Dietikon

Streben nach einem Stück Normalität

Die medizinische Versorgung in den besetzten Palästinensergebieten ist mangelhaft; gerade in den Bereichen Notfallversorgung und Geburtshilfe. Die Organisation Medipalestine sorgt in Palästina für eine bessere medizinische Versorgung.

Die medizinische Versorgung in den besetzten Palästinensergebieten ist mangelhaft; gerade in den Bereichen Notfallversorgung und Geburtshilfe. Frauen gebären ihre Kindern an den Checkpoints, weil sie von den Kontrolleuren nicht rechtzeitig durchgelassen werden. Einige sterben dabei, Mütter und Neugeborene. Hier hilft die Organisation Medipalestine mit Sitz in Dietikon. «Humanitäre Hilfe ist das Einzige, was wir in den besetzten Gebieten leisten können», sagt Urs Graf, Psychologe und Vorstandsmitglied von Medipalestine.

Neutrale, aber engagierte Arbeit

Gegründet wurde die Organisation 2004 von Ärzten, Exilpalästinensern und ihren Freunden aus dem Limmattal. Das Hauptziel: die Qualität der medizinischen Versorgung in Palästina zu verbessern. «Uns ist es wichtig, vor Ort politisch und konfessionell neutrale, aber engagierte humanitäre Arbeit zu leisten», sagt Graf. Die Arbeit von Medipalestine bedeute Unterstützung finanzieller und partnerschaftlicher Art. «Wir wollen nicht von oben herab Entwicklungshilfe leisten, sondern auf Augenhöhe mit den Leuten vor Ort arbeiten», sagt Graf.

Die Arbeit trug rasch erste Früchte: Bereits 2004 kam die erste palästinensische Ärztin für mehrere Monate in die Schweiz, um sich in der Frauenklinik des Spitals Limmattal und des Universitätsspitals Zürich weiterzubilden. Ihr folgten bis heute weitere Ärztinnen und Laborantinnen, die sich beispielsweise in den Bereichen Ultraschalluntersuchung in Gynäkologie, Geburtshilfe oder in der Behandlung von Brustkrebs weiterbilden liessen. In Zusammenarbeit mit den Health Work Committees (HWC) hat Medipalestine vor Ort ein Weiterbildungsprogramm für das medizinische Personal im Bereich Frauenheilkunde erarbeitet und umgesetzt. 2006 wurde in Beit-Sahour in der West Bank in Zusammenarbeit mit dem Universitätsspital Basel ein Labor für Vorsorgeabstriche des Gebärmutterhalses eröffnet.

Diagnose im Ausland

Im März 2011 hat Medipalestine die «Dunya Women's Cancer Clinic» in Ramallah eröffnet, ein Ambulatorium für Genital- und Brusttumore. Geführt wird es von Frauen und Männern aus der Gegend, deren Weiterbildung durch Medipalestine sichergestellt wird. Inzwischen suchen täglich vier bis neun Frauen die Praxis auf. «Wir wollen den Menschen in der ungewissen Situation der Besetzung nicht im Stich lassen», so Graf. Denn auch wenn das Leben in Ramallah momentan weitgehend normal verlaufe, sei die Besatzung durch die Israeli doch allgegenwärtig.

Mit diesem Ambulatorium Patientinnen mit Brust- und Genitalkrebs in der besetzten West Bank beispielsweise erstmals eine ambulante medizinische Versorgung nach internationalen fachlichen Standards ermöglicht. Die Heilungskosten werden zwar durch das palästinensische Gesundheitsministerium getragen - Voraussetzung dafür ist aber eine ärztliche Diagnose. Solche spezialärztliche Untersuche sind im israelisch besetzten Gebiet nicht möglich, die Frauen müssen für eine Diagnosestellung ins Ausland reisen. «Die Israeli verteilen die Ausreisebewilligungen nur restriktiv, viele Frauen können deshalb nicht rechtzeitig behandelt werden, was ihre Überlebenschance verschlechtert», so Graf.

In der Dunya-Clinic werden mithilfe von computerisierter Telemedizin Diagnosen gestellt: Die Patientendaten und Untersuchungsergebnisse werden digitalisiert und auf einer Informationsplattform aufgeschaltet. Per Videokonferenz erfolgt täglich eine fachliche Supervision durch externe Spezialisten.

Stabiles Netz aufbauen

Der Vollbetrieb der Dunya-Clinic würde jährlich rund 400 000 Franken kosten. «Bis jetzt haben wir nur 200 000 Franken, wir können noch keinen Vollbetrieb aufrecht erhalten», sagt Graf. Finanzieren und am Leben erhalten kann Medipalestine das Projekt dank ehrenamtlicher Mithilfe von Fachkräften und durch die finanzielle Unterstützung lokaler und internationaler Trägerschaften. «Wir sind kein administrativer Apparat; unsere Spender suchen wir im direkten Gespräch im Bekanntenkreis und bei Benefizveranstaltungen.»

Noch beschränkt sich die Arbeit von Medipalestine auf die West Bank. «Wir wollen hier ein stabiles Netz medizinischer Versorgung aufbauen und damit langfristig die Gesundheits- und Lebenssituation der Bevölkerung in Palästina und später auch in anderen arabischen Ländern verbessern helfen.»

Benefizkonzert Sonntag, 2. Oktober, 17 Uhr, in der Sebastiankapelle in Baden. Mariam Renno-Boccali, Gitarre. Eintritt frei, Kollekte. www.medipalestine.ch

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1