Orientierungsläufer sind eigentlich für ihre Schnelligkeit bekannt. Doch Therese Achermann wanderte 2016 gemütlich über das karge norwegische Gelände. Sie hatte sich wenige Tage vor dem Rennen verletzt, konnte es aber nicht lassen, teilzunehmen. Wegen eines nahegelegenen Eisenerzvorkommens funktionierte der Kompass nicht mehr richtig. Mehrere Läufer verliefen sich deshalb und verloren über eine Stunde.

Achermann aber erreichte nach 90 Minuten das Ziel und lief aufs Podest. Dank ihrer jahrelangen Erfahrung konnte die 47-Jährige auf den Kompass verzichten und die Karte nach dem Gelände ausrichten. Angst hatte sie damals keine. Man müsse einfach einen kühlen Kopf bewahren. «Beim Orientierungslauf geht es um die Entscheidung», sagt sie. Wer schnell sei, sei auch schnell am falschen Ort.

Schon als sie den ersten Posten angelaufen war, wusste sie, dass sie auf dem rechten Weg ist. «Das ist immer ein Hochgefühl», sagt sie. Achermann bezeichnet sich als OL-Technikerin. Will heissen: Je schwieriger das Gelände, desto besser werden ihre Resultate. Lange Rennstrecken sind nicht ihr Ding. «Ich bin risikofreudig und laufe gerne querfeldein», sagt die Pflegefachfrau. Verkratzte Beine gehörten da manchmal dazu. Der Podestplatz sei ihr aber damals nicht so wichtig gewesen. «Mir geht es um das Erlebnis und darum, eine Route sauber begehen zu können», sagt die Dietikerin.

Zwischen den Lichtquellen

Dass ein Orientierungslauf (OL) in einer öden Landschaft stattfindet, sei keine Ausnahme. «Orientierungsläufe beschränken sich nicht auf den Wald», sagt sie. Es gibt auch solche in der Stadt, in den Bergen, während der Nacht oder sogar mit den Ski auf Langlaufpisten. Die einzelnen Disziplinen unterscheiden sich in ihren Anforderungen. So nahm Achermann im letzten Jahr an einem Nacht-Stadt-OL-Training in Baden teil. Weil sie keine eigene Lampe mit sich trug, musste sie von Lichtquelle zu Lichtquelle rennen und die Route dazwischen auswendig im Kopf behalten. «Und in Städten muss man natürlich darauf achten, niemanden umzurennen», sagt sie.

Das Gelände im Limmattal kennt Achermann wie ihre eigene Westentasche. Umso mehr fasziniert es sie, Aufgaben in einem ihr unbekannten Gebiet zu lösen. «So komme ich immer wieder an Orte, die ich sonst nie besuchen würde», sagt sie. So nahm Achermann schon an OLs in Frankreich, Schottland, Estland, Norwegen und Schweden teil. Die Regeln seien nicht überall dieselben. In Schweden sei es beispielsweise verboten, sich gegenseitig zu helfen.«Das hat schon seinen Sinn, denn der andere kann sich auch irren», sagt sie.

Per Zufall im OL-Lager

Achermann war aber auch schon froh um Hilfe. Mit zwölf Jahren nahm sie durch einen dummen Zufall an ihrem ersten OL teil. An einem Langlaufkurs reichte ihr jemand einen Flyer für ein OL-Lager. «Ich habe den Flyer nicht richtig gelesen und dachte, es handle sich um ein Langlauflager», sagt sie. Achermann meldete sich an. Im Lager in Solothurn habe die Instruktorin ihnen einfach eine Karte in die Hände gedrückt und sie in den Wald geschickt. «Wir haben es nur dank gegenseitiger Hilfe geschafft, den Weg zu finden», sagt sie.

Heute gibt sie ihr Wissen an die nächste Generation weiter und engagiert sich beim Schweizerischen OL-Verband. Oft wird sie von Schulen für OL-Wettkämpfe auf dem Schulgelände und im Wald angefragt. Achermann beobachtet: «Wenn ein Schüler schon einmal an einem OL war, schneidet er deutlich besser ab als andere.» Auch für Orientierungsläufe gelte: «Ohne Fleiss kein Preis.» Für Achermann ist klar: «Orientierung ist eine Grundkompetenz des Menschen.» Und diese ist erlernbar.