Ist man Stadtpräsident, gibt es nichts, das einen nicht betrifft. Dies sagte Toni Brühlmann-Jecklin in einem Interview nach seiner Wahl 2010. Er sollte recht behalten. Wahrlich führte ihn sein Amt in Situationen, in denen man ihn eigentlich nicht vermutet hätte: Deutlich wird dies beim Durchforsten des Bildarchivs der Limmattaler Zeitung.

Ohne sein Amt wäre der SP-Politiker wohl nie dazu gekommen, mit einem Anstich die Schlieremer Wiesn zu eröffnen. Die Greisin, die ihren 101. Geburtstag am Altersheim Sandbühl feierte und der Brühlmann in seiner Funktion gratulierte, hätte er wohl nie getroffen. Und auch am grossen Sitzungstisch aus Holz im neunten Geschoss des neusten Hochhauses auf dem Gebiet des Bio-Technoparks würde Brühlmann-Jecklin wohl nicht sitzen, wäre er nicht Schlieremer Stadtpräsident.

Doch wählte er das Sitzungszimmer des Pharmariesen Roche als Ort für das Gespräch über seinen Abschied aus der Politik. Dies sei ein bedeutungsvoller Ort, sagt er über das Hochhaus. Denn: «Geht man auf die Website des Unternehmens, ist neben Basel und Schanghai Schlieren als dritter, wichtiger Standort vermerkt», sagt Brühlmann, blickt über seine Stadt und sagt: «Diese Aussicht ist schon sehr beeindruckend.» Er hat recht.

Kein Wohnort, sondern Heimat

Brühlmann wurde kürzlich 71 Jahre alt. In einen klassischen Ruhestand treten wird er aber nicht so schnell, oder immerhin nicht, solange es die Gesundheit zulasse, wie er sagt. In einem gewissen Pensum werde er weiterhin in seiner Praxis als Psychotherapeut tätig sein, doch auch die neu gewonnene Freizeit will er geniessen. Etwa mit seiner Frau Erica oder bei Fahrrad-Touren.

Geboren wurde Brühlmann im luzernischen Malters. 1976 kam der studierte Theologe und Psychotherapeut wegen seiner Frau, die bereits hier wohnte, nach Schlieren. Von Beginn weg stand für ihn fest, die Stadt solle nicht nur ein Wohnort sein, sondern zur Heimat werden. Dies bedeutete auch viel Arbeit. Er trat der Feuerwehr bei – ein Schritt den er jedem Neuzuzüger als Integrationsmassname empfehlen würde, wie er heute sagt. Aus dem Heimatsuchenden wurde 1990 ein Gestalter. Er wurde Mitglied der Vormundschaftsbehörde, 1998 folgte der Eintritt in den Schlieremer Gemeinderat. Das Präsidium der Schlieremer SP hatte er damals bereits inne.

Die Gesamterneuerungswahlen von 2002 markieren einen bittersüssen Meilenstein in Brühlmanns Karriere. Damals kandidierte er für den Stadtrat und fürs Stadtpräsidium. Zwar musste er sich Peter Voser (FDP) geschlagen geben, schaffte aber den Sprung in die Exekutive. Jedoch verdrängte er dabei seinen Parteikollegen Peter Bärtschiger (SP), der als Überzähliger aus dem Stadtrat ausschied. «Dies tat mir leid, doch die Politik kann manchmal hart sein», sagt Brühlmann rückblickend.

Was sagen andere?

Fragt man in der städtischen Politiklandschaft herum, was einen zum Stadtpräsidenten in den Sinn kommt, ist die erste Antwort beinahe einhellig. Es ist seine Wasserfestigkeit. So sei er bei jeder Witterung mit dem Velo unterwegs, heisst es. Politiker aus dem bürgerlichen Lager attestieren ihm zudem eine «liebenswürdige Art». Er sei eine Person, der man nicht böse sein könne. Laut seiner eigenen Einschätzung könne er Politik recht gut von Persönlichem trennen, sagt Brühlmann. «Alle wissen, dass ich sie ernst nehme und ein offenes Ohr habe, wenn sie mit einem Anliegen zu mir kommen.»

Vom bürgerlichen Lager ist weiter zu hören, dass es Brühlmann an Charisma mangele. «Wenn Charisma bedeutet, dass man mit dem Porsche vorfährt, anstatt wie ich mit dem Velo, sehe ich dies nicht als Kritik», sagt dieser dazu. Doch meine man damit einen lauten Polteri, könne er die Kritik verstehen. «Denn ein Sprücheklopfer bin ich wirklich nicht.» Eher leise und sehr gewählt drückt er sich aus. Überlegt sich seine Worte ganz genau und lässt kaum Spielraum für Interpretation.

Dies zeigte sich 2012, nachdem sich das SRF-Satire-Format «Giacobbo/Müller» über Schlieren lustig machte, die Stadt als Unort und Abfallkübel diffamierte. Brühlmann setzte sich mit der Redaktion der Sendung in Verbindung und wollte klarstellen, dass Schlieren eine prosperierende Agglomerationsstadt ist: «Dies tat ich im Namen der Einwohner und der Verwaltungsmitarbeiter, die sich in ein völlig falsches Licht gerückt sahen», sagt er rückblickend. Die Macher der Sendung titulierten Brühlmann im Nachgang als humorlos. «Weiter weg von der Wahrheit könnten sie damit nicht liegen», sagt er sichtlich amüsiert.

Ein Showman ist in der Tat nicht an Brühlmann verloren gegangen, doch wie man mit Menschen umgeht, weiss er. Vergangene Woche strömten mehrere Dutzend Medienschaffende nach Schlieren, um über die Verpflanzung der Stadtplatz-Buche zu berichten. Als sich abzeichnete, dass der Zeitplan nicht eingehalten werden konnte und die Medienschaffenden allmählich unruhig wurden, machte Brühlmann-Jecklin die Runde über den Platz und verteilte ihnen Gratis-Bratwürste. Mit den gefüllten Bäuchen hellte sich auch die Stimmung auf.

Keine Stadt wuchs schneller

Was ist Brühlmanns Vermächtnis? Wie fand er die Stadt vor, wie hinterlässt er sie? Fest steht, Schlieren ist nicht mehr die gleiche Stadt wie zuvor. 2002 übernahm Brühlmann das Finanzressort und hatte mit denselben Problemen zu kämpfen wie seine Nachfolgerin Manuela Stiefel (FDP). Hohe Investitionen waren nötig. «Heute steht Schlieren auf soliden Füssen. Auch dank des umsichtigen Entlastungsprogramms, das der Stadtrat beschlossen hat.» Seine eigene Fraktion ist von dieser Massnahme nicht restlos überzeugt.

Während seiner Amtszeit war Schlieren kurzzeitig die am schnellsten wachsende Stadt der Schweiz. Zeitgleich wächst die Bewegung der Wachstumsgegner, die Verkehrs- und Bauprojekten kritisch gegenüberstehen. Wann ist Schluss mit dem Wachstum? «Die Stadt wird wohl nie fertig gebaut sein, denn es besteht nach wie vor die Möglichkeit der Innenverdichtung.» Die Grenzen hin zur Stadt Zürich würden ohnehin laufend verschwommener.

Ein Neuzuzüger sei jüngst durch Schlieren gewandert und habe das Quartierbüro gesucht. «Es war ihm nicht bewusst, dass wir nicht zu Zürich gehören», sagt Brühlmann schmunzelnd. Ist die Fusion, wie sie von der AL vor einem Jahr vorgebracht wurde, eine Option? «Ich denke nicht, da keine Notwendigkeit besteht. Wir sind mit unserer Verwaltung sehr gut aufgestellt.»

Mehr Support für das künftige Gremium

Brühlmanns grösster Misserfolg war seiner Ansicht nach das Nein des Parlaments zum Projet Urbain: «Das Zusammenleben in Schlieren als Agglomerationsstadt hätte durch das Projekt aufgewertet werden sollen.» 45 Prozent der Bevölkerung sind Menschen mit einem ausländischen Pass, in die Schlieremer Quartiere würden in den nächsten Jahren noch Hunderte weitere Menschen ziehen. «Da wäre eine Vermittlung notwendig gewesen. Doch das Parlament sagte Nein zum Quartiermanagement, das schmerzte.»

Auch hat sich die Zusammenarbeit zwischen dem Stadtrat und dem Parlament in jüngster Zeit verändert. Der Grund steht für Brühlmann fest: Es fehle teilweise an Vertrauen. «Kommissionen oder Parteien neigen heute dazu, ein Stück weit die Aufgaben der Exekutive zu übernehmen. Sie glauben nicht so ganz daran, dass sich der Stadtrat bei der Erarbeitung der Vorlagen – etwa der Begegnungszone beim Bahnhof – viele Überlegungen gemacht hat. Ich wünsche mir mehr Support für das künftige Gremium.» Müsste er die Zusammenarbeit der vergangenen Legislatur benoten, würde sie auf fachlicher Ebene etwas mehr als eine 4 erhalten und aus persönlicher Sicht eine 5,5.

Ist man einmal Stadtpräsident, gibt es nichts, das einen nicht betrifft. Wird Brühlmann diese Verantwortung nicht vermissen, wenn ab dem 1. Juni Parteikollege Markus Bärtschiger oder Manuela Stiefel von der FDP seine Nachfolge antritt? «Ein bisschen sicher. Doch geniesse ich auch die Vorstellung, nicht mehr verantwortlich zu sein.»