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Täuschend echt: Bei den Zauberblumen von Sam V. Furrer muss man zweimal hinschauen

Am Computer erstellt der Uitiker Sam V. Furrer Fotocollagen. Sein neustes Werk wird nun wegen des Corona-Virus später veröffentlicht.

Am Computer hat der Uitiker Collagekünstler aus Fotografien von echten Blumen eigene pflanzliche Kreationen erstellt. «Auf den ersten Blick sollen sie echt wirken, bei genauerem Betrachten aber erkennen lassen, dass ein Künstler seine Finger im Spiel hatte», sagt er. Die «Frankensteinblumen», wie Furrer seine Kreationen zum Spass nennt, sehen aus, als hätten sie sich auf einer weit entfernten Insel entwickelt. Bei genauerer Betrachtung lassen sich jedoch die einzelnen Teile der ursprünglichen Blumen wiedererkennen. Furrer hat die Collagen unter der Prämisse erstellt, Farben, Formen und Proportionen der echten Pflanzen nicht zu verändern. «Ich will mit den Zauberblumen meine Faszination für die Natur vermitteln und den Betrachter dazu bringen, seine Umwelt genauer wahrzunehmen», sagt der 53-Jährige.

Komposition ist wichtig

Der Künstler versucht den Betrachter an seine Bilder heranzuführen. «Meine Werke sind von meinen Erfahrungen und dem Zeitgeschehen beeinflusst. Das will ich dem Betrachter nicht vorenthalten», sagt er. Deshalb würde er nie ein Werk unbetitelt lassen. In den Titeln kommen Furrers schelmische Art und Freude an der Sprache zum Vorschein. So heissen seine Bilder zum Beispiel «Ibisrote Leoparden-Lianen-Zauberblume am Amazonas» und «Bluety Contest». Er habe schon immer Freude an Sprache und Wortspielen gehabt, sagt er.

Ausserdem achtet er auf die Komposition der einzelnen Elemente im Bild. Daraus leitet er teilweise kleine Geschichten ab, wie der Titel des Bildes «Zwei goldgelbe Gondel-Zauberblumen begegnen einer jungen Familie von rosa-violetten Gondel-Zauberblumen, Cousins zweiten Grades» erkennen lässt. «Guter Humor ist kreativ, gute Kunst sollte das auch sein», sagt der Künstler.

Für die Zauberblumen hat er knapp 3000 Bilder gemacht

Die Zauberblumen setzen sich aus mindestens drei echten Pflanzenteilen zusammen. Die Blumen hat Furrer in der Natur und an der Zürcher Blumenbörse gefunden. Die Blumenbörse in Wangen ist normalerweise nur für Fachhändler zugänglich und bietet unzählige Pflanzen aus aller Welt an. Furrer bekam für drei Tage Zutritt zur Börse.

Im Fotostudio bei ihm zuhause fotografierte er die verschiedenen Blumen unter variierendem Blickwinkel und Lichteinfall. So legte er eine Bibliothek mit knapp 3000 hochauflösenden Bildern an. Bevor er am Computer die einzelnen Pflanzenteile zusammenbastelte, plante er seine Kreationen mit detaillierten Skizzen. Der Grossteil des Arbeitsprozesses verbrachte er schliesslich mit dem Collagieren in verschiedenen Bildbearbeitungsprogrammen. «Der kreative Prozess konnte nach einer Minute abgeschlossen sein, während die Arbeit am Computer pro Bild bis zu drei Tage dauerte.»

Fotografie seit 30 Jahren

Furrer hat seine Kreativität schon ein Leben lang in künstlerischen Tätigkeiten zum Ausdruck gebracht. Er brillierte im schulischen Kunstunterricht, designte während seines Wirtschafts- und Psychologiestudiums nebenbei moderne Teppiche und entwarf später Möbel. So etwa seinen Esstisch aus Marmor. Mit der Fotografie begann er vor 30 Jahren. Seither verfolgt er diese Tätigkeit intensiv. Den Einstieg ins Collagieren fand Furrer beim Fotografieren von Muscheln mit einem Makroobjektiv.

Weil der Schärfebereich vom Makroobjektiv zu klein war, konnte er von den Muscheln nie ein vollständig scharfes Bild schiessen. «Ich musste mehrere Bilder von einer Muschel mit unterschiedlichem Fokus aufnehmen. Die Bilder musste ich am Computer durch sogenanntes Focus Stacking zusammenfügen. Als ich diese Technik beherrschte, gingen alle Türen zum Collagieren auf. Das bedeutet einen grenzenlosen gestalterischen Freiraum», sagt er.

«Ich wollte etwas Einzigartiges kreieren»

So sind in den letzten Jahren zahlreiche Collagen entstanden. 2017 veröffentlichte er das Buch «Alternative Facts». In skurrilen Bilderrätseln thematisiert er Rechtspopulismus und verarbeitet die Wahl des US-Präsidenten Donald Trumps. Letzten März hatte er dann die Idee, Blumen am Computer zusammenzufügen. «Pflanzen zu fotografieren, ist zwar schön, aber noch nicht wirklich ein künstlerischer Akt. Ich wollte etwas Einzigartiges kreieren», sagt er. Aus den 18 Zauberblumen und drei weiteren Fotocollagen, die er Zauberkarusselle nennt, entstand Anfang 2020 sein zweites Buch «Zauberblumen». Dieses hätte nun nächsten Donnerstag an einer Vernissage der Ausstellung «Ursprung, Wandel, Wunder» in der Galerie Art and Business in Zürich getauft werden sollen.

Ausstellung im September

Am Freitag entschieden Furrer und die anderen beteiligten Künstler sowie der Galerist, die Vernissage abzusagen. Neu soll die Ausstellung im September stattfinden, sofern sich die Lage bis dahin normalisiert hat. Auch die Buchtaufe wird auf dann verschoben. 500 Exemplare seines Buchs werden sich nun monatelang bei ihm zuhause stapeln. Seit zwei Monaten hat Furrer keine Zeit mehr gefunden, um neue Bilder zu machen, weil die Vorbereitung der Vernissage viel Zeit in Anspruch nahm. Nun wurde sie aufgrund der Entwicklungen rund um das Corona-Virus abgesagt. Furrer will sich aber nicht beklagen: «Was wir verlieren, ist noch überschaubar. Ein Freund von mir ist Hotelier, dieser und anderen Branchen geht das Virus ans Eingemachte, es ist desaströs.»

Wer weiss: Bis zum neuen Ausstellungstermin im Herbst hat Furrer dafür vielleicht einige neue Bilder in petto.

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