Knatsch und Machtspiele: Mit diesen beiden Worten kann man die Berichterstattung über die katholische Kirche im Kanton Zürich in den vergangenen elf Jahren zusammenfassen. Herr Schnüriger, hat die Kirche ein Problem mit dem Gebot der Nächstenliebe?

Benno Schnüriger: Man muss zwischen der Amts-, also der klerikalen Kirche, und der Körperschaft der katholischen Kirche unterscheiden. Der Bischof von Chur, Vitus Huonder, hat kein Problem mit der Nächstenliebe. Er hat aber wegen dem staatskirchlichen System in Zürich – das im Übrigen weltweit einzigartig ist – Angst, dass seine klerikale Macht beschnitten wird. Nach unserer Kirchenordnung verwaltet der Synodalrat der katholischen Kirchen das Geld und das Bistum Chur den Geist. Ansonsten ist es weltweit so, dass der Bischof über beides verfügt.

Deshalb diese Gifteleien.

Als wir 2009 die neue Kirchenordnung erlassen haben und anschliessend Paul Vollmar als Weihbischof abgelöst wurde, war es tatsächlich eine knatschbelastete Zeit. In den vergangenen sechs Jahren aber wurde es ruhiger. Der Bischof wurde etwas müder und der Zürcher Synodalrat blieb weiterhin stur. Mit dem aktuellen Generalvikar Josef Annen, der den Bischof hier in Zürich vertritt, pflegen wir eine gute Zusammenarbeit.

Bischof Huonder hat seine Geringschätzung für die staatskirchliche Struktur in Zürich wiederholt und offen kundgetan. Hat Sie das nie gestört?

Ich bin kein Hitzkopf. Es bringt nun mal einfach nichts, wenn man diese Konflikte theologisch zelebriert. Dazu bin ich als Jurist nicht geeignet.

Sie haben sich jeweils mit wohlformulierten und diplomatischen Äusserungen positioniert. Wollten Sie kein Öl ins Feuer giessen?

Ich versuche einfach, ein verständnisvoller Mensch zu sein. Wir haben in dieser Zeit tatsächlich das Bild einer zänkischen Kirche abgegeben. Das kam nicht bei allen gut an. Wir haben daraufhin die duale Herbstreflexion ins Leben gerufen. Dort kommt der Bischofsrat einmal im Jahr mit den Präsidenten der Körperschaften zusammen. Zwar wird auch dort gestritten und debattiert, aber es dringt nicht an die Öffentlichkeit.

Als Rechtskonsulent sind sie auf die Beratung von öffentlichen Verwaltungen spezialisiert. Was bringen demokratische Strukturen in einer Kirche?

Gesetze sind etwas Gutes. Ich bin überzeugt davon, dass beispielsweise das Pfarrwahlrecht dem Pfarrer hilft, in seinem Amt und in seiner Gemeinde anzukommen, weil ihn das Volk bestätigt hat. Im Bischofswahlrecht heisst es: «Wer der Diener aller sei, soll gewählt werden». Das ist ein urchristliches Bild. Die demokratischen Strukturen helfen zudem, die Steuergelder, von denen wir leben, transparent zu verwalten. Das kann eine Körperschaft besser als lediglich der Bischof.

Sie haben sich während ihrer gesamten Amtszeit für eine offene und glaubwürdige Kirche eingesetzt. Trifft diese Definition auf die Zürcher Gotteshäuser zu?

Ich kann nicht für alle meine Hand ins Feuer legen. Das Credo trifft aber auf viele zu. In der Kirche Enge beispielsweise, wo ich Mitglied bin, wird alles ökumenisch abgehalten. Zudem gibt es einen soziokulturellen Treffpunkt der Stadt Zürich in der Kirche. Heutzutage ist es wichtig, dass man sich als katholische Kirche in die Quartier- und Gemeindestrukturen einpasst. Das Miteinander ist wichtiger denn je.

Das steht im Widerspruch zum Knatsch der Zürcher Kirchgemeinde St. Felix und Regula. Dort übt eine vor drei Jahren abgewählte Pfarreibeauftragte noch heute ihr Amt aus.

Als wir 2009 die neue Kirchenordnung eingeführt haben, haben wir darauf bestanden, dass auch Pfarreibeauftragte gewählt werden. Im Gegensatz zum Volk ist die Kirchenpflege aber ein viel berechenbareres Wahlgremium. Der besagten Pfarreibeauftragten scheint es nicht gelungen zu sein, bei den Kirchenmitgliedern anzukommen. Deshalb wurde sie abgewählt. Dass sie sich im Rahmen der neuen Kirchenordnung für diese Wahlform ausgesprochen hat und sich nun über das Verdikt des Volkes hinwegsetzt, ist äusserst fragwürdig, auch wenn mir der neueste Entscheid der Rekurskommission durchaus bekannt ist.

Die katholische Kirche hat also doch ein Image-Problem.

Es ist sicher nicht optimal, was da gerade passiert. Wir von der Zentralstelle haben die Wahl, den Konflikt aufzubauschen oder den Ball flach zu halten. In diesem Zusammenhang muss ich mich dem Synodalrat beugen.

Was würden sie als grösste Schwäche der katholischen Kirche bezeichnen?

Die grösste Schwäche der katholischen Kirche ist, dass sie die Einheit der Vielfalt nicht zustande bringt. Im Positiven wie im Negativen ist unser Problem derzeit Papst Franziskus. Er überstrahlt die gesamte katholische Kirche. Aufgrund seiner Worte werden wir entsprechend definiert. Der jetzige Papst wird von vielen Gläubigen bejaht, gerade hinsichtlich seiner Äusserungen im Umgang mit den Flüchtlingen und den Armen. Er ist dogmatisch auch nicht sehr stur. Gewisse Bischöfe lehnen die Offenheit und Liebenswürdigkeit von Papst Franziskus entschieden ab.

Bei der Wahl zum Synodalpräsidenten vor elf Jahren haben Sie sich selber als progressiven Katholiken bezeichnet. Was verstehen Sie darunter?

Katholisch sein, heisst nicht, dogmengläubig zu sein. Verstand und Glauben müssen sich nicht ausschliessen. Dogmen soll und kann man hinterfragen. Etwas zu machen, nur weil es das Dogma meines Glaubens ist, ergibt einfach keinen Sinn.

Mit dieser Haltung mussten Sie zwangsweise mit Bischof Huonder im Clinch liegen.

Ich habe mich mit ihm nie auf der theologischen Ebene gefetzt, sondern lediglich auf der staatsrechtlichen. Ohne Respekt vor den gegenseitigen Ämtern funktioniert es nicht.

Stichwort: Bistum Zürich. Haben Sie ihren Traum endgültig begraben?

Die Katholiken in Zürich ticken anders als jene in ländlicheren Teilen der Schweiz. Entsprechend ist auch der Katholizismus, den wir hier praktizieren urbaner. Man kann ja von den Stadtbewohnern im Beruf nicht Topleistungen, und in der Kirchenbank die absolute Unterwerfung fordern. Das ist doch eine viel zu grosse Diskrepanz. Aber solange es kein Bistum Luzern geben wird und entsprechend kein Grundkonsens in der Bischofskonferenz herrscht, bleibt diese Idee ein Traum.

Sie treten aus persönlichen Gründen etwas früher als geplant von ihrem Amt zurück. Was wünschen Sie sich für die Zukunft der katholischen Kirche?

Ich wünsche mir, dass das Einvernehmen zwischen der Körperschaft und dem klerikalen Personal bestehen bleibt und dass sie sorgfältig miteinander umgehen.

Und für sich?

Weil ich etwas dünnhäutiger wurde und gewisse Dinge, nicht mehr so locker wegstecken konnte, hoffe ich, nun wieder etwas gelassener zu werden. Ich freue mich darauf, Zeit zum Kochen und Kontrabassspielen zu haben. Auf Mandatsbasis bleibe ich der Körperschaft der katholischen Kirche gerne erhalten.