Urdorf

Thomas Grob hält 1800 Legehennen – über Traditionen und anhängliche Hühner

Auf seinem Hof in Urdorf hält Thomas Grob 1800 Legehennen. Wir haben ihn besucht und uns Geschichten erzählen lassen.

Es rattert im Vorzimmer von Thomas Grobs Hühnerstall in Urdorf. Weisse und braune Eier fahren in einer Zweierreihe auf eine Schranke zu. Je nach Gewicht rollen die Eier in die entsprechenden Bahnen, die mit «Jumbo», «Gross», «Normal» oder «Junghennen» angeschrieben sind. «Vor Kurzem hat eine meiner Hennen ein 180 Gramm schweres Ei gelegt. Das ist der bisherige Rekord», sagt Grob. Normalerweise liege das Gewicht zwischen 54 bis 72 Gramm.

Die Kalibriermaschine, die die Eier nach Gewicht sortiert, läuft auf Hochtouren. An diesem Dienstagnachmittag hat der Bauer besonders viel zu tun. «Kurz vor Ostern und auch um die Weihnachtszeit brauchen die Leute mehr Eier als sonst», sagt der 38-Jährige. Seine 1800 Hennen legen jeden Tag ein Ei, pro Monat sind es fast 55'000 Eier. Grob verkauft sie nicht nur an den Lebensmittelhändler Spar, den Zürcher Engrosmarkt und andere Bauern, sondern bietet die Eier auch im hofeigenen Lädeli an.

Bauer Thomas Grob hat 1800 Legehennen

Auf der Eierwage werden die Eier nach Gewicht sortiert.

Der Bauer hält ein braunes Ei hoch und begutachtet es. «Das hat einen schönen Braunton, ist nicht zu hell oder zu dunkel.» Das perfekte Ei gebe es nicht, denn jeder habe andere Ansprüche und Vorstellungen. «Der Handel bevorzugt homogene, gleichschwere Eier. So will man verhindern, dass Kunden Unterschiede feststellen und Eier auslesen.» Grob ist das Aussehen weniger wichtig. «Eier müssen eine stabile Schale haben. Je älter das Huhn, desto dünner und fragiler ist sie.» Schön sei zudem, wenn der Eidotter ein sattes Gelb aufweise.

Viel Auslauf

Grob leitet den Familienbetrieb in vierter Generation. 2004 hat er ihn von seinen Eltern übernommen. 1992 stellte Grobs Vater Peter von Milchwirtschaft auf Eierproduktion um. «Damals gab es eine Agrarreform und wir hätten den Kuhstall für viel Geld vergrössern müssen. Da zu dieser Zeit nicht sicher war, ob ich den Hof einmal übernehmen werde, verzichtete mein Vater darauf.» Der erste Hühnerstall zählte 300 Tiere. Es folgten weitere, bis 2012 der heutige rund 500 Quadratmeter grosse Stall für bis zu 2000 Legehennen entstand. Grobs Hühner haben draussen zusätzlich zwei grosse Auslauf-Flächen. Der Urdorfer verkauft seine Produkte unter dem Label IP Suisse, der Schweizer Vereinigung integriert produzierender Bauern und Bäuerinnen. «Uns ist tiergerechte und umweltschonende Landwirtschaft wichtig. Ich verwende zum Beispiel keine Pestizide gegen Schädlinge im Hühnerstall.»

In der Kammer im Vorzimmer befindet sich eine Maschine, die automatisch das Futter, das aus einem Gemisch aus Mais-, Soja-, Weizen- und Reismehl besteht, auf Fressbahnen lädt, die dann in den Stall fahren. Unter der Anlage steht zudem eine Holzkiste. «Da drin sind Raubmilben. Sie fressen blutsaugende rote Vogelmilben, die die Hühner befallen und teilweise sogar zum Tod führen können», sagt Grob. Auf diese Art würden die Parasiten auf natürliche Weise bekämpft.

Das Gackern und Glucken wird lauter, als Grob die Türe zum Hühnerstall öffnet. Neugierig mustern die Tiere den Bauern und kommen ihm entgegen. «Sie kennen meine Stimme», sagt der zweifache Vater und setzt ein Huhn auf seine Schulter. Er verbringt täglich mehrere Stunden mit seinen «Arbeiterinnen». «Ich putze nicht nur den Stall, sondern sehe nach dem Rechten. Zum Beispiel, ob sich Tiere verletzt haben.» Sei dies der Fall, müsse er das Huhn behandeln und in einer kleinen Gruppe von der Schar separieren. «Die Hühner würden sonst auf der Wunde herumpicken.»

Grob liegen seine Tiere am Herzen. «Klar habe ich nicht dieselbe Bindung zu ihnen, wie zu unserem Hofhund. Trotzdem sind mir meine Hennen wichtig. Ich will, dass es ihnen gut geht. Davon profitiere ich am Ende ja auch.» Einige Tiere kann er sogar auseinanderhalten. «Es gibt Hennen, die immer am selben Ort sitzen», sagt Grob.

Huhn vor der Türe

Ein Exemplar blieb ihm besonders in Erinnerung. «Ein Huhn schaffte es, jede Nacht aus dem Gehege auszubüchsen. Am Morgen kam es immer zu unserem Wohnhaus und pickte so lang gegen die Tür, bis ich aufmachte.» Er habe das Tier dann jeweils gestreichelt und zurück in den Stall gebracht. Grobs Hennen sind nun bereits zweieinhalb Jahre alt. «Die Legeleistung geht zurück. Bald muss ich neue Junghennen kaufen.» Dies jedoch nicht ohne Gewissensbisse. «Meine alten Hühner kommen dann zum Metzger. Das tut mir immer etwas weh.» Doch das gehöre halt auch dazu.

Grob besucht unterdessen Hennen, die gerade in den Legenestern Eier legen. Das geschieht hinter roten Blachen. «Ein bisschen Privatsphäre brauchen sie dabei schliesslich auch», sagt Grob und lacht. Tatsächlich scheint das eine Huhn alles andere als erfreut, als der Bauer die Blache hebt. Es gackert und dreht sich zur Seite. Grobs Eierabnehmer werden immer mehr. Deshalb überlegt er sich, für die nächste Ostersaison einen zusätzlichen Stall auf Rädern, der Platz für 1000 Hennen bietet, zu errichten. «Mit dem mobilen Anhänger hätte ich dann mehr Standortmöglichkeiten.»

Ostern verbringt der Urdorfer mit seiner Familie, Eltern und Geschwistern. Eine lange Auszeit kann er sich aber nicht gönnen. «Wenn man Tiere hält, hat man jeden Tag zu tun.» Wie jeden Karfreitag legte er auch an diesem bis zu 90 Eier zur Seite. «Das ist eine alte Familientradition. Meine Grossmutter hat damit angefangen.» Die Eier verschenkt er an Freunde und Bekannte. «Das soll Glück bringen.» Die Tradition wird aber nicht nur von den Grobs gepflegt, sondern fand sogar Nachahmer in Italien. «Eine befreundete Familie aus Villamagna in den Abruzzen erzählte in ihrem Dorf von unserem Brauch. Seitdem sind dort an jedem Karfreitag die Eier in allen Geschäften in Windeseile ausverkauft.»

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Autor

Sibylle Egloff

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