Langstreckenlauf
Spitzenränge mit 58 Jahren: Für Monika Anderegg ist kein Weg zu steil

Im Alter von 58 Jahren hat die Dietikerin Monika Anderegg am Fuss der Jungfrau ein lang ersehntes Ziel erreicht. Die ambitionierte Hobbysportlerin hat im Langstreckenlauf ihre Leidenschaft gefunden.

Cynthia Mira
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Die Freude steht ihr ins Gesicht geschrieben: Monika Anderegg beim Zieleinlauf des Jungfrau- Marathons.

Die Freude steht ihr ins Gesicht geschrieben: Monika Anderegg beim Zieleinlauf des Jungfrau- Marathons.

zvg

Ihre strahlenden und wachen Augen zeugen von ihrer Leidenschaft und ihrer Freude, durch eigene Kraft ihr Ziel erreicht zu haben. Stolz zeigt Monika Anderegg das Diplom, auf dem ihr der zehnte erfolgreiche Zieleinlauf beim Jungfrau-Marathon bestätigt wird. Die Leistung ist bemerkenswert, schliesslich gilt es bei dem international bekannten Wettlauf nicht nur, die 42 Kilometer Distanz zu schaffen. Auch 1829 Höhenmeter müssen bezwungen werden, bevor die von Interlaken aus startenden Läufer das Ziel auf der Kleinen Scheidegg auf 2100 Metern über Meer erreichen.

Der seit 25 Jahren ausgetragene Marathon zieht jährlich rund 4000 Teilnehmer an. Seit zwölf Jahren schon steht die Dietiker Hobbysportlerin Monika Anderegg, die kürzlich ihren 58. Geburtstag feierte, jeweils im Herbst am Start.

«Ich werde öfter gefragt, wie ich mich fühle. Lustigerweise kommt diese Frage immer vor dem Start, so muss ich jeweils antworten: ‹Frag mich nach den ersten zehn Kilometern wieder.›»

Monika Anderegg, Marathonläuferin

Seit ihrer ersten Teilnahme im Jahr 2006 hat sie keine einzige Ausgabe ausgelassen und platzierte sich von Beginn weg in den vordersten Rängen. Obwohl sie dieses Jahr in ihrer Kategorie F55 (Frauen im Alter zwischen 55 und 60 Jahren) als eine der Älteren gestartet ist, gelang ihr eine Spitzenzeit von 4 Stunden und 52 Minuten und sie lief als Sechste durch das Ziel. «Es hat durchgeregnet, aber ich fühlte mich richtig fit und es war der beste Lauf in all den Jahren, ein richtiger Wow-Effekt», schwärmt sie.

Dabei war sie erst wenige Wochen zuvor am Eiger-Ultra-Trail angetreten. Ein sportliches Highlight, bei dem auf einer Strecke von 101 Kilometern insgesamt über 13 000 Höhenmeter bezwungen werden müssen – rund die Hälfte davon bergauf. Mit dem dortigen siebten Platz habe sie selber nicht gerechnet. Je älter man werde, desto länger werde die nach einem Wettkampf benötigte Erholungsphase. Und man müsse auch mehr trainieren, um auf dem gleichen Level zu bleiben. Von daher war der zu Beginn des Jahres zurückgelegte Zürich-Marathon für sie ein gutes Einwärmen, obwohl sie auch dort mit einem vierten Platz überzeugte. Dies, nachdem sie sich in den Jahren zuvor einen Sieg und den dritten Rang gesichert hatte.

Leiden mit Lust

Einen Trainer habe sie nie gehabt, sich stattdessen stets bei Freunden Tipps geholt und sich so ihr eigenes Trainingsprogramm erarbeitet, sagt sie. Ihr Schwager Heinz Egli, ebenfalls Marathonläufer, weiss, wie hoch Andereggs Leistung einzuschätzen ist. Blieb sie doch bei zehn erfolgreich absolvierten Jungfrau-Marathons achtmal unter der Fünf-Stunden-Marke. Egli hatte sie damals beim ersten Start überzeugt, dass sie es schaffen wird: «Ich hatte bei Monika keine Zweifel, dass sie die Höhenmeter erreichen würde, und ich wusste, dass sie sich nicht von der Masse würde treiben lassen – ein beliebter Fehler, der einem bei diesem Wettlauf kaputtmachen kann.»

Andereggs Leistungen sind ohne Zweifel beeindruckend. Doch wieso nimmt sie all die Strapazen auf sich, die diese Leistungen erst möglich machen? Was macht für sie die Faszination des Laufsports aus? Sie erlebe etwa den Jungfrau-Marathon als emotionalen Event, bei dem jeder Läufer als Sieger gefeiert werde, sagt sie. Die malerische Kulisse, die musikalische Umrahmung und die vielen Zuschauer – und das alles, während sich vor einem die ikonischen Berge Eiger, Mönch und Jungfrau erheben. Das sei gigantisch. Zudem habe sie auch am Training, das sie sehr abwechslungsreich gestalte, grosse Freude und geniesse es. «Das macht für mich den Reiz des Sports aus», sagt sie.

«Es hat durchgeregnet, aber ich fühlte mich richtig fit und es war der beste Lauf in all den Jahren. Ein richtiger Wow-Effekt.»

Monika Anderegg über ihren diesjährigen Lauf am Jungfrau-Marathon

Neben den vielen Erfolgen kennt Anderegg aber auch Rückschläge, die manchmal erschütternd sein können. Etwa wenn das Intensivtraining in der Vorbereitung gut verlief und es mit der körperlichen Fitness am entscheidenden Tag dennoch nicht klappen will. «Es braucht mentale Stärke und den Willen und das Können, den Leidensdruck auszuhalten. Auch mir wurde das Leiden schon zu gross und dann musste ich mir zugestehen, dass es wohl diesmal nicht geht, und abbrechen.»

Auch mit Wunde nicht zu stoppen

Sie könne sich zwar sehr gut einschätzen, aber ob man das Ziel erreiche, wisse man im Voraus nie, sagt Anderegg. «Ich werde an einem Grossanlass öfter gefragt, wie ich mich fühle. Lustigerweise kommt diese Frage immer vor dem Start, so muss ich jeweils antworten: ‹Frag mich nach den ersten zehn Kilometern wieder›», erzählt sie. Einmal sei sie auch gestolpert und mit einer Wunde an der Hand weitergelaufen. «Sie können sich sicher vorstellen, wie das bei erhöhtem Puls geblutet hat.» Dass sie sich auch damals noch unter den ersten Zehn platzierte, zeugt von ihrer eisernen Disziplin.

Ein starker Durchhaltewille, Ehrgeiz und viel Fokus auf ihre Ziele: So sei seine Frau, sagt auch Ehemann Rudolf Anderegg. Er begleitet sie oft an Wettläufe: «Man kann sagen, es wurde ein gemeinsamer Meilenstein erreicht, sodass wir nun entspannter ins 2018 starten können.» Dass sie auch im neuen Jahr an verschiedenen Orten antreten werde, sei gewiss realistisch. Er selbst schätze die gemeinsamen Ausflüge, so könne er ihr mental einen gewissen Support bieten. «Es ist die Kombination aus Sport und Freizeit, die gemeinsame Aktivität, die auch mir sehr gefällt. Verbunden mit einem Essen am Abend und dem gemeinsamen Geniessen mit Freunden, werden Wettkämpfe zu einem gemeinschaftlichen Ausflug an den Wochenenden», sagt er.

Für zehn Minuten auf Wolke sieben

In der bevorstehenden Weihnachtszeit nehme aber auch sie es etwas ruhiger, sagt Monika Anderegg. Und so bleibt ihr vorläufig die wunderbare Aussicht aus der gemeinsamen Wohnung im Limmat Tower in Dietikon, bis es für weitere sportliche Höhenflüge wieder hoch hinauf geht und sie in ihrem Element ist. Denn nachdem sie die Ziellinie überquert habe, seien ihre Emotionen jeweils überwältigend: «Das Adrenalin schwebt bei ihr weiter und sprudelt nur so aus ihr heraus nach der Ziellinie, dann spielt das Adrenalin richtig verrückt», beschreibt Heinz Egli die Situation. Dieses aus dem tiefstem Innern entspringende und mit Freunden geteilte Glücksgefühl sei typisch für sie: «Für zehn Minuten schwebt sie dann auf Wolke sieben.»

Tipps aus dem Trainingsalltag von Monika Anderegg

- Wöchentlich dreimal Joggen und dreimal Krafttraining. Kopf und Körper in Balance halten.

- Nicht nur auspowern, sondern den Körper wahrnehmen und sich bewusste Erholung gönnen.

- Kreativität ist gefragt im Training, Umgebung (Treppen etc.) beim Aussentraining nutzen.

- Schöne Orte, um im Limmattal und Umgebung zu trainieren: Wege hoch zum Üetliberg und zum Egelsee; die Treppen zum Altberg; der Limmat entlang.

- Jetzt im Winter warm anziehen mit Pulswärmern und Mütze, sodass die Wärme nicht aus dem Körper verschwindet.

- Training auch ohne Uhr absolvieren; Freude am Training bedeutet nicht nur Leistung und Zeitmessung.

- Abwechslung ins Training bringen, etwa durch zusätzliches Biken im Sommer, um die Waden zu trainieren.

- Vor einem Event: Zur Vorbereitung alle zwei Wochen ein langes Jogging absolvieren und in den Tagen zuvor viele Kohlenhydrate essen, damit die Reserven für den Wettkampf aufgefüllt werden.