Bezirksgericht Dietikon
Übergriff im Ambulanzfahrzeug: Beschuldigter Sanitäter wird freigesprochen

Eine Frau, die von der Ambulanz abgeholt wurde, beschuldigte einen Rettungssanitäter des Übergriffs während der Fahrt. Das Gericht befand den Mann jedoch als unschuldig und sprach ihm eine Genugtuung von 4000 Franken zu.

Rosmarie Mehlin
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Der Vorfall ereignete sich während der Fahrt im Krankenwagen. (Symbolbild)

Der Vorfall ereignete sich während der Fahrt im Krankenwagen. (Symbolbild)

Keystone

Der Pfingstmontag 2014 war ein heisser Tag. Um 17.40 Uhr war eine Ambulanz auf den Mutschellen gerufen worden. Die Sanitäter fanden in einem Imbiss eine am Boden liegende, damals 36-jährige Frau vor. Diese habe, so einer der Sanitäter gestern von Gericht, «seltsame Laute von sich gegeben.» Die beiden Sanitäter hatten die Frau auf einer Bahre ins Fahrzeug getragen, ihr ein EKG gelegt und waren ins Unispital Zürich gefahren, am Steuer der wenig erfahrene Sanitäter, neben ihm die Schwester der Kollabierten.

Was sich unterwegs zugetragen haben soll, schilderte die nunmehr 40-Jährige, die im Januar 2015 Strafanzeige erstattet hatte, als Zeugin vor Einzelrichterin Alexandra Hardegger. «Nach mehreren Minuten Fahrt hat der Sanitäter mir mit der Hand über die Innenseite des Oberschenkels, die Scheide und dann die wegen des EKGs entblösste Brust gestrichen.» Dies habe der Beschuldigte insgesamt drei Mal getan. Sie sei sehr schlecht beisammen gewesen, habe schliesslich aber alle Kraft aufwenden können, um seine Hand wegzustossen und zu verlangen, dass die Schwester nach hinten komme. «Das stimmt, aber, das ging nicht, weil wir grad auf der Autobahn waren. Aber die Schwester hatte durch das Fenster in der Trennwand vollständigen Einblick», so der Beschuldigte.

Diagnostik weitergeführt

Der 31-Jährige, der ohne Anwalt erschienen war, betonte, der Zustand der Frau sei sehr ungewöhnlich gewesen und «weil bei Überführungen ins Unispital immer besonders gründlich abgeklärt wird», habe er die Diagnostik weitergeführt, unter anderem in Richtung Neurologie, aber auch bezüglich Bewegungsapparat. «Dabei musste ich notgedrungener Massen auch die Beine der Patientin anfassen». Die Zeugin schilderte mit Vehemenz, sie habe schreckliche Angstzustände gehabt und leide noch heute an den Folgen. «Wenn ich eine Ambulanzsirene höre, bekomme ich eine Panik-Attacke.»

«Seine Aussagen waren von Anfang an nachvollziehbar sowie differenziert und werden im Gutachten vom Rechtsmedizinischen Institut bestätigt. Die Klägerin hingegen hat sich in mehrere Widersprüche verwickelt.»

Urteilsbegründung

Für den Beschuldigten hatte ihre Strafanzeige schwerwiegende Folgen. Im folgenden Monat war ihm gekündigt worden, «wegen arbeitsrechtlichen Differenzen, nicht wegen dem Vorfall», sagt er. Per Dezember fand er eine neue Stelle. «Die wurde mir noch während der Probezeit gekündigt, als ich zu Einvernahmen zur Staatsanwaltschaft Bremgarten musste.» Zunächst war davon ausgegangen worden, dass der Vorfall sich auf Aargauer Boden zugetragen hatte. Dann war als «Tatort» Zürcher Boden ins Auge gefasst worden. Wegen dem langen Hin und Her über die Zuständigkeit dauerte es über drei Jahre bis zur Gerichtsverhandlung.

Späte Genugtuung

Im April 2015 hatte der Beschuldigte wieder eine Stelle gefunden. Im November desselben Jahres erschien in der «Sonntagszeitung» ein Artikel über den Fall; weitere Zeitungen folgten. Darin kam die Klägerin zu Wort. Der Beschuldigte wurde namentlich nicht erwähnt, «aber Rettungssanitäter gibt es nicht wie Sand am Meer», so der Beschuldigte. Schliesslich wurde der 31-jährige Vater eines kleinen Sohnes im November 2016 erneut arbeitslos. Inzwischen ist er ausgesteuert.

Der Staatsanwalt hatte wegen Schändung zehn Monate Freiheitsstrafe bedingt mit einer langen Probezeit von vier Jahren gefordert. Die Anwältin der Klägerin verlangte für ihre Mandantin 3500 Franken Genugtuung. Die Richterin sprach den Sanitäter frei und ihm eine Genugtuung von 4000 Franken zu. «Seine Aussagen waren von Anfang an nachvollziehbar sowie differenziert und werden im Gutachten vom Rechtsmedizinischen Institut bestätigt. Die Klägerin hingegen hat sich in mehrere Widersprüche verwickelt. Auch war ihr Puls während der Fahrt trotz der angeblichen Angstzustände gleichmässig ruhig gewesen», so die Urteilsbegründung.