Tödliche Tierliebe
Unbekannte stehlen diesem Pferd wiederholt die Fressbremse – und setzen dessen Leben aufs Spiel

Damit er wegen seiner Krankheit nicht zu viel frisst, braucht Wallach Linus eine Fressbremse. Das Gerät wurde schon drei Mal gestohlen.

Talina Steinmetz
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Lara Wetzel mit Linus: Der Freiberger benötigt eine Fressbremse, damit er nicht zu viel und nicht zu schnell Gras frisst.

Lara Wetzel mit Linus: Der Freiberger benötigt eine Fressbremse, damit er nicht zu viel und nicht zu schnell Gras frisst.

Seraina Boner

Lara Wetzel streichelt über die Nüstern von Linus. Der sechsjährige Wallach schlägt mit seinem Schweif nach einer Breme. «Bei dieser Hitze sind die Viecher sehr aggressiv. Das kann schon mühsam werden», sagt Wetzel. Derzeit beschäftigt die 25-Jährige aber ein grösseres Problem: Ihrem Linus, der auf dem Lärchenhof in Hittnau zu Hause ist, wird regelmässig die Fressbremse gestohlen und zerstört.

Die Fressbremse, eine Art Maulkorb, benötigt er, damit er nicht zu viel Gras frisst. Linus leidet am Equinen Metabolischen Syndrom – eine Stoffwechselkrankheit, die mit Diabetes beim Menschen vergleichbar ist. «Frisst er zu schnell zu viel frisches Grün, resultiert eine Kolik daraus. Das kann tödlich enden.»

Entfernt, zerstört und entsorgt

Zum ersten Mal ist ihr der Diebstahl vor ungefähr einer Woche aufgefallen. «Als ich sah, dass ihm die Bremse fehlte, habe ich mir zuerst nichts dabei gedacht. Je nachdem, wie sich Linus am Boden wälzt, kann es sein, dass er sie verliert.» Danach habe sie das Utensil aber auf dem Spazierweg neben der Weide gefunden – völlig zerschnitten. Da sei ihr klar geworden, dass es kein Unfall sein konnte. «Hängt das Pferd mit der Fressbremse irgendwo ein, hat diese Sollbruchstellen, damit sie das Tier nicht verletzt. Jene von Linus war an Stellen zerschnitten, wo das nicht einfach von allein passieren kann.»

Das Equine Metabolische Syndrom

Das Equine Metabolische Syndrom, kurz EMS, ist eine Stoffwechselkrankheit. Jedes Pferd kann betroffen sein, vor allem aber Ponys, Kleinpferde oder Kaltblutrassen. Linus ist ein Freiberger, die zu den Kaltblutrassen zählen. Lara Wetzel, die selber zwei Jahre Tiermedizin studiert hat und eine Ausbildung zur Tierheilpraktikerin macht, sagt: Anfällig seien vor allem Pferde, die nicht ihrem Potenzial entsprechend ausgelastet würden. «Freiberger waren früher Arbeitstiere, die stundenlang einen Pflug über Äcker gezogen haben. Heute ist das nicht mehr nötig – die Gene sind trotzdem noch vorhanden.» EMS führt zu vermehrten Fettdepots, zum Beispiel am Mähnenkamm oder rund um den Schweifansatz. Auch tritt vermehrter Appetit auf. Überfrisst sich ein Pferd, nimmt es durch das frische Gras sehr viel Zucker auf. Das kann tödlich enden – vergleichbar mit massiver Überzuckerung eines Diabetikers. Als Massnahme wird das Tier meist auf Diät gesetzt. Um trotzdem mit anderen Pferden weiden zu können, wird auf die Fressbremse zurückgegriffen. (red)

Lara Wetzel war zwar verärgert, hat aber noch nichts Schlimmes dahinter vermutet. «Ich dachte an einen blöden Teenagerstreich.» Bis die neu gekaufte Fressbremse zwei Tage danach wieder gewaltsam entfernt wurde. «Beim zweiten Mal lag sie versteckt und mit allen Verschlüssen geöffnet in einem Gebüsch, etwa sieben Meter von der Weide entfernt.» Da sei ihr klar geworden, dass es sich um ein vorsätzliches Vorgehen handeln müsse. «Zum Glück ist beide Male nichts passiert, ausser dass Linus ein wenig Bauchschmerzen hatte.»

Warum jemand ihrem Pferd regelmässig die Fressbremse entfernt, kann sich Lara Wetzel nur bedingt erklären. Sie vermutet falsche Tierliebe. «Das maulkorbähnliche Geschirr sieht nicht sehr bequem oder nützlich aus. Wahrscheinlich hatte jemand Mitleid mit Linus und dachte, er tut ihm etwas Gutes, wenn er die Bremse entfernt.» Trotz Verständnis für solche Gedanken kritisiert Lara Wetzel das Vorgehen. «Es hat niemand etwas an, bei oder auf meinem Pferd zu suchen. Die Haltung und seine Fressgewohnheiten gehen alleine mich etwas an.» Vor allem, weil diese vermeintliche Tierliebe tödlich für Linus enden könne.

«Das Ganze geht auch ins Geld: Eine neue Fressbremse kostet um die 130 Franken, von einem möglichen Tierarztbesuch oder einer Operation möchte ich gar nicht erst anfangen.» Wer sich fragt, was Linus um die Nüstern trägt oder warum er nicht zu viel fressen darf, könne sie ungeniert auf dem Hof darauf ansprechen.

Seit dem zweiten Vorfall sind einige Tage vergangen. Ein Zettel am Zaun der Pferdeweide weist auf die Notwendigkeit der Fressbremse hin. Lara Wetzel war immer mal wieder über Nacht auf dem Hof, um Ausschau nach möglichen Tätern zu halten. In dieser Zeit ist es zu keinen Vorfällen gekommen – bis zum Mittwoch.

«Der Stallbesitzer hat mir geschrieben: Die Fressbremse ist schon wieder weg und in Einzelteile zerschnitten», sagt sie am Telefon. Nun hat sie bei der Polizei zum dritten Mal Anzeige erstattet. Welche weiteren Massnahmen ergriffen werden, weiss sie noch nicht. Sie hoffe, dass die Kameraüberwachung des Hofs helfe, den Täter oder die Täterin zu finden.