Beim Hönggerwehr tosen die Wassermassen der Limmat stadtauswärts. Der Fluss ist mehr als gut gefüllt nach den ausgiebigen Niederschlägen der letzten Tage. Bis Sonntag führte er noch 100 Kubikmeter pro Sekunde. In der Nacht von Montag auf Dienstag waren es dann rund 280 Kubikmeter. Inzwischen ist der Wert auf knapp 220 Kubikmeter pro Sekunde zurückgegangen, wie Wolfgang Bollack von der kantonalen Baudirektion gestern auf Anfrage sagte.

Eigentliche Hochwassersituationen habe es kantonsweit zwar nicht gegeben. «Doch es kommt noch viel Wasser aus dem Zürichsee und aus den Bergen.» Die Limmatschleusen dürften daher wohl noch eine Zeit lang weit offen bleiben.

Land überflutet

Zum Teil hat der Fluss das Land überflutet. Und das soll er auch. Zumindest hier im Grenzgebiet zwischen Zürich und Oberengstringen, wo vor fünf Jahren eine Renaturierung durchgeführt wurde. Damals nannte der Kanton das Projekt, das auch dem Hochwasserschutz dienen soll, noch Auenpark. Inzwischen hat es die Stadt Zürich unter ihre Fittiche genommen – und aus dem Auenpark wurden die Limmatauen.

Doch wie entwickeln sich die Limmatauen? Und was macht das viele Wasser mit ihnen? Ein Gärtner von Grün Stadt Zürich ist damit beschäftigt, am Ufer der Werdinsel frischgeschnittene Äste einzusammeln. «Die Badi wächst sonst zu», erklärt er. «Aber ansonsten überlassen wir die Insel der Natur und dem Biber.»

Am Höngger Wehr sind alle Schleusen offen

Am Höngger Wehr sind alle Schleusen offen.

Der Biber hat seinen Wohnsitz am Werdinselspitz, wie angeknabberte Bäume verraten. Das Gebiet ist jetzt teilweise überflutet und das Wasser durchsetzt mit grasgrünen Inseln, auf denen sich Enten tummeln. Die Luft ist erfüllt vom Schnarren, Schnattern und Zwitschern der Vögel. Leise plätschert das Wasser zwischen den Bäumen hindurch. Die Stadt scheint weit weg – und liegt doch gleich oberhalb der Uferböschung.

Wie im 17. Jahrhundert

Auf einer Schautafel zeigt eine Landkarte aus der Zeit um 1650, wie die Limmat damals verlief. Sie hatte zahlreiche Nebenarme, die sich verzweigten, durchs Grün hindurchschlängelten und dann wieder zusammenkamen. Die überfluteten Teile der Werdinsel geben jetzt einen Eindruck, wie es damals hier gewesen sein könnte – damals, bevor der Fluss immer mehr und bis 2012 schliesslich vollständig kanalisiert wurde.

Erst die 2013 baulich vollzogene Renaturierung für 9,4 Millionen Franken befreite die Limmat ein Stück weit aus ihrem Korsett. Dass der Biber auf der Werdinsel wieder heimisch geworden ist, war eine der Folgen.

Bäume auf Steg

Über eine Brücke gehts hinüber zum Fischerweg, auf dem sich um die Mittagszeit vor allem Joggerinnen und Jogger tummeln. Die mit Natursteinen in die Limmat gebauten Buchten sind gut geflutet: Das Ufergras steht unter Wasser. Der Steg durch den sumpfigen Auenwald, der bei der Renaturierung eigens für Naturliebhaber gebaut wurde, hat unter den jüngsten Wetterkapriolen gelitten. Sturmböen haben mehrere Bäume auf ihn geworfen. Er ist stark beschädigt und derzeit gesperrt.

Die renaturierten Limmattauen werden geflutet

Die renaturierten Limmatauen werden geflutet.

Stadtauswärts wird weiter sichtbar, wie die Renaturierung in den letzten fünf Jahren vorangeschritten ist: Meterhoch ragt Schilf aus dem ufernahen Wasser. Am flach abfallenden Ufer leuchtet grünes Moos zwischen dürren Schilfstängeln in der Wintersonne.

Insel kaum noch sichtbar

Auf den flussabwärts kurz vor der Autobahnbrücke bei Oberengstringen angelegten Kiesinseln spriessen die Sträucher teils mehrere Meter in die Höhe. Die flachste der Inseln ist fast vollkommen überschwemmt und kaum zu erkennen in der Gischt der Stromschnellen. Zwei Enten sonnen sich auf den Steinen, die gerade noch aus dem Wasser ragen.

Die Folgen der Renaturierung sind auch am Oberengstringer Limmatufer deutlich sichtbar: Ein ufernaher Kiesweg durchs Gelände ist plötzlich von Wasser unterbrochen. Wenige Meter später taucht er wieder aus dem Wasser auf. Die Grenze zwischen dem flach abfallenden Uferland und dem Wasser der Limmat ist jetzt fliessend.