«Spielgruppen fallen durch die Maschen»

Anders als Kindertagesstätten müssen Spielgruppen wegen des Coronavirus schliessen.

Heinz Zürcher
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Trauer im Zoo: Das Elefantenbaby von Farha (rechts) ist kurz nach der Geburt gestorben. Auf dem Bild ist sie mit ihrer erstgeborenen Tochter Ruwani zu sehen.

Trauer im Zoo: Das Elefantenbaby von Farha (rechts) ist kurz nach der Geburt gestorben. Auf dem Bild ist sie mit ihrer erstgeborenen Tochter Ruwani zu sehen.

Bild: zvg/Enzo Franchini/Zoo Zürich

Laut der Covid-19-Verordnung des Bundes müssen Spielgruppen geschlossen bleiben. Das bringt viele Betreiberinnen in grosse Schwierigkeiten. Die meisten haben ihre Spielgruppe privat ins Leben gerufen und sind auf die Elternbeiträge angewiesen. Die bleiben nun aus. Selbstständigerwerbende im Bereich Spielgruppe haben keinen Anspruch auf Bundesgelder und Corona-Erwerbsersatzentschädigungen. 

Dagegen wehrt sich nun Narcisa Togni. Sie betreibt in Zürich die Spielgruppe im Kinderhaus Entlisberg und sagt: «Ich weiss nicht, wie ich über die Runden kommen soll – die Spielgruppe ist mein einziger Erwerb.» Zwar gehört sie als Selbstständigerwerbende zu jenen, die von der Stadt eine Nothilfe in der Höhe von 2500 Franken beantragen können. «Aber das reicht nicht einmal, um die nächste Miete in der Höhe von 2600 Franken zu bezahlen.» 

Kommt hinzu, dass die Spielgruppen gemäss Obligationenrecht verpflichtet sind, die bereits entrichteten Eltern­beiträge ab dem Zeitpunkt der Schliessung zurückzuzahlen. «Das macht bei mir einige tausend Franken aus», sagt Togni. Teilweise hätten ihr Eltern signalisiert, dass sie das Geld aus Solidarität nicht zurückhaben wollten. «Aber das kann ja nicht die Lösung sein.»

Forderung: Spielgruppen sollen auch Geld erhalten

Togni fordert nun per Online­petition, dass alle Spielgruppen im Kanton Zürich berechtigt sind, eine Erwerbsersatzentschädigung zu erhalten. «Wir fallen durch die Maschen», sagt ­Togni. «Deshalb versuchen wir, den Bundesrat und die Bildungsdirektion des Kantons Zürich darauf aufmerksam zu machen, dass die Spielgruppen im Corona-Chaos vergessen gegangen sind.» Ihren Vorstoss haben zwischen Freitag und Montagabend 5000 Personen unterschrie­-ben. «Spielgruppen leisten einen wertvollen Beitrag für den Bildungsweg der Kinder», sagt Togni. «Sie unterstützen sie nicht nur in ihrer individuellen Entwicklung, sondern auch bei der Entwicklung emotionaler und sozialer Kompetenzen.» Gerade für Kinder aus stark belasteten Familien seien die Spielgruppen wichtig im Hinblick auf einen gelingenden Eintritt in den Kindergarten und die spätere schulische Laufbahn.

65 Prozent der Kinder besuchen eine Spielgruppe

Eva Roth präsidiert den Schweizerischen Spiel­gruppen-Lei­terInnen-Verband (SSLV) und sagt: «Spielgruppen tragen viel zur frühkindlichen Bildung bei – und weil sie nahe bei den Familien dran sind –auch zum Kindesschutz.» Und dennoch werde das Potenzial von der Politik verkannt. In 95 Prozent der Deutschschweizer Gemeinden gebe es eine Spielgruppe. 65 Prozent der Kinder, die in die obligatorische Schule eintreten, hätten davor eine solche besucht. «Fälschlicherweise zählen Spielgruppen aber immer noch als Freizeitaktivität und nicht zum Bildungsangebot.» 

Eva Roth betreibt ihre Spielgruppe in Thun BE mit fünf Mitarbeiterinnen. Ihr Antrag auf Kurzarbeit ist hängig, die Anfrage für Erwerbsersatzentschädigung ebenso. Um über genügend flüssige Mittel zu verfügen, hat sie nun einen Kredit aufgenommen. Die Löhne ihrer fünf Mitarbeiterinnen zahlt sie vorerst aus dem Privatvermögen.

Das können nicht alle der schätzungsweise rund 6000 Spielgruppenbetreiberinnen im Land. Narcisa Togni von der Spielgruppe Entlisberg in Zürich hofft, dass ihre Petition etwas auslöst. «Sonst muss ich ebenfalls einen Kredit aufnehmen – oder mich beim Sozialamt anmelden.»

Das städtische Sozialdepartement empfiehlt ihr, sich für eine Beratung an eines der fünf städtischen Sozialzentren zu wenden. Diese stünden allen offen, egal ob sie Sozialhilfe beziehen oder nicht. Mit den Betroffenen kläre man dann, welche Möglichkeiten bestünden, um Unterstützungsleistungen zu beantragen. Was Mieten angehe, habe der Bundesrat die Zahlungsfrist bei Wohn- und Geschäftsmieten von 30 auf 90 Tage erhöht.

Das Sozialdepartement der Stadt Zürich gibt zu bedenken, dass viele Selbstständige wie Narcisa Togni hart vom Lockdown betroffen seien: «Viele mussten ihr Geschäft schlies-sen oder haben viele Aufträge verloren.» Gleichzeitig blieben gewisse Fixkosten bestehen. Dies gelte für Kleinstunternehmende und Selbstständige in allen ­Sektoren: von Spielgruppen, Coiffeursalons, Schreinereien, Kunstschaffenden bis hin zu ­Taxifahrern und Detailhändlern.