga jungen Unparteiischen sein Wissen und seine Erfahrung weiter.

Gullo, der bereits Spiele von Gehörlosen leitete, hat in seiner Schiedsrichterkarriere viel erlebt: Noch lange erinnern wird er sich an ein Testspiel der Nationalmannschaft während der Vorbereitung für die Heim-EM 2008. Anschliessend habe man im Hotel zusammen mit den Spielern und Trainer Köbi Kuhn zusammengegessen und sich ausgetauscht. «Das war ein besonderer Moment», erinnert er sich. 

Ebenfalls eindrücklich war sein Einsatz bei einem Behindertenländerspiel in St. Gallen vor zehn Jahren. Und das, obwohl er einen Fehlentscheid fällte, wie er lachend erzählt. Als ein Spieler im Strafraum zu Boden ging, entschied Gullo gutgläubig auf Penalty. «Aber er hat mich einfach reingelegt», sagt er. Nach dem Spiel sei der scheinbar Gefoulte zu ihm gekommen und habe ihm lachend mit Gesten gezeigt, dass es eine Schwalbe gewesen sei.

Fairplay hat zugenommen

Egal wie gross der Moment auch ist: Sobald der Anpfiff erfolgt, sind für Gullo alle Spiele gleich. Er sei so auf das Spiel fokussiert, dass alles rundherum keine Rolle mehr spiele. Ein guter Schiedsrichter müsse mental wie körperlich stark sein, sich gut vorbereiten und die Regeln bis in die Details beherrschen. Auch als 3.-Liga-Schiedsrichter absolviert er noch regelmässig Weiterbildungen und muss zweimal pro Jahr seine Kondition und Regelkenntnisse unter Beweis stellen. 

«Ich bin auf dem Platz sehr ruhig und lasse mich nicht schnell irritieren von den Spielern», beschreibt Gullo seinen Stil. Der Schutz der Spieler stehe für ihn an oberster Stelle. «Schliesslich sind wir alle keine Profis und müssen am nächsten Tag wieder zur Arbeit.» Er versucht deshalb, möglichst vorausschauend und beruhigend zu pfeifen, damit sich die Gemüter gar nicht erst erhitzen. Damit hatte er in seiner Karriere Erfolg, grosse Kontroversen erlebte er bisher nicht. Generell erlebt er den Schiedsrichteralltag sehr positiv und sagt, die Zusammenarbeit mit den Spielern und das Fairplay auf dem Platz hätten sich in den letzten 20 Jahren klar verbessert.

Seine guten und beständigen Leistungen haben nun zur Auszeichnung als bester Schiedsrichter geführt. Für die Nomination müsse ein Unparteiischer zuverlässig, einsatzfreudig und vorbildlich sein und sich auch abseits des Platzes aktiv einbringen, sagt Andreas Baumann, Leiter Abteilung Schiedsrichter beim kantonalen Verband. All das treffe auf Mario Gullo zu. «Mario ist einer, auf den einfach Verlass ist. Wenn Hilfe gebraucht wird, ist er immer mit dabei», schreibt die Schiedsrichter-Gruppe Uetliberg, die ihn für den Preis vorschlug. 

San Pietro in Dietikon

Diese Hilfsbereitschaft zeigt sich nicht nur im Fussball. Als er in die Schweiz kam, engagierte er sich während Jahren in der Drogenprävention auf dem Zürcher Platzspitz und als Präsident der Associazone Sanpietresi engagiert er sich in der Dietiker Vereinslandschaft. Es ist kein Zufall, dass der Verein und auch sein ehemaliger Fussballclub nach seinem Heimatdorf benannt sind. Dank Mundpropaganda wanderten einst rund 1300 Menschen aus San Pietro a Maida in den Raum Dietikon, und noch heute leben gut 1000 Sanpietresi in der Region. 

Die Associazone Sanpietresi setzt sich für den Zusammenhalt der Sanpietresi und den Erhalt ihrer Kultur ein. Doch der Verein sucht den Austausch mit anderen Vereinen in der Stadt und will sich nicht abkapseln. «Es wäre auch schön, wenn es den Verein irgendwann gar nicht mehr braucht, weil alle so gut integriert sind», sagt der schweizerisch-italienische Doppelbürger.

Er selbst habe sich nur in den ersten Jahren noch nicht heimisch gefühlt in Dietikon. Seit rund 20 Jahren hat er sogar im Fussball sein Lieblingsland gewechselt und würde bei einem Duell zwischen der Schweiz und Italien der Nati die Daumen drücken. Ganz im Gegenteil zu seiner in der Schweiz geborenen Frau und seinen Kindern, die alle drei glühende Tifosi sind.