Dietikon
Sie wurde als erste Frau in den Stadtrat gewählt

«Ich habe nie einen dummen Spruch gehört», sagt Alice Maier. Sie wurde 1974 als erste Frau in den Stadtrat gewählt – heute feiert sie ihren 90. Geburtstag.

Merken
Drucken
Teilen
Alice Maier kennt man in Dietikon auch als Ärztin. Zusammen mit ihrem Gatten führte sie eine Praxis.

Alice Maier kennt man in Dietikon auch als Ärztin. Zusammen mit ihrem Gatten führte sie eine Praxis.

AZ

Alice Maier ist in vielerlei Hinsicht eine aussergewöhnliche Frau. Als sie in Freiburg ihre ersten Semester Medizin studierte, war sie eine von «drei oder vier Studentinnen unter 100 Studenten», wie sie sich erinnert.

Viele Jahre später betrat Alice Maier wieder Neuland für Frauen. Dieses Mal in Dietikon. 1974 kandidierte sie für die CVP für den Stadtrat und wurde als erste Frau in die Dietiker Stadtregierung gewählt. Heute feiert sie ihren 90. Geburtstag.

Insgesamt acht Jahre war Maier im Stadtrat tätig. Die ersten vier stand sie dem Gesundheitswesen vor. Danach übernahm sie das Sozialamt. Besonders letztere Aufgabe empfand Maier als spannend.

«Im Sozialamt habe ich, anders als im Gesundheitswesen, vermehrt mit Menschen zu tun gehabt, was mehr meinem Naturell entspricht», sagt sie. Zum Gesundheitswesen habe beispielsweise auch das Schwimmbad gehört. «Dort ging es oft um technische Dinge», hält Maier fest. Das sei ihr nicht so gelegen.

Respektvoller Umgang

Trotzdem möchte sie die Zeit im Stadtrat nicht missen. Auch deshalb, weil sie von ihren männlichen Kollegen gut aufgenommen worden sei. «Ich habe nie einen dummen Spruch gehört. Ich wurde von Anfang an akzeptiert», sagt Maier. Überhaupt sei der Umgang damals respektvoll gewesen, auch wenn man nicht immer gleicher Meinung war. «An den Sitzungen habe ich meine Ansichten immer vertreten. Manchmal war das anstrengend. Danach ist man aber zusammengesessen und hat etwas getrunken oder auch gejasst», hält sie fest.

Obwohl das Frauenstimmrecht erst 1971 eingeführt wurde, war Alice Maier nicht politisch unerfahren, als sie in den Stadtrat einzog. 1970 liess sie sich in die Gesundheitskommission und in die Heimkommission Ruggacker wählen.

«Ich war schon immer politisch interessiert. Das hat bis heute nicht abgenommen», so Maier. Noch immer lese sie täglich die Zeitung und gehe abstimmen. Den Schritt zur Kandidatur für das Stadtratsamt hat Maier dem damaligen Dietiker CVP-Kantonsrat und späteren Regierungsrat Peter Wiederkehr zu verdanken.

«Er hat mich angefragt, ob ich mir eine Kandidatur vorstellen könnte», hält Maier fest. Damals hätten die Parteien begonnen, Frauen für die Politik zu gewinnen. Zudem sei man der Ansicht gewesen, dass es gut wäre, wenn jemand mit Erfahrung im Gesundheitsbereich Einsitz im Stadtrat nehmen würde.

Erfahrung als Ärztin in Dietikon hatte Alice Maier zu diesem Zeitpunkt schon viel. Zusammen mit ihrem Mann eröffnete sie 1955 eine Arztpraxis an der Römerstrasse 1, die vier Jahre später an die Oetwilerstrasse 10 verlegt wurde. Zu einem Zeitpunkt also, an dem sich Dietikon in einem grossen Wandlungsprozess befand. Im Jahr der Praxiseröffnung überschritt die Bevölkerungszahl des späteren Bezirkshauptortes die Grenze von 10 000. Dietikon wurde damit zahlenmässig zur Stadt.

Italienisch in der Praxis gelernt

«Einige Leute belächelten uns, weil wir an der Römerstrasse eine Praxis eröffneten. Da hat es doch gar keine Häuser, hiess es», erinnert sich Maier. Doch der Zeitpunkt sei günstig gewesen. Zu dieser Zeit habe es in Dietikon nur drei Ärzte gegeben. «Wir hatten vom ersten Tag an zu tun», sagt Maier.

Die Arbeit habe ihr viel Freude bereitet. Als sie jedoch in den Stadtrat gewählt worden sei, habe sie ihr Pensum stark reduzieren müssen. Das sei nicht einfach gewesen. «Als Ärztin muss man rund um die Uhr für die Patienten da sein. Mit den vielen Sitzungen, die man als Stadträtin hat, lässt sich dieser Anspruch nicht vereinbaren», so Maier.

Die Praxis war aber weit mehr als nur Arbeitsort. «Durch die Patienten habe ich Dietikon kennen gelernt. Ich habe erfahren, wo der Schuh drückt», sagt Maier. In Dietikon habe sie gelernt, italienisch zu sprechen. «Zwar habe ich mir in der Schule die Grammatik angeeignet. Aber richtig italienisch habe ich erst mit den Patienten gesprochen», erinnert sie sich.

Via Baden nach Dietikon

Aufgewachsen ist Alice Hess, wie Maier ledig hiess, im luzernischen Inwil. Ihr Vater war Primarlehrer. «Er wollte nicht, dass ich auch Lehrerin werde. Meinen Wunsch, Medizin zu studieren, hat er stets unterstützt», so Maier.

Bevor sie das Studium nach Freiburg, Zürich und Bern führte, absolvierte sie die Mittelschule in einem Internat in Freiburg. Dorthin ging Maier auch deshalb, «weil ich französisch lernen wollte». Am Mittagstisch sei jeweils französisch gesprochen worden. Beim Abendessen sei Hochdeutsch Pflichtsprache gewesen.

Ins Limmattal verschlug es Maier aus beruflichen Gründen. In Baden trat sie eine Stelle als Assistenzärztin im Spital an. Dort lernte sie ihren späteren Mann kennen. «Er ist in Dietikon aufgewachsen. So kam es, dass wir dorthin zogen und unsere Praxis eröffneten», sagt Maier. Da ihr Gatte und auch ihr Schwiegervater Mitglied der CVP gewesen seien, sei es logisch gewesen, für dieselbe Partei zu politisieren.