Dietikon
Snowrider: Der Skitüftler und der Snowboardmeister

Günter Wiesmann und Marc Iselin produzieren in ihrer Werkstatt in der Silbern Skier auf Kundenwunsch.

Matthias Kessler
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Limmattaler Zeitung

«Eigentlich sieht es aus wie in einer ganz normalen Schreinerei.» Sagt Marc Iselin, gelernter Schreiner. Dieselben Maschinen. Zum Sägen, zum Zuschneiden, zum Fräsen, zum Schleifen. Dazu die notwendigen Ablageflächen. Und natürlich ein kleiner Lagerraum, in dem hauptsächlich Holz aufbewahrt wird. Eine ganz normale Schreinerei also, mitten im Dietiker Industriegebiet, an der Moosmattstrasse34 gelegen?

Mitnichten. Iselin, 30-jährig, produziert weder Kästen noch Betten oder Tische. Der langjährige Snowboardprofi, in Dietikon aufgewachsen und noch immer wohnhaft, der nach dem letzten Winter seinen Rücktritt vom Leistungssport gab, produziert derzeit ausschliesslich Skier. Zusammen mit Günther Wiesmann, 66-jährig, der sich in den letzten rund 50 Jahren ein umfassendes Know-how in diesem Bereich angeeignet hat. Verkauft wird das gemeinsame Produkt unter dem Namen Snowrider, gefertigt wird ausschliesslich auf Bestellung. Kundenwünsche werden dabei gerne berücksichtigt.

«Marc ist mir seit seiner Geburt ein Begriff», sagt Wiesmann zur besonderen Entstehungsgeschichte ihrer Freundschaft. Und ihrer Zusammenarbeit. Über den Ski- und Snowboardclub Satus Schlieren kenne er seit langem Marcs Vater Walter, sagt Wiesmann, und so habe er dann natürlich auch Marc kennen gelernt. «Ich hatte den ersten richtigen Kontakt mit Günther, als mir mein Gotti einen Skiservice bei ihm schenkte», erinnert sich Iselin seinerseits. Da sei er acht, neun Jahre alt gewesen. Und von da an sei er in Wiesmanns Geschäft in der Dietiker Silbern ein- und ausgegangen. In den frühen 90er-Jahren, als er Juniorenrennen bestritt, habe sich dieser Kontakt noch intensiviert.

Günther Wiesmann betreibt an der Moosmattstrasse34 in erster Linie einen Ski- und Snowboardservice. Geboren und aufgewachsen in Österreich, die Ausbildung zum Skiwagner – heutige Bezeichnung: Skibauer – absolviert, kam Wiesmann im Jahr 1964 in die Schweiz, arbeitete ab 1967 bei der Schlieremer Skifirma Streule, nicht nur als Produktionsleiter und Entwicklungschef, sondern auch als Rennchef und Leiter des Skilehrer-Teams, das die Firma mit der Zeit aufbaute und in dem wiederum Marcs Vater Mitglied war. Privat engagierte er sich aber auch im Ski-Weltcup, reiste zwischen 1988 und 1993 offiziell als technischer Direktor des luxemburgischen Skiverbands mit dem vierfachen Weltmeister und fünffachen Gesamt-Weltcupsieger Marc Girardelli mit, leistete nicht nur seine Dienste als Servicemann, sondern beriet Girardelli auch in skitechnischen Angelegenheiten. Im Jahr 1991 wagte Wiesmann mit dem Skiservice in Dietikon schliesslich den Sprung in die Selbstständigkeit und begann alsbald unter dem Label Snowrider, selbst konstruierte Skier mit Sandwich-System (siehe Bildstreifen unten) zu verkaufen. Produzieren liess er sie zunächst in der ehemaligen DDR.

Marc Iselin begann seine sportliche Laufbahn auf zwei Brettern, wechselte aber bald aufs Snowboard und avancierte in den vergangenen sechs Jahren zu einem sicheren Wert als Alpin-Fahrer in der Schweizer Nationalmannschaft. Er gewann im Weltcup zwei Parallelslaloms und nahm an den Weltmeisterschaften 2007 in Arosa und an den Olympischen Spielen 2010 im kanadischen Vancouver teil, und zum Abschluss seiner Karriere wurde er im vergangenen Frühling zum zweiten Mal Schweizer Meister. Im Sommer des Jahres 2007 entwickelte er zusammen mit zwei Teamkollegen die Idee, eigene Boards zu produzieren. Ab Februar 2008 war er bereits auf eigenem Board unterwegs, von eigener Hand und, auf Iselins Vermittlung, nach Plänen von Günther Wiesmann im Zürcher Oberland produziert. Auf Maschinen, die Iselin angeschafft hatte.

In den letzten Jahren habe er sich vermehrt Gedanken darüber gemacht, wie es nach seiner Aktivkarriere weitergehen könnte, sagt Iselin rückblickend. Als es schliesslich im Frühling 2010 so weit war, stand für ihn fest: Seine Maschinen werden aus Fischenthal nach Dietikon gezügelt – zu Wiesmann in die Liegenschaft an der Moosmattstrasse34. Seither produziert er die Snowrider.

«Für mich ist die Situation ideal», sagt Wiesmann, «zum ersten Mal habe ich die Produktion meiner Skier nicht extern vergeben müssen.» Iselin stellt vier verschiedene Modelle her, vom Allround-Carver bis zum Slalomski für Könner. Kostenpunkt: 1000 Franken aufwärts. Lieferfrist: drei Wochen. Seien alle Vorbereitungen getroffen, so Iselin, stünden die Materialien, darunter Glasfaser, Titanal und Holzkern, zugeschnitten bereit, sei pro Woche die Produktion von zehn Skipaaren realistisch. In dieser Saison wolle er insgesamt 200 Paar fertig stellen.

«Im Vergleich mit den Massenproduzenten sind wir nur ein ganz kleiner Anbieter», hält Iselin fest: «Wir müssen ganz einfach besser sein als die grossen Produzenten und den Kunden genau das anbieten, was sie wollen.» Jeder Ski werde deshalb individuell auf die Wünsche des Kunden angepasst. «Wer unser Produkt gefahren hat, soll sagen: So einen Ski hatte ich noch nie an den Füssen», sagt er. Die vielen positiven Rückmeldungen seien diesbezüglich sehr erfreulich und motivierten sie, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Deshalb arbeiteten sie auch weiterhin nur mit den besten Materialien, hohe Kosten hin oder her. Es sei dann auch nicht das vordringliche Ziel zu expandieren. Was er sich hingegen sehr gut vorstellen könne, sei die Produktion eigener Snowboards. Aber zunächst stehe, so Iselin, sowieso noch eine andere grosse Herausforderung an: die Übernahme und Weiterführung des Servicegeschäfts von Wiesmann.