Dicke Überraschung vor dem Zürcher Obergericht: Es spricht das Liebespaar - sie hat in der C&A gearbeitet, er kannte die zwei Räuber - frei. Das Bezirksgericht Zürich hatte sie im Dezember 2016 noch wegen Gehilfenschaft zu Raub zu Freiheitsstrafen verurteilt: Sie erhielt damals 30 Monate, 20 davon auf Bewährung. Er bekam 4 Jahre unbedingt.

Die beiden werden nun nach dem erfolgten Freispruch für ihre Zeit in Untersuchungshaft entschädigt: Die Frau, die 152 Tage einsass, erhält 25'000 Franken, ihr Freund für seine 668 Tage 70'000 Franken. "Wer A sagt muss auch B sagen", begründete der Richter diesen Entscheid.

Im Zweifel für die Angeklagte

Denn ganz so klar war die Angelegenheit nicht. Minutenlang sprach der Richter bei der Urteilsverkündung davon, dass das Insiderwissen für den Raubüberfall nur von der heute 33-jährigen Frau stammen könne. "Sie ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Quelle", sagte der Richter.

Allerdings muss ihr nachgewiesen werden, dass sie die Informationen bewusst für den Raub weitergegeben hat. Und das kann man nicht, da alle vier Beschuldigten schweigen. Die eigentlichen Räuber - ein Brüderpaar - waren unter anderem im Besitz des Zugangscodes für den Personaleingang. "Die Frau hätte auch ausgehorcht werden können oder ihr Freund hätte die Information auf ihrem Handy lesen können."

Zwar glaubt der Richter nicht, dass sie die Informationen unwissentlich weitergegeben hat, "es kann aber nicht ausgeschlossen werden". Deshalb erfolgte der Freispruch im Zweifel für die Angeklagte.

Bei ihrem 39-jährigen Freund verhielt es sich ähnlich. Für das Gericht war es naheliegend, dass er das Insiderwissen weitergab. Es kann die Möglichkeit aber nicht ausschliessen, dass seine Freundin das Brüderpaar direkt informiert hatte.

Zähneknirschender Richter

Der Richter erklärte, dass man manchmal mit Zähneknirschen akzeptieren müsse, dass ein Schuldiger freigesprochen werde und verglich den Prozess mit Fussball: Zwar bestehe kein Zweifel, dass der Ball die Torlinie passiert habe. Es sei aber nicht sicher, ob im vollen Umfang. "Eine Torkamera hatten wir hier leider nicht", sagte er und sprach von einem "unbefriedigenden Resultat für den Staatsanwalt".

Keinen Zweifel hatte er hingegen bei der Schuld der Brüder. Während einer noch vor dem Berufungsprozess den Schuldpunkt "Raub" akzeptierte und damit zumindest indirekt gestand, schwieg der andere - wie auch das Liebespaar - hartnäckig.

Sie wurden daher aufgrund von Indizien wegen Raubes verurteilt. Dazu zählten beispielsweise DNA-Spuren am Tatort, das Fluchtauto, fehlende Alibis, die Signalemente der Täter oder der Umgang mit dem Geld. Dazu kamen widersprüchliche Aussagen.

Geld noch immer verschwunden

Für den Richter war klar, dass sie im Oktober 2015 eine C&A-Filiale in Zürich ausgeraubt hatten. Dabei profitierten sie von Insiderwissen: Sie kannten den Zugangscode zum Personaleingang, wussten an welchem Tag die Wocheneinnahmen zum Abholen bereitgemacht werden und wo sich der Tresor befindet. Sie erbeuteten rund 140'000 Franken. Das Geld ist grösstenteils noch immer verschwunden.

Allerdings kürzte der Richter ihre Strafen: Von 4,5 auf 4 Jahre respektive von 5,5 auf 5 Jahre. Das Bezirksgericht habe die Strafe der zwei Männer - 33 und 41 Jahre alt - zu hoch angesetzt. Die Zeit, die sie bereits im Gefängnis sitzen, wird ihnen angerechnet.

Sie erhielten zudem noch Geldstrafen für weitere Delikte. So bestahl beispielsweise einer von ihnen, als Ladendetektiv angestellt, seinen Arbeitgeber. Ihre Strafen: Einmal 300 Tagessätze à 20 Franken unbedingt und einmal 80 Tagessätze à 20 Franken bei einer Probezeit von 2 Jahren.

Der Staatsanwalt wartet nun das schriftliche Urteil ab und prüft dann einen Weiterzug ans Bundesgericht, wie er nach der Verhandlung sagte.