Die Hardbrücke ist kein Ort zum Verweilen: Geplagt von Verkehrslärm und Abgasen, umgeben von heruntergekommenen Industriebauten, fand ich sie früher einfach nur hässlich. Inzwischen ist die Verkehrsachse, die sich quer über das vom Hauptbahnhof westwärts reichende Gleisfeld spannt, einer meiner Lieblingsorte in Zürich. Und das hat nicht nur mit der auch schon abgedroschenen Westside-Story zu tun, die davon erzählt, wie seit den 1990er-Jahren aus dem heruntergekommenen Industrie- ein aufstrebendes Boomquartier wurde, dessen grün verglastes Wahrzeichen namens Prime Tower gleich neben der Hardbrücke in den Himmel ragt.

Nein, es liegt auch an der einmaligen geografischen Lage: Das abgesehen von ein paar Brücken unverbaute Gleisfeld lässt die Morgen- und die Abendsonne auf die Hardbrücke scheinen; der Blick schweift weit von diesem Denkmal der Mobilität. Ein neues Hochhaus nach dem anderen kratzt hier die Wolken. Diese Kombination macht es wohl aus, dass Zürich nirgends moderner und urbaner wirkt als hier.

Laut und aussichtsreich: Rundumblick auf der Hardbrücke,

Bislang war die Verkehrshierarchie an der Hardbrücke klar: Die Bahn rollte unten durch, die Brücke gehörte den Autos. Doch das wird sich ändern: Ab 10. Dezember rollt die jetzt noch am Hardplatz endende Tramlinie 8 über die Hardbrücke zum Werdhölzli. Sie soll die Brücken-Buslinien 33 und 72 entlasten. Die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) rechnen damit, dass das Passagieraufkommen am Bahnhof Hardbrücke von heute gut 45 000 langfristig auf über 80 000 Personen täglich steigt.

Brückenbau nach Eingemeindung

Ironie der Geschichte: Mit der neuen Tramlinie wird die Hardbrücke auch eine Schienenbrücke. Dabei wurde sie einst gebaut, um dem zunehmenden Schienenverkehr auszuweichen. Seit 1847 zuckelte die Spanisch-Brötli-Bahn von Zürich durchs Limmattal nach Baden. Die erste Eisenbahnlinie der Schweiz durchschnitt den damals noch nicht eingemeindeten Zürcher Vorort Aussersihl. «Einschneidend war das zunächst nicht, denn es rollten nur gerade vier Züglein pro Tag in jede Richtung», schreibt VBZ-Chronist Bruno Gisler in einem kürzlich auf vbzonline.ch erschienen Artikel.

Doch der Bahnverkehr nahm in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rasant zu. Folge: Der ebenerdige Bahnübergang der Hardstrasse, der ein Stück weit westlich der heutigen Hardbrücke verlief, blieb meistens geschlossen.

Die verarmte Vorortsgemeinde Aussersihl und das durch die Bahnlinie abgetrennte Industriequartier wurden 1893 eingemeindet. Zusammen mit der Nordostbahn, dem Vorläufer der SBB, plante die Stadt Zürich eine eiserne Fachwerkbrücke über das Gleisfeld. Diese erste Hardbrücke führte vom Hardplatz zur Pfingstweidstrasse und wurde 1897 eröffnet. Zunächst diente sie vorwiegend noch unmotorisierten Fuhrwerken und Fussgängern.

Ab 1927 hielt dann der öffentliche Verkehr Einzug: Die erste städtische Buslinie fuhr von der Utobrücke (heute: Sihlcity Nord) via Hardbrücke zum Rigiplatz. Sie transportierte vor allem Arbeiter zu ihren Arbeitsplätzen im Escher-Wyss- und Giesshübel-Gebiet. Weil während des 2. Weltkriegs Treibstoffmangel herrschte, wurde die Linie im Jahr 1942 elektrifiziert. Doch die schwereren Trolleybusse setzten der Brücke zu: 1948 musste sie verstärkt und saniert werden.

Symbol einer Auto-Verkehrspolitik

Im Zuge des Wirtschaftsbooms der Nachkriegszeit wurde das Auto zum Massenverkehrsmittel und die alte Hardbrücke zu klein. Ihr 1972 erbautes Nachfolgemodell war als Teil der Westtangente konzipiert – länger, höher und breiter als die alte Hardbrücke. Aus der einstigen Überbrückung der Spanisch-Brötli-Bahn war eine Art Stadtautobahn auf Stelzen geworden. Schon bald verstopfte sie wieder und sollte zum Symbol einer zu sehr aufs Auto ausgerichteten Verkehrspolitik avancieren.

Erneut war Stadtreparatur nötig. Und so kam die Idee auf, ein Tram über die Hardbrücke zu planen. 2013 stimmte das Zürcher Stadtparlament dem Plan mit 95:22 Stimmen zu. Ende 2014 folgte eine kantonale Volksabstimmung, bei der zwei Drittel des Zürcher Stimmvolks das Projekt Tram Hardbrücke absegneten.

Inbegriffen in das fast abgeschlossene 130-Millionen-Projekt ist auch eine Neugestaltung des Bahnhofs Hardbrücke und des Hardplatzes. Der Bahnhof hat nun auf Brückenniveau eine Art Bahnhofshalle und breitere Treppenaufgänge. Einziger Schönheitsfehler: Velofahrer und Fussgänger kommen sich auf dem gemeinsamen Trottoir beim Bahnhof unweigerlich in die Quere. Aufgehübscht wurde auch der Hardplatz: Ihn zieren neu Bäumchen und Parkbänke, auch ein Café wurde unter die Hardbrücke geklemmt. Wer weiss, vielleicht wird sie ja dereinst doch noch ein Ort zum Verweilen.