Familiengärten

Siedlungsdruck – der grösste Feind der Familiengärten

Mit dem Drängen der Schweizer Bevölkerung in die Städte und der zunehmenden Verstädterung der Agglomerationen wandelt sich auch das Bild der Siedlungen.

Es wird immer dichter gebaut, Infrastruktur für die Mobilität muss erstellt werden und auf Flächen, die vorher Industriegebiet oder grünes Brachland waren, entstehen ganze Stadtteile.

Diese Entwicklung bedroht im Limmattal und in der Stadt Zürich zunehmend auch Familiengartenanlagen . Dazu kommen städtebauliche Massnahmen, die die rar gewordenen Erholungszonen breiten Teilen der Bevölkerung zugänglich machen wollen, statt sie der Nutzung einzelner Pächter zu überlassen.

Diese Tendenz bestätigt Markus Wittmer, Leiter des Fachbereichs Landwirtschaft, Pachten, Mieten bei Grün Stadt Zürich: «In den Grünräumen, die wir in der Stadt erhalten wollen, versuchen wir zu erreichen, dass diese einem möglichst grossen Teil der Bevölkerung zur Verfügung stehen.»

Das bedeute, dass auch in bisher von einzelnen Pächtern genutzten Familiengartenarealen Gemeinschaftsräume und öffentliche Wege geschaffen würden.

Hat das Konzept der Familiengärten also ausgedient? Einzelne Beispiele aus der Region zeigen zumindest, dass das Fortbestehen dieser Tradition nicht mehr unantastbar ist.

Durch Umzonung verdrängt

Das aktuellste Beispiel für Familiengärten, die aus der Limmattaler Landschaft verschwinden werden, findet sich im Dietiker Niderfeld. Dort entsteht voraussichtlich ab 2018 eine Siedlung mit Wohnraum für 2000 Personen und einer Infrastruktur für 3000 Arbeitsplätze.

Am Eingang des Niderfelds, entlang der Güterstrasse, besteht heute eine grössere Anlage aus zusammenhängenden Familiengärten. Diese sei aus der Wohnzone bei der Planung bewusst ausgespart worden, erklärt der Dietiker Stadtplaner Jürg Bösch:

«Die zusammenhängenden Gärten sind als also definierte Erholungszone gesichert.»

Anders sieht es allerdings bei mehreren verstreuten Pachtparzellen westlich der Gallenmattstrasse aus. «Diese Gärten liegen mitten in der geplanten Wohnzone», sagt Bösch, «sobald die Grundeigentümer dort Wohnbauten realisieren wollen, werden sie wohl weichen müssen.»

Die Auflösung dieser Gärten sei allerdings frühestens in sechs bis zehn Jahren zu erwarten, so Bösch: «Ab 2018 erfolgt die etappenweise Groberschliessung des Niderfelds. Vorher werden noch keine Bautätigkeiten erfolgen.»

Der Mobilität zum Opfer gefallen

Ein Familiengarten, der vollständig verschwinden wird, ist derjenige im Schlieremer Färberhüsliquartier. Die Parzellen liegen derzeit auf einem Gebiet, das per Definition gar kein Familiengartenareal ist.

Bereits seit 2009 verlängert die Stadt den Pachtvertrag mit dem Gartenverein Färberhüsli nur noch befristet von Jahr zu Jahr. Durch die Konkretisierung des Limmattalbahn Vorprojekts zeichnet sich nun immer deutlicher ab, dass auf dem Gebiet der heutigen Familiengärten der spätere Färberhüslitunnel verlaufen wird.

Im Herbst 2011 wurde die Auflösung der gepachteten Gärten definitiv: An einer Sitzung mit Vertretern des Bereichs Liegenschaften der Stadtverwaltung wurde dem Gartenpächterverein mitgeteilt, dass der Pachtvertrag auf Ende 2013 aufgekündigt wird (die az Limmattaler Zeitung berichtete).

Der Färberhüslitunnel werde im Tagbau erstellt, sagt der Schlieremer Stadtingenieur Manuel Peer: «Zwar wird mit dem Bau noch nicht nächstes Jahr begonnen.

Da sich die Familiengärtner im Färberhüsli aber zwischenzeitlich dazu entschlossen haben, den Verein aufzulösen, werden die Gärten dennoch bereits 2013 geräumt.»

Weichen zugunsten der Natur?

Auch im Schlieremer Betschenroh könnte es dazu kommen, dass einzelne Parzellen - wenn auch nicht die ganze Familiengartenanlage - bald einem Bauprojekt weichen müssen.

Die Stadt plant derzeit gemeinsam mit dem kantonalen Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft eine Renaturierung des Limmatufers. Als mögliche Planungsperimeter nennt Stadtingenieur Peer einerseits den Uferabschnitt beim Rohr, westlich der Engstringerbrücke, andererseits aber auch denjenigen beim Betschenrohr, wo sich entlang des Ufers Familiengärten befinden.

Falls eine Umsetzung tatsächlich im Bereich des Betschenrohrs erfolge, so sei es sehr wohl möglich, dass einige Parzellen in Ufernähe aufgelöst werden müssten, so Peer:

«Noch steht aber nicht fest, wo das Ufer renaturiert wird. Wir klären ab, an welcher Stelle mit möglichst wenig Aufwand am meisten für die Natur gemacht werden kann.»

Die Abklärungen gestalten sich derweil sehr komplex. Dies, weil beim Betschenrohr Grundwasserströme fliessen, wie Peer erklärt: «Für eine Renaturierung müssen die Richtung und die Menge der Grundwasserströme exakt bekannt sein.

Deshalb sind dort erst Probebohrungen nötig, bevor ein entsprechendes Projekt überhaupt ins Auge gefasst werden kann.» Durch diese Komplikationen verzögere sich das gesamte Projekt.

Eishockey statt Gartenbau

Für grosses Aufsehen sorgte 2010 die Meldung, dass die 120 Parzellen der Familiengartenanlage Vulkan in Altstetten einem Eishockey- und Volleyball-Stadion weichen müssen.

Die Schrebergärtner sammelten 15 000 Unterschriften und reichten eine Petition ein, weil sie sich nicht vertrieben lassen wollten. Ende 2011 gab die Stadt bekannt, dass sie eine Alternative auf dem nahe gelegenen Dunkelhölzli-Areal an der Grenze zu Schlieren bieten möchte.

Auf dem Gelände einer ehemaligen Gärtnerei könnte dort bald eine neue Gartenanlage entstehen, wie Markus Wittmer von Grün Stadt Zürich auf Anfrage bestätigt.

Derzeit stecke man in den Vorbereitungen der Umzonungsvorlage. Das Areal befinde sich derzeit in einer Freihaltezone, die erst durch den Gemeinderat in eine Erholungszone E3 - eine Gartenanlage - umgewandelt werden müsste, so Wittmer:

«Falls die Umzonung erfolgt, werden wir ein Nutzungskonzept erstellen.» Man wolle dabei auch neue urbane Gartennutzungskonzepte und Ideen aus dem Quartier berücksichtigen, so Wittmer.

Wahrscheinlich wäre eine Mischung aus klassischen Familiengärten mit Einzelpächtern und Parzellen für Gärtnergemeinschaften.»
Die neue Anlage soll gemäss Grün Stadt Zürich nicht als ausschliesslicher Ersatz für die Gartenparzellen in Altstetten verstanden werden, sondern als Kompensation für die verlorene Erholungszone.

«Eine soziale Gemeinschaft wie sie ein Familiengarten darstellt, kann man nicht so einfach verpflanzen», sagt Wittmer, «Deshalb ist nicht gesagt, dass die Pächter vom Vulkan-Areal auch wirklich umziehen würden.»

Man habe über diese Thematik zwar noch nicht gesprochen, er gehe aber davon aus, dass diejenigen von ihnen, die dazu gewillt seien, im Dunkelhözli bevorzugt behandelt würden.

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