Während der Verkündung des Freispruchs für die beiden Polizisten wurde es dem IV-Rentner zu viel: Nachdem der Gerichtspräsident Daniel Bussmann ihn mehrfach aufforderte, ihm nicht ins Wort zu fallen, sagte der Kläger, er wolle nur noch das Urteilsdispositiv und dann gehen. Der Wunsch wurde erfüllt, der Kläger machte sich auf den Weg. Im Vorbeigehen beschimpfte er noch den Polizisten, der ihn am 24. Juni 2011 kurz vor 16 Uhr im Schrebergarten bei der Ifangstrasse in Schlieren verprügelt haben soll. Und sagte dann: «Ciao, du wirst sicher nie mehr bei der Schlieremer Polizei arbeiten.»

Es war die unrühmliche Randnotiz einer Verhandlung mit ungleichen Beteiligten: dort der berühmte Anwalt Valentin Landmann, hier der IV-Rentner, der sich vor Gericht selbst vertrat. Weniger als drei Jahre zuvor hatte ihm das Bezirksgericht Dietikon noch geglaubt und die zwei Schlieremer Stadtpolizisten verurteilt. Später wurden die beiden auch vom Obergericht verurteilt, wegen Hausfriedensbruch, Amtsmissbrauch und Körperverletzung.

Doch im vergangenen März hatte das Bundesgericht die Oberrichter zurückgepfiffen, die zum Teil «völlig abwegige Schlüsse» gezogen hätten und deren Argumentation an mehreren Stellen einem Zirkelschluss gleichgekommen seien. Am Dienstagnachmittag fiel nun alles zusammen: Zum ersten Mal, als nun auch der Staatsanwalt mit Rücksicht auf das Bundesgerichtsurteil plötzlich einen Freispruch forderte und zum zweiten Mal, als das Gericht die beiden Polizisten dann definitiv freisprach.

Einer der beiden Polizisten war am Dienstag nicht anwesend und wurde durch seinen Anwalt Max Birkenmaier vertreten. Der betreffende Polizist hatte schon vor der ersten Verurteilung die Stelle gewechselt und sich beruflich neu orientiert. Der andere Polizist ist arbeitslos, weil ihm die Stadt Schlieren wegen des Schuldspruchs durch das Zürcher Obergericht gekündigt hat. All seine Bewerbungen als Polizist oder bei privaten Sicherheitsfirmen waren erfolglos.

Als Valentin Landmann das Elend beschrieb, das sein nunmehr arbeitsloser Mandant und dessen Familie wegen des Falls erlitten habe, wählte er starke Worte: «Sie waren nicht auf die Bombe vorbereitet, die der Kläger zündete», so Landmann. Und die Schützenhilfe, die der Justizapparat dem Kläger geleistet habe, mache sprachlos. Dem Kläger sei ein «praktisch uferloser Vertrauenskredit» geschenkt worden, so Landmann.

Anträge des Klägers abgelehnt

Dieser Kredit war am Dienstag aufgebraucht: So wurde der Antrag des Klägers abgelehnt, dass mit dem Urteil noch zugewartet werde, bis weitere medizinische Abklärungen abgeschlossen sind. Der Kläger wird laut eigenen Angaben in gut zwei Wochen per MRI untersucht, um herauszufinden, woher sein Tinnitus und sein Kopfweh kommen – seiner Meinung nach kommen sie von der angeblichen Prügelei vor fünf Jahren. Es gebe den Verdacht auf eine Hirnschwellung. Weiter forderte der Kläger die Einvernahme einer weiteren Zeugin – konkret von einer Mitarbeiterin des Bowling-Centers, das direkt neben dem Schrebergarten liegt.

Verteidiger, Staatsanwalt und Gericht verneinten aber, dass eine solche Befragung etwas beitragen könne zur Entstehungsgeschichte der Verletzungen, die der IV-Rentner erlitten hatte und die ihm vier Tage nach dem Vorfall von seinem Hausarzt attestiert wurden.

Auch dieser Arzt wurde von Valentin Landmann kritisiert: Dieser wolle seine Unfähigkeit nicht zugeben. Dabei stützte sich Landmann auf ein Gutachten des Rechtsmediziners Ulrich Zollinger, das die Verteidigung erstellen liess, um zu zeigen, dass die Geschichte des Klägers nicht zu dessen Verletzungen passt.

Mit dem Freispruch wurde beiden Polizisten auch eine Genugtuung zugesprochen: Jener, der sich beruflich neu orientierte, erhält 10 000 Franken, der andere, der heute noch arbeitslos ist und unter anderem auch psychiatrische Hilfe in Anspruch nehmen musste, erhält 20 000 Franken. Dazu kommen etwas mehr als 33 000 Franken als Schadenersatz für die wirtschaftlichen Einbussen, die ihm das Verfahren einbrachte. So bezog er zwar noch bis Ende März 2016 den Lohn von der Stadt Schlieren: Doch weil wegen des Verfahrens die für 1. Januar 2015 vorgesehene Beförderung entfiel, hatte er eine Lohneinbusse. Seit April erhält er von der Arbeitslosenkasse 80 Prozent seines vorherigen Lohnes.

Nach dem Freispruch wurde den Polizisten zudem total fast 200 000 Franken Entschädigung für die Prozesskosten zugesprochen. In der Urteilsverkündigung übte Gerichtspräsident Bussmann auch Kritik am Bundesgerichtsentscheid. So sei es zum Beispiel «sehr erstaunlich», dass darin mit keinem Wort darauf eingegangen wird, wie der Kläger sonst zu seinen Verletzungen hätte kommen sollen.

Nach dem Prozess sagte der Privatkläger auf Anfrage der Limmattaler Zeitung, dass der Schlussstrich noch lange nicht gezogen sei. Der Fall werde noch mehrere zusätzliche Anzeigen nach sich ziehen.