Wirtschaftspodium Limmattal

«Switzerland first»? Ja - aber der Grad der Offenheit ist der Knackpunkt

Am 18. Wirtschaftspodium Limmattal ging es am Mittwoch in der Dietiker Stadthalle um die Frage, ob die Globalisierung ausgedient hat. Um sich die Meinungen dazu anzuhören, waren 750 Gäste gekommen.

Dass die Globalisierung auch sprachlich gesehen negative Auswirkungen haben kann, zeigte am Mittwoch zum Schluss der Komiker Charles Nguela auf. So habe er, der ursprünglich aus dem Kongo stammt, sich Mühe gegeben, die richtige Aussprache von Chuchichäschtli zu lernen, sagte er. Im Gegenzug erwarte er aber auch, dass Schweizer aufhörten, «Country» so auszusprechen, dass es sich anhöre wie «Göntri» oder «Sunrise» wie «Sönreis». Um das gleiche Thema war es zuvor schon knapp zwei Stunden lang auf ernsthaftere Art und Weise gegangen. Soll sich die Schweiz an US-Präsident Donald Trump orientieren und das Land mehr abschotten? Das war die grosse Frage, die am 18. Wirtschaftspodium Limmattal in der Stadthalle Dietikon im Zentrum stand. Unter dem etwas provokativen Titel «Switzerland first – Das Ende der Globalisierung?» setzten sich Exponenten aus Wirtschaft und Politik vor 750 Gästen mit dem Thema Protektionismus versus Freihandel auseinander.

Die Schweiz als Weltmeisterin
Zumindest in Bezug auf die Wissenschaft hatte Michael Hengartner, Rektor der Universität Zürich, eine klare Meinung dazu. In seinem Einstiegsreferat legte er dar, wie schädlich ein Alleingang der Schweiz im Bereich Forschung wäre. Denn Forschung sei wichtig für Innovation, was wiederum zentral für Wettbewerbsfähigkeit sei. Für gute Forschung brauche es die besten Köpfe, so Hengartner. Und um diese bei sich zu haben, brauche es Mobilität. Dies sei uns nicht fern: «Die Schweiz ist Weltmeisterin im Importieren von Wissenschaftern», sagte Hengartner. Dadurch sei unser Land wettbewerbsfähig: Niemand sonst hole pro Kopf so viele der wichtigen Wissenschafts-Förderbeiträge. Würde man eine Mauer um die Schweiz bauen, so Hengartner, würde man ihre Wettbewerbsfähigkeit zerstören: «In der Wissenschaft ist die Globalisierung, die freie Bewegung von Menschen und Ideen, ganz klar von grossem Wert.»

«Wir wollen die gescheiten Köpfe»
Dem stimmte in der nachfolgenden Podiumsdiskussion auch Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch, Direktorin des Staatssekretariats für Wirtschaft, zu. Thomas Matter, SVP-Nationalrat und Unternehmer, stellte sich auf den Standpunkt, die Schweiz müsse wirtschaftlich offen sein, aber nicht in Bezug auf die Zuwanderung. Er hielt fest, dass der Wohlstand der Schweiz ohne ausländische Arbeitskräfte nicht möglich wäre. Aber es sei nötig, die Zuwanderung zu steuern: «Wir wollen die gescheiten Köpfe.» Man müsse auswählen können, wer in die Schweiz komme.  Implenia-Präsident Hans-Ulrich Meister konnte das nicht ganz unterschreiben. Er betonte, dass wir in der Schweiz «die grossen Profiteure der Migration» seien. Man müsse sich aber auch der Tatsache stellen, dass es Flüchtlingsströme gebe, die nach Europa kämen. Damit müsse man umgehen. «Wir können uns nicht einfach nur das nehmen, was uns passt», sagte er. Globalisierung sei grundsätzlich positiv, was diverse Studien belegten, so Meister. Doch man müsse auch anerkennen und offen darüber sprechen, dass es dabei Verlierer gebe, sagte er.

Globalisierung als Sündenbock?
Auch Nicolas Zahn, Co-Präsident der Operation Libero, hielt fest, dass der rasante Wandel nicht nur angenehm sei. «Aber Globalisierung ist ein Prozess, der für uns die Chancen mehrt, nicht verringert», sagte er. Trotzdem habe man manchmal den Eindruck, dass die Globalisierung als Sündenbock herhalten müsse für alles, was politisch nicht ideal laufe – Stichwort «Dichtestress». Für ihn sei die Personenfreizügigkeit ganz klar der beste Modus, was den Arbeitsmarkt anbelange, so Zahn. Der Markt reguliere sich selber. «Alles andere ist Planwirtschaft.» Während Matter betonte, die bilateralen Verträge seien «total überschätzt» und eine Kündigung wäre kaum ein Verlust, bekam Zahn Unterstützung von Ineichen-Fleisch. Sie wies darauf hin, dass sich zumindest die Zuwanderung aus dem EU-Raum an die Wirtschaftsleistung anpasse.  Die bilateralen Verträge seien sehr wichtig für den Handel und den Marktzugang, betonte sie. «Eine Kündigung würde die Wettbewerbsfähigkeit und die Effizienz der Schweiz schwächen.»

Autorin

Bettina Hamilton-Irvine

Bettina Hamilton-Irvine

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