Arbeitsmarkt
Und endlich gab es Arbeit – Wie ein Flüchtling den Schritt von der Sozialhilfe zum eigenen Lohn schaffte

Flüchtlinge haben es schwierig, eine Arbeit zu finden. Ein Unternehmen in Zürich hat es trotz anfänglicher Bedenken gewagt, einen jungen Syrer in der Buchhaltung anzustellen – und profitiert davon.

Michel Wenzler
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Harmonieren gut als Team: Röbi Koller (l.) begleitet Tony Abou Assaleh als «Götti» während dessen Einsatz in der Kreditorenabteilung.

Harmonieren gut als Team: Röbi Koller (l.) begleitet Tony Abou Assaleh als «Götti» während dessen Einsatz in der Kreditorenabteilung.

Madeleine Schoder

Er hat wenig falsch gemacht – aber etwas doch. An einem seiner ersten Tage bei seinem neuen Arbeitgeber sollte Tony Abou Assaleh Unterlagen in einem Ordner ablegen. «Ich habe das Papier auf der rechten Seite gelocht», sagt der 28-jährige Syrer und lacht. Für ihn war es normal, dies so zu tun – schliesslich liest und schreibt man auf Arabisch von rechts nach links.

Der Flüchtling, der seit Anfang 2017 beim Industrieunternehmen MAN Diesel & Turbo Schweiz AG beim Escher-Wyss-Platz in Zürich arbeitet, erzählt die Anekdote noch heute gerne. Seine Arbeitskollegen und er selbst begegnen kulturellen Unterschieden wie jenem, auf dem sein Missgeschick beruhte, mit einer gesunden Prise Humor. Der junge Buchhalter fühlt sich wohl im Team, und dieses fühlt sich wohl mit ihm.

Das ist nicht selbstverständlich. Denn seine Anstellung war ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Tony Abou Assaleh lebt seit vier Jahren in der Schweiz. Er ist ein anerkannter Flüchtling mit B-Ausweis, er darf also erwerbstätig sein. Arbeit zu finden – das war für den jungen Syrer aber schwierig. Zwar reichte es für ein paar Schnupperwochen in Betrieben. «In erster Linie erhielt ich aber Absagen», sagt er.

Gut qualifiziert

Das änderte sich, als die für ihn zuständige Asylorganisation AOZ sein Dossier sowie jene von vier weiteren Bewerbern der Firma MAN schickte. «Ich war zuerst erstaunt über die Anfrage», sagt die HR-Managerin Marlise Mäder. «Überrascht war ich aber auch, wie gut qualifiziert die Bewerber waren.»

Tatsächlich bringt Tony Abou Assaleh viel mit. In Damaskus absolvierte er die Matura; er studierte anschliessend drei Jahre an einer Fachhochschule und arbeitete danach zwei Jahre als Buchhalter bei einer Versicherung – bis er aufgrund des Kriegs in seiner Heimat in die Schweiz flüchtete. Trotz seiner Qualifikationen und der bemerkenswert guten Deutschkenntnisse hatte Mäder aber zuerst Bedenken. Wie offen würden die Arbeitskollegen für einen Flüchtling sein? Was, wenn die Person vom Krieg traumatisiert war?

Viele solche Gedanken und Vorurteile kreisten zunächst in den Köpfen der Verantwortlichen. «Die grösste Hürde für eine Anstellung», sagt Mäder, «war letztlich, die eigene Hemmschwelle zu überwinden.»

Dann aber beschlossen die Verantwortlichen, das Wagnis einzugehen. Auch deshalb, weil sie der Asylorganisation, welche die Fähigkeiten wie auch die Geschichte ihrer Schützlinge kennt, Vertrauen entgegenbrachten.

Arbeitgeber

Fokus: Integration

Das internationale Unternehmen MAN Diesel & Turbo stellt Grossdieselmotoren, Kraftwerke und Turbomaschinen her und blickt auf eine 250-jährige Geschichte zurück. Es beschäftigt weltweit 14'000 Mitarbeiter in über 100 Ländern. Der Hauptsitz befindet sich in Augsburg. In Zürich arbeiten 750 Personen. Im grössten privaten Industriebetrieb der Stadt werden Turbokompressoren für die Weltmärkte entwickelt und produziert. Tony Abou Assaleh ist nicht der einzige Flüchtling, der eine Beschäftigung bei MAN in Zürich gefunden hat. So kann ein weiterer syrischer Flüchtling ein neunmonatiges Praktikum in der Abteilung Qualität und im After-Sales-Service absolvieren. Zudem setzt sich die Firma für die Reintegration von Personen in den Arbeitsmarkt nach einer Umschulung oder nach einem längeren Ausfall ein. (MIW)

Die Sprache als Schlüssel

Vertrauen, das heisst auch: nicht nachfragen und die Privatsphäre respektieren. «Wir löchern Tony nicht nach seiner Vergangenheit», sagt Röbi Koller, der sich als Bezugsperson und «Götti» von Beginn an um den neuen Mitarbeiter kümmerte. «Er soll seine Geschichte dann erzählen, wenn er dies von sich aus tun will. Und wir haben rasch gemerkt, dass er mit der Vergangenheit abschliessen und lieber in die Zukunft blicken möchte.»

Tony Abou Assaleh bestätigt das. «Ich will vorausschauen und viel lernen», sagt er, der in den vergangenen Jahren diszipliniert an seinen Deutschkenntnissen gearbeitet hat. «Ohne Sprache geht es nicht», sagt er. Sie war letztlich auch der Türöffner für die Anstellung. Zuerst erhielt er bei MAN während einer Schnupperwoche Einblick in die Kreditorenabteilung, dann hängte er ein vierwöchiges Praktikum an, und heute arbeitet er in einem 60-Prozent-Teilzeitpensum im Unternehmen. Daneben absolviert er eine Weiterbildung zum Sachbearbeiter Buchhaltung.

Seinen Arbeitskollegen ist er als wissbegieriger junger Mann mit schneller Auffassungsgabe aufgefallen. «Um sich auf die Stelle vorzubereiten, hat er den Geschäftsbericht gelesen», erinnert sich Mäder und lacht. Und sein Betreuer Koller sagt: «Wir mussten ihm nie lange etwas erklären.»

Er hat es gerne ordentlich

Gabs auch Probleme? Keine, sagt Koller, zumindest keine wesentlichen. Und Tony Abou Assaleh sagt: «Am meisten forderte mich die deutsche Sprache heraus. Jeder Tag bei der Arbeit war wie ein Intensivkurs.» Fachlich hingegen habe ihm der Job aufgrund seiner Vorkenntnisse keine Probleme bereitet. Er fühlt sich im Unternehmen wie auch in der Schweiz wohl. Ihm gefalle es, wie gut hier alles organisiert und mit wie viel System alles geregelt sei, sagt der Buchhalter, der es gerne ordentlich mag und dessen Arbeitsplatz schön aufgeräumt ist.

Wichtig ist ihm auch der zwischenmenschliche Kontakt. Er hat sich gut integriert, geht mit seiner fröhlichen Art auf die Arbeitskollegen zu, nimmt an Anlässen wie dem Firmenlauf teil. «Ich bin dankbar dafür, was ich hier erleben darf», sagt er. Dankbar gegenüber der Firma, den Personalverantwortlichen, den Vorgesetzten und Kollegen, den Betreuern, aber auch gegenüber der Asylorganisation und der Schweiz, die ihn aufgenommen hat.

Die Arbeit ist für ihn eine Chance auf ein geregeltes Leben. Er kann Berufserfahrung in einer Schweizer Firma sammeln; er erhält ein Arbeitszeugnis und kann Referenzen vorweisen. Und, für ihn besonders wichtig: «Ich beziehe keine Sozialhilfe mehr, sondern einen Lohn.»

Mehrheit braucht Sozialhilfe

Tony Abou Assaleh gehört damit zu den wenigen Flüchtlingen, die diesen Schritt schaffen. Dies legt ein Blick in den Sozialbericht 2016 des Kantons Zürich nahe: Von den knapp 14'600 anerkannten und vorläufig aufgenommenen Flüchtlingen im Kanton erhielten im vergangenen Jahr 7400 Personen finanzielle Unterstützung, also etwas mehr als die Hälfte.

Und Arbeitgeber, die bereit sind, einen Flüchtling anzustellen, dürften in der Minderheit sein. Zahlen dazu gibt es nicht. «Ich möchte andere Firmen dazu ermuntern, diesen Schritt ebenfalls zu wagen», sagt Mäder dazu. Gelangt die Asylorganisation erneut an ihr Unternehmen, will sie die Dossiers auf alle Fälle wieder prüfen.

Und wie geht es weiter mit Tony Abou Assaleh? Im kommenden August schliesst er seine Weiterbildung ab. Dann läuft auch sein befristeter Arbeitsvertrag ab. Das Unternehmen und der junge Syrer schauen dann, wie es weitergeht. «Sorgen», sagt er, «mache ich mir keine mehr.»