Dietikon

Trotz Krise in der Branche: Weshalb Antiquariate nicht aussterben

Sebastian Willig schätzt es, den antiquarischen Alltag selbstständig gestalten zu können.

Sebastian Willig schätzt es, den antiquarischen Alltag selbstständig gestalten zu können.

Obwohl die Antiquariatsbranche in der Krise ist, gehen dem Buchantiquariat Dietikon die Aufträge nicht aus. Antiquar Sebastian Willig gewährt Einblicke.

Die Antiquariatsbranche ist in der Krise. Doch beim Buchantiquariat Dietikon spürt man nichts davon, im Gegenteil. «Die Konkurrenz ist kleiner geworden, seit viele Antiquariate in Zürich eingingen», sagt Geschäftsführer Sebastian Willig. Und tatsächlich scheint es gut zu laufen. Im Viertelstundentakt trudeln an diesem Nachmittag Kunden ein: Ein älterer Herr bringt zwei volle Säcke mit alten Wanderkarten und Büchern vorbei, die Willig gratis entgegennimmt. Was er davon nicht verkaufen kann, entsorgt er.

Wenig später trifft eine Dame ein, die eine Videokassette mit dem Zeichentrickfilm Mulan abholt. Sie stöbert noch etwas in den verwinkelten Räumen, die vor Bücher fast überquillen. Aus dem Radio tönt Swing. Neben der Kasse steht ein altes Sofa. «Manche Stammkunden kommen auch mal auf ein Kafi vorbei und reden mit mir über Gott und die Welt», sagt Willig. Andere würden auf ganz bestimmte Ausgaben schwören und werden im Antiquariat fündig.

Dass dem Antiquariat die Aufträge nicht ausgehen, liegt womöglich am breiten Kundenkreis: Die Kunden sind sowohl jung als auch alt, männlich und weiblich, kommen von nah und fern. «Gestern verkaufte ich Friedrich Dürrenmatts ‹Das Versprechen› an einen Schüler. Es war eine ältere Ausgabe für zwei Franken», so Willig. Der Stadtzürcher glaubt, dass viele Kunden es nach wie vor schätzen, ein Buch in den eigenen Händen zu halten und in ihm blättern zu können. «Dieser Kundentyp wird nie aussterben», sagt er. Gerade das analoge Lesen werde von vielen Kunden präferiert, wohingegen es bei Musik und Film keinen grossen Unterschied mache, ob man streame, eine CD höre oder eine DVD sehe.

Geschätzte 10'000 Bücher

Das Buchantiquariat Dietikon ist kein Versandantiquariat. «Dazu müssten wir die Buchlisten ins Internet stellen», sagt Willig. Bei geschätzten 10'000 Büchern eine Sisyphus-ähnliche Arbeit. Dass das Internet ein zusätzliches Standbein werden könnte, will Willig aber nicht ausschliessen.

Willig setzt auf das klassische Antiquariatsmodell: Wer ein Buch loswerden will, kann dieses bei ihm kostenlos abgeben. «Wir sind eines der wenigen Antiquariate, das noch Bücher entgegennimmt», sagt er. An diesem Nachmittag muss er aber auch einen Kunden abweisen, der ihm einen zwölfbändigen Brockhaus überlassen will. «In Zeiten von Wikipedia kann es Jahre dauern, bis wir diesen verkaufen können», sagt er. Wer nicht nur stöbern möchte, sondern etwas Spezifisches sucht, lässt sich das Buch oder den Autor von ihm auf eine Liste eintragen. «Oft erhalten wir die gesuchten Bücher durch Zufall», sagt Willig. Ab und zu bestelle er aber auch bei einem Online-Antiquariats-Register, das zu Amazon gehört. Viele Antiquariate kannten nur noch letzteren Weg.

Das Antiquariat funktioniert ohne thematischen Schwerpunkt. Im Erdgeschoss steht eine vergriffene Ausgabe des Zivilgesetzesbuches in einem Raum voller Belletristik-Gestellen. In der grossen Sammlung im Keller steht eine Bücherkiste über Duftheilkunde neben einem Regal mit Wetterbüchern oder einem solchen mit Fantasy- oder Wanderbüchern. «Die Esoterik-Mode ist ein wenig vorbei», sagt Willig, «was hauptsächlich läuft sind Liebesromane und Krimis. Diese verkaufen wir fast täglich».

Sammler interessieren sich vor allem für die antiquarische Ecke. «Das älteste Buch, das wir je verkauft haben, war ein ledergebundenes Kirchengesangsbuch aus dem 18. Jahrhundert», so Willig. Weh habe ihm das nicht getan. «Ich freue mich über jedes Buch, das einen neuen Besitzer findet», sagt er. Ein Buch von Gottfried Keller aus dem Jahre 1915 sticht hervor. Es kostet 18 Franken.

Rettung vor der Liquidation

«Die Beträge, die wir einnehmen, sind eher bescheiden», sagt Willig. Von der aktuellen Krisen spürten sie zwar nichts, das Antiquariatsgeschäft sei aber prinzipiell nicht sehr rentabel. Der 28-Jährige Willig fühlte sich aber schon immer von dem Beruf angezogen. Im Jahre 2013 begann er für den Weininger Antiquaren Max Bürgis zu arbeiten. Als dieser vor drei Jahren beschloss, sein Geschäft aufzugeben, übernahm Willigs Mutter Mirjam Wachter die Sammlung.

«Ich habe es nicht übers Herz gebracht zuzuschauen, wie die Bücher liquidiert werden», sagt sie. Trotz der niedrigen Margen sieht es also danach aus, dass die beiden das Geschäft auch in Zukunft weiterführen wollen. «Bisher gewährten wir unserem Antiquariat alle halben Jahre wieder eine neue Gnadenfrist», sagt Wachter.

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