Die Konzentration ist spürbar, die Anspannung scheint hoch zu sein. Beatrice Acuna geht einen Schritt hinter ihrem Guide Jean Bläuenstein, die rechte Hand hält sie an seinem Ellbogen, in der linken führt sie Maverick, ihren Hund. Der Atem kondensiert in der kalten Luft, die Bäume, an denen sie vorbeigehen, sind bereits herbstlich gefärbt.

Das Duo hält an, Bläuenstein schaut nach links und rechts, tritt vor, mit bestimmter aber fürsorglicher Stimme gibt er die Anweisung «Und, jetzt!». Sie überqueren gemeinsam die Strasse. All diese Eindrücke nimmt der Beobachter wahr, der die beiden begleitet. Aber Beatrice Acuna sieht dies alles nicht. Denn sie ist blind.

«Man muss ein Grundvertrauen aufbauen können»

«Man muss ein Grundvertrauen aufbauen können»

Beatrice Acuña  spricht darüber, wie es ist, mit einem Guide zu joggen.

Jeden Mittwoch um acht Uhr trifft sich das Tandem, wie eine Zweiergruppe im Laufsport genannt wird, in Dietikon und geht zusammen in den Wald zum Lauftraining. Um sich etwas aufzuwärmen, spazieren sie. Sobald sie aber den Waldrand erreichen, machen sie sich für das Joggen bereit. «Hier ist es extrem wichtig, dass ich als Guide äusserst aufmerksam bin», sagt Bläuenstein.

Jedes Hindernis könne verwirrend sein. Nur schon die Blätter auf dem Boden oder ein herumliegender Tannzapfen sei für blinde oder sehbehinderte Personen eine Gefahr, da sie durch solche Hindernisse oder Einflüsse erschrecken und dann das Gleichgewicht verlieren können.

Unfälle sind selten

Vorsichtig machen sie sich bereit, die Hände binden sie in eine Schlinge ein, damit sie miteinander verbunden sind. Der Guide kann dabei über die Bewegungen mit der Schlinge die Richtung oder allfällige Höhenunterschiede angeben. Dadurch entstehe eine extrem hohe und intensive Vertrauensbasis, sagt Acuna. «Ich muss darauf vertrauen können, dass mein Guide auf alles Wichtige aufpasst.» Und auch Kommandos seien für die Orientierung sehr wichtig, sagt René Scheidegger, Vorstandsmitglied des Vereins Lauftreff Limmattal. Trotz allen Vorsichtsmassnahmen und der Übung könne es in sehr seltenen Fällen zu kleineren Unfällen kommen, bei denen sich die blinden Läufer Knöchel verstauchen, da sie über Hindernisse stolpern. «Etwas gebrochen hat sich bis anhin aber zum Glück noch niemand.»

Maverick, der Blindenhund, wird nervös, er tollt herum, sein Glöckchen am Halsband läutet permanent. Während er die Leine trägt, sei er «am Arbeiten», sagt Acuna. Dann sei der Hund konzentriert und lasse sich von nichts ablenken. Man dürfe ihn dann auch nicht streicheln oder mit ihm reden. «Hier im Wald darf er aber einfach nur Hund sein.» Das Tandem rennt los, beginnt mit der Laufstrecke und dem Lauftraining, der Hund, mit einem viel zu grossen Ast im Maul, schnellt vornweg. Die Bindung zwischen Acuna und Hund Maverick zeigt sich auch beim Rennen. Immer wieder bleibt er stehen, dreht sich zu ihr um und wartet, bis sie wieder zu ihm aufgeschlossen hat.

Platz in der Gesellschaft

«Wie in jedem Verein ist auch bei uns das Niveau sehr unterschiedlich», sagt Scheidegger. «Bei uns rennen Blinde mit, die vorher noch nie Sport gemacht haben.» Es sei für sie die ideale Möglichkeit, Vertrauen in sich aber auch den Guide aufzubauen, an der frischen Luft zu sein und sich sportlich zu betätigen. Einige der Läuferinnen und Läufer würden aber über die gemeinsamen Trainings hinausgehen und sogar an Marathons teilnehmen, sagt er.
Durch diese gemeinsamen Trainings entstehe ein enger Kontakt, eine Bindung, zwischen dem Guide und dem Läufer, so Scheidegger. Und auch für Acuna ist der 2015 gegründete Lauftreff mehr als nur ein Sportverein. «Wir sind ein richtiges Team», sagt sie. Gemeinsam feiern die 25 Läufer und die 35 Guides, die dem Verein Lauftreff Limmattal angehören, dann auch zusammen ein Weihnachtsfest oder veranstalten Grillabende.

Für Scheidegger sei es schön festzustellen, dass der Lauftreff, der von freiwilligen Helfern lebt, keine Probleme habe, Mitglieder zu finden. «Unsere Kurse, bei denen sich Leute zum Guide ausbilden lassen können, laufen sehr gut. Die Zahl der Guides und Trainings nimmt jährlich zu.» Und der Kontakt mit den Menschen sei wichtig, sagt er. «Es ist zentral, dass blinde Menschen aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.» Zu oft würden sie aufgrund ihrer Einschränkungen davon ausgeschlossen. «Dass mir das Laufen so ermöglicht wird, dafür bin ich unendlich dankbar», sagt Acuna.