Altersarmut

Sozialberatung Pro Senectute: «Einsamkeit muss nichts Schlechtes sein»

Brigitte Fischer (links) und Gabriela Reichmuth von der Sozialberatung von Pro Senectute.

Brigitte Fischer (links) und Gabriela Reichmuth von der Sozialberatung von Pro Senectute.

Man plaudert mit Bekannten über Krankheiten und Beziehungskrisen – Armut aber bleibt ein Tabuthema. Das kann die betroffenen Menschen sehr einsam machen. Im Gespräch mit von Altersarmut betroffenen Menschen ist Einsamkeit ein grosses Thema.

In den letzten Wochen hat die az Limmattaler Zeitung drei Menschen porträtiert, die von Altersarmut betroffen sind. Nebst der Armut war allen dreien eines gemein: die Einsamkeit. «Ich habe schreckliche Angst davor, allein zu sterben», sagte beispielsweise Suzanna Ackermann (Name geändert, Bericht vom 11. März). Und Kurt Felber (Name geändert, Bericht vom 26. Februar), meinte nach einem langen Gespräch entschuldigend: «Wissen Sie; der Einzige, mit dem ich sonst reden kann, ist mein Schatten.»

Sind arme Menschen automatisch auch einsam? Bringt die Armut die Einsamkeit gar zwingend mit sich? Gabriela Reichmuth und Brigitte Fischer von der Sozialberatung von Pro Senectute Kanton Zürich in Schlieren geben Antworten.

Warum wird das Problem Einsamkeit oftmals im gleichen Atemzug mit dem Problem Armut genannt?

Brigitte Fischer: Die Frage ist einfach, die Antwort aber komplex. Es gibt ganz viele Faktoren, die zusammenspielen. Man weiss, dass Status und Bildung einen Einfluss auf die Gesundheit und auf die sozialen Kontakte haben. Die Aussage, «arm gleich einsam», ist zu knapp und zu endgültig formuliert. Man muss den Menschen im Gesamtzusammenhang sehen.

Gabriela Reichmuth: Es ist wichtig, das Thema Einsamkeit nicht zu stigmatisieren und nicht an Armut zu knüpfen. Einsamkeit kann ein Teilbereich sein, der mit Armut verknüpft ist, genauso wie beispielsweise gesundheitliche Beschwerden. Es ist falsch zu sagen, wer arm ist, ist einsam, wer einsam ist, ist arm. Das stimmt so nicht.

Mit Geld kann man sich viel kaufen, aber keine Freunde.

Fischer: Das stimmt, mit Geld kann man sich keine Freunde kaufen. Aber Geld ermöglicht vieles. Soziale Kontakte sind vielfach mit Geld verbunden, sei es für gemeinsame Ausflüge oder auch die Mitgliedschaft in einem Verein.

Bei vielen Vereinstreffen ist es üblich, dass man anschliessend gemeinsam ins Restaurant geht. Als arme Person will man nicht immer die sein, der dies aus finanziellen Gründen nicht möglich ist. Jedes Mal eine Ausrede zu finden, um nicht mit den anderen ins Restaurant gehen zu müssen, ist aufwändig. Gar dazu zu stehen, sich das nicht leisten zu können, ist ein noch viel grösserer Schritt.

Man plaudert zwar über Krankheiten und Beziehungskrisen - Armut aber bleibt ein Tabuthema. Warum?

Reichmuth: Wie man mit dieser Situation umgeht, ist sicher lebensgeschichtlich geprägt: Hat man enge soziale Beziehungen aufgebaut, die auf Vertrauen basieren? Gibt es Menschen, denen man so etwas anvertrauen kann? Man darf nicht vergessen, dass die Menschen, die in dieser Serie porträtiert wurden, einen kleinen Teil der Bevölkerung ausmachen.

Es gibt garantiert auch ältere
arme Leute, die sich durchaus nicht als einsam bezeichnen und überhaupt keine Hemmungen haben, über ihre finanzielle Situation zu sprechen. Es ist eine sehr individuelle Angelegenheit.

Diese Menschen schämen sich, ihre Not offen zu kommunizieren?

Reichmuth: Es ist sicher mit Scham besetzt. Hier komme ich wieder auf die Lebensgeschichte zurück: Darauf, wie man gelernt hat, mit einer schwierigen Situation umzugehen.

Fischer: Es braucht Mut, zur Armut zu stehen. Armut wird stigmatisiert, niemand will arm sein. Das Ziel der Leute - so wird man auch sozialisiert - ist, dass es einem besser geht. Das bekommen wir schon von den Eltern zu hören; ich will, dass es meinen Kindern mal besser geht.

Das ist ein Credo. Man will vorwärtskommen, etwas erreichen. Arm sein passt nicht dazu, damit erntet man keine Lorbeeren. In den Köpfen der Leute gilt jemand, der arm ist, als selber schuld. Den Armen wird vorgeworfen, dass sie ihr Leben nicht meistern können oder etwas falsch machen. Wer will also arm sein oder darüber sprechen? Ausserdem liegt es in der Natur des Schweizers, nicht über seine Finanzen zu sprechen.

Eine von Altersarmut betroffene Person hat gesagt, es wäre für sie eine Erleichterung, wenn die Leute wüssten, dass sie arm ist.

Fischer: Es braucht wohl enorme Ressourcen und ausgeklügelte Strategien, etwas aufrechtzuerhalten, das nicht der Realität entspricht. Von daher kann ich mir gut vorstellen, dass es eine Erleichterung wäre, zu dem zu stehen, was man hat. Vielleicht ist es die Angst, die sie daran hindert, offen darüber zu sprechen. Die Angst, soziale Kontakte zu verlieren.

Ist das Thema Einsamkeit zentral in den Gesprächen, die Sie als Beraterinnen führen?

Reichmuth: Das ist ganz unterschiedlich. Die älteren Menschen oder ihre Angehörigen melden sich mit Fragen zu Wohnen, Gesundheit oder Finanzen bei uns. Auf das Thema Einsamkeit kommt man in der Regel erst, wenn man mit den Klienten eine Vertrauensbasis aufgebaut hat. Die wenigsten erzählen beim ersten Kontakt, dass sie allein sind.

Also erfahren Sie auf Umwegen von der Einsamkeit?

Reichmuth: Viele sind schlichtweg aufgrund ihres hohen Alters allein, das soziale Umfeld stirbt weg. Wenn sich die Leute mit dieser Thematik an mich wenden, sagen sie selten offen, dass sie einsam sind. Erst gibt es einen anderen Anknüpfungspunkt, über den man bei diesem Thema landet. Mir ist noch nie passiert, dass ein Klient direkt gefragt hat, was er tun könne, um nicht mehr einsam zu sein.

Fischer: Ich erlebe häufig, dass die Einsamkeit beim Thema Finanzen angesprochen wird. Die Klienten erzählen, dass ihnen das Geld nicht ausreicht, um mit ihren Freunden Ausflüge oder Restaurantbesuche zu unternehmen. Dann kommt man darauf zu sprechen, dass fehlende soziale Kontakte ein Thema sind.

Ist Einsamkeit von älteren Menschen ein neueres Phänomen?

Fischer: Das ist schwierig zu sagen. Das müsste nach Statistiken beurteilt werden. Durch die steigende Scheidungsrate, die vielfältigen Biografien und die flexiblen Familienformen kann davon ausgegangen werden, dass die Einsamkeit vermehrt Thema wird. Das zeigt sich beispielsweise in der Stadt Zürich, in der heute deutlich mehr Einpersonenhaushalte registriert sind als noch vor ein paar Jahren. Welche Auswirkungen das haben wird, ist schwierig zu sagen.

Reichmuth: Wenn man das von soziologischer Sicht her betrachtet, hat sich in den letzten 100 Jahren sicher viel verändert; man ist von der Grossfamilie zur Kleinfamilie gekommen. Früher hatte man ein Dutzend Kinder, heute sind es ein bis zwei oder keines. Was das in Zukunft für Auswirkungen haben wird, wird sich zeigen.

Einsamkeit muss nichts Schlechtes sein, oder?

Fischer: Richtig. Wobei man dazu noch definieren müsste, was Einsamkeit ist. Sind das fünf Kontakte pro Woche, sind es zwei? Das ist individuell. Nicht alle brauchen das Gleiche. Einer ist vielleicht zufrieden, seine Ruhe zu haben, und geht darin auf. Die Lebensform jedes Einzelnen sollte man respektieren.

Aber wer hingegen nicht allein sein will, muss auch nicht. Keiner ist zum Alleinsein gezwungen.

Fischer: Diese Behauptung geht in die Richtung, wer allein ist, ist selber schuld. Das wäre zu einfach.

Aber so denken vermutlich ganz viele Menschen.

Fischer: Ich verweise wieder auf die Lebensbiografie: Es hängt so viel damit zusammen, beispielsweise welche Ressourcen, was für Strategien ein Mensch hat. Wenn jemand die Ressourcen, auf andere Menschen zuzugehen, nicht hat, darf man ihm das nicht zum Vorwurf machen.

Es sollte auch kein Vorwurf sein, sondern eine Frage aus der Feststellung heraus, dass Zeitungen und Internet voll sind mit Tipps und Angeboten für Rentner.

Fischer: Das ist so, aber viele dieser Angebote kosten Geld. Diese Ressource muss vorhanden sein, sonst ist vieles nicht möglich. Das ist ja das Problem.

Man sollte sich auf die Pensionierung in finanzieller Hinsicht vorbereiten - gilt das auch für die Beziehungen und Freizeit?

Reichmuth: Ja, nebst den Finanzen ist es ein wichtiger Punkt, sich zu überlegen, was man mit der frei werdenden Zeit anfangen will. Für einige Menschen ist die Pensionierung eine Befreiung, weil der Leistungsdruck wegfällt. Man hat die Möglichkeit, den Tag zu gestalten, wie man möchte. Andere Menschen schlittern aber in eine Krise, weil sie keine Idee haben, was sie mit der freien Zeit anfangen sollen.

Fischer: Vorbereiten ist wichtig. Viele Leute nehmen sich vor, nach der Pensionierung dies und das zu machen, Sport zu machen oder sich kreativ zu betätigen. Man hat aber in Studien herausgefunden, dass die Menschen, die während des Erwerbslebens beispielsweise nie Sport gemacht haben, das mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nach der Pensionierung nicht tun. Wenn man davor schon eine gute Freizeitgestaltung hatte, führt man es weiter.

Warum?

Fischer: Das hängt damit zusammen, dass die Lebensbiografien relativ konstant sind. Wenn jemand in jungen Jahren positiv eingestellt ist, wird sich das auch im Alter nicht ändern - unabhängig davon, wie es einem beispielsweise gesundheitlich geht. Zufriedenheit ist eine Eigenschaft, die relativ konstant ist. Wer optimistisch ist, wird dies auch im Alter bleiben.

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