Samuel Mittag sitzt aufrecht am Restauranttisch und blickt konzentriert in seine halbvolle Kaffeetasse. «Ich weiss noch genau, wann ich das erste Mal Lampenfieber verspürte. Das war als Jugendlicher vor einem Auftritt im Altersheim. Da machte ich mir zum ersten Mal Gedanken, dass andere sich eine Meinung über mich bilden könnten», sagt der Dietiker Bratschenspieler. Mittag studiert inzwischen an der Universität für Musik und darstellende Künste in Wien und wurde kürzlich in die Akademie der Wiener Philharmoniker aufgenommen. «Ganz gefeit vor Lampenfieber bin ich aber immer noch nicht. Vor allem bei solistischen Auftritten während dem Spiel selbst, habe ich noch Potenzial, mit diesem besser umzugehen», sagt er.

Der 22-Jährige wuchs in Dietikon auf und sammelte hier beim Spiel mit dem Limmattaler Kammermusikkreis und mit dem Streichorchester Dietikon auch seine ersten solistischen Erfahrungen. Schon damals war ihm klar, dass er einst in Orchestergräben auf der ganzen Welt spielen möchte. Dieser Traum wird ihm nun schon bald ermöglicht. «Im Oktober begeben sich die Wiener Philharmoniker auf Asienreise und ich darf sie mit der Akademie begleiten», sagt er.

Von Stück zu Stück wurde das Instrument gewechselt

Das Interesse an Streichinstrumenten entwickelte Mittag bereits im Kindergartenalter. «Mein Vater spielt Geige und deshalb wollte ich unbedingt auch selber spielen», sagt er. Mit fünf Jahren nahm er erstmals Geigenunterricht und zwei Jahre später begann er bei seinem neuen Musiklehrer auch mit dem Bratschenspiel. Die Bratsche oder auch Viola genannt, ähnelt einer grossen Geige, ist aber anders besaitet und hat darum auch einen tieferen Klang. Ein Grund, warum Mittag sich für die Bratsche entschied, ist das Jugendorchester Ministrings Luzern. «Dort wechselt man je nach Stück zwischen den beiden Instrumenten hin und her.» Bei dem Jugendorchester, das von seinem damaligen Musiklehrer Herbert Scherz gegründet wurde, spielte Mittag von 2006 bis 2010.

Die Spezialisierung auf die Bratsche erfolgte dann auf Wunsch seines späteren Dozenten Patrick Jüdt. Bei dem Professor für Viola und Kammermusik an der Hochschule der Künste in Bern absolvierte Mittag mit 13 Jahren einen Meisterkurs und danach zusätzlich noch ein Jahr Privatunterricht. Da erfuhr er, dass Jüdt in Bern unterrichtet. «Ich wusste schon damals, dass ich Musik studieren will. Deshalb brachte ich im Unterricht die Überlegung vor, ob ich nicht das kommende Studienjahr bei ihm beginnen könne.»

Als er mehr als ein halbes Jahr danach die Idee nochmals ansprach, endete zufälligerweise genau an diesem Tag die Anmeldefrist für das Studium. So druckte Jüdt noch in der Übungsstunde die notwendigen Dokumente aus und Mittag flitze damit zu seinen Grosseltern, bei denen er aufwuchs, und liess sie die Unterlagen unterschreiben. Der Dietiker bestand die Aufnahmeprüfungen und begann mit 14 Jahren sein Bachelorstudium in Bern.

«Da ich noch die obligatorische Schulzeit abschliessen musste, habe ich den Hochschulabschluss in vier statt drei Jahren gemacht», sagt Mittag. Er pendelte jeweils zwischen Dietikon und Bern. Das viele Zugfahren sei manchmal schon ein wenig anstrengend gewesen. «Jedoch konnte ich dabei viele Dinge für das Studium erledigen», sagt er. Wegen des Pendelns kam er aber kaum mit anderen Studierenden ausserhalb der Uni in Kontakt. Zudem stellte auch der Altersunterschied zu seinen Mitstudierenden ein Hindernis dar. «Ich war ein 14-Jähriger, der durch die Hochschule rannte und Aufmerksamkeit suchte. Irgendwann habe ich dann gelernt, wie man sich in einem solchen Umfeld richtig verhält.» Er habe nicht das Gefühl, dass sich dadurch soziale Defizite ergaben. «Vielleicht war ich nicht immer mit dem aktuellen Jugendslang vertraut. Ich habe ansonsten aber alles nachgeholt, was ich allenfalls verpasst habe», sagt Mittag.

Im Militär erhielt er neue Einblicke

Spätestens nach dem Bachelorabschluss und mit dem Beginn der Rekrutenschule verbrachte er wieder einige Zeit mit Gleichaltrigen. Da die Militärmusik ausser einem Kontrabassisten keine Streicher aufnimmt, durchlief er die RS als Sanitätssoldat. «Ich fand es toll, einen Einblick in etwas anderes als Musik zu erhalten. Die Medizin ist auch ein sehr spannendes Metier.» Gleichwohl startete Mittag nach seinem Militärdienst das Masterstudium in Bern, welches er in Musikpädagogik abschloss. «Unterrichten zu können und damit ein zweites Standbein zu haben ist sicher keine schlechte Option.»

Ins Ausland wagte sich Mittag vor zwei Jahren. Für Wien habe er sich wegen dem dortigen Bratschendozenten Thomas Selditz entschieden. «Im Kunstbereich ist es üblich, dass die Wahl der Universität von den dozierenden Professoren abhängt», sagt er. Ausserdem sei es oft nicht einfach, aufgenommen zu werden, da sich viele Leute für eine geringe Anzahl Studienplätze bewerben. In Wien klappte es dann und Mittag konnte im Herbst 2017 ein Studentenwohnheim im Ersten Bezirk der Hauptstadt Österreichs beziehen.

Fondue und Rösti gibt es auch in Wien

Mittlerweile ist er in seinem dritten Jahr des Magister-Studiums in Performance an der Universität für Musik und darstellende Künste und hat sich in Wien schon gut eingelebt. «Zu Beginn war es schon nicht ganz einfach, aber durch das Studentenwohnheim und die vielen Uni-Projekte lernte ich dann rasch neue Leute kennen.» An der Stadt gefalle ihm vor allem das grosse Kulturangebot, die Geschichte und dass es trotz der Grösse der Stadt ein ruhiger Ort ist. Sollte ihm die Schweiz einmal zu sehr fehlen, gebe es bei ihm ums Eck auch ein Restaurant, dass Fondue und Rösti anbietet.

Denn seine Besuche in der Schweiz werden in nächster Zeit vermutlich etwas seltener. Durch seine Aufnahme in die Akademie der Wiener Philharmoniker erwarten ihn zwei strenge Jahre. «Das Programm läuft parallel zum Studium und wird eine strenge Sache. Darum will ich das Ganze noch mit meinem Professor besprechen.» Er freue sich aber sehr auf die kommende Zeit. Denn mit der Aufnahme in die Akademie ist er seinem Ziel, zu einem renommierten Orchester zu gehören, schon ein grosses Stück näher gekommen. «Ich lerne dort auch die spezifische Spielweise der Wiener Philharmoniker und habe so bei einer Bewerbung auf eine Stelle natürlich einen Vorteil.» Aber nicht nur musikalisch, sondern auch finanziell lohnt sich die Akademie für Mittag. Für die zwei Jahre werden ihm etwa die Wohnung und die Krankenversicherung bezahlt. «Das ist eine grosse Hilfe, denn bisher habe ich mein Studium mit meinem Ersparten und Studentenjobs finanziert.»

Unterstützung erhält er auch von seinen Grosseltern. Erst kürzlich haben sie ihm eine neue Bratsche geschenkt, die momentan noch in Wien nach seinen Wünschen hergestellt wird «Ich bin ihnen für die ganze Unterstützung extrem dankbar», sagt er. Gerne würde er sie mal nach Wien einladen, aber ihr fortschreitendes Alter und die lange Anreise verunmögliche dieses Vorhaben. «Deshalb schaue ich, dass ich es trotzdem wieder öfters nach Dietikon schaffe», sagt Mittag. Er hoffe, im Limmattal auch bald wieder einmal ein Konzert spielen zu dürfen. Zuerst stehe jetzt aber die Asienreise und damit auch eine Premiere bevor. «Durch die Reise verlasse ich zum ersten Mal den europäischen Kontinent.»