Zürcher Gemeinderatswahlen

Sie wollen gar nicht gewählt werden: Diese prominenten Politiker dienen nur als Lockvogel

Um Stimmberechtigte dazu zu bringen, die Liste einer bestimmten Partei zu wählen, setzen mehrere Parteistrategen auf den Promieffekt. Wer diesmal als Lockvogel dient und nicht wirklich ins Stadtparlament will, erfahren Sie hier.

Die Namen der Zürcher Gemeinderäte kennt man nicht unbedingt; die Trefferquote bei einer Strassenumfrage bliebe wohl gering. Das stellt Parteistrategen vor ein Problem: Wie bringen sie Stimmberechtigte, die sich keiner Partei speziell verbunden fühlen, dazu, am 4. März die Liste ihrer Partei zu wählen? Ein beliebtes Mittel ist es, auf den hinteren Listenplätzen bekannte Namen zu platzieren. Der Promieffekt soll dazu führen, die Liste zu wählen – obwohl der namhafte Listenfüller eigentlich gar nicht ins Stadtparlament will.

So findet sich auf dem aussichtslosen 15. Platz der Liste der Grünen für den Stadtzürcher Wahlkreis 3 etwa der Name Bastien Girod. Girod begann seine Politkarriere einst als Zürcher Gemeinderat. Doch inzwischen ist er längst Nationalrat, zudem Vizepräsident der Grünen Mutterpartei. «Mir gefällts im Nationalrat», sagte Girod gestern auf Anfrage. Eine Rückkehr in die Zürcher Lokalpolitik strebe er nicht an.

Ein Doppelmandat als Gemeinderat und National- oder Kantonsrat wäre zwar rechtlich zulässig, ist aber unüblich und bei vielen Parteien verpönt. Für Girod läge es nur schon aus zeitlichen Gründen nicht drin, wie er sagt. Mit seiner Gemeinderatskandidatur wolle er lediglich die Grünen im Stadtzürcher Wahlkampf unterstützten.

«Diesmal kommt es wirklich darauf an», sagt er. Schliesslich geht es darum, wer nach der seit vier Jahren herrschenden Pattsituation die Mehrheit im Zürcher Stadtparlament erringt: Rot-grün oder die Bürgerlichen? «Ich helfe auch mit ein paar Videos im Wahlkampf», so Girod. Bei Standaktionen auf der Strasse werde er hingegen weniger anzutreffen sein.

AL mit Kulturschaffenden

Auf den Promieffekt setzt auch die Alternative Liste, allerdings mit Kulturschaffenden: Unter ihren Kandidaten auf den hinteren Listenplätzen findet sich etwa der bekannte Filmer Paul Riniker, der 2015 mit «Usfahrt Oerlike» den Publikumspreis an den Solothurner Filmtagen gewann. Er soll das Wahlvolk im bildungsbürgerreichen Wahlkreis 6 für die AL mobilisieren. Im Wahlkreis 4 und 5 übernimmt Buchautor Willi Wottreng diese Rolle.

Die CVP setzt auf Politprominenz aus der Kantonalpolitik, um auch mit den Namen auf den hinteren Listenplätzen zu punkten: So füllt ihr früherer Kantonsrats-Fraktionschef Lucius Dürr die Liste im Wahlkreis 6 auf. Er war bis vor kurzem Direktor des Schweizerischen Versicherungsverbands. Im Kreis 3 figuriert mit Josef Widler ein amtierender CVP-Kantonsrat auf einem hinteren Listenplatz. Widler ist zudem Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Zürich.

Grosse Parteien verzichten auf Promieffekt

Politiker, die sich im Kantonsrat einen Namen gemacht haben, dienen auch der GLP als Gemeinderats-Listenfüller: So taucht Kantonsrat Andreas Hauri, der gleichzeitig fürs Stadtpräsidium und einen Stadtratssitz antritt, auf dem hintersten Platz der GLP-Liste im Kreis 9 auf. An einem Sitz im Stadtparlament ist er demnach nicht ernsthaft interessiert. Gleiches gilt für den einstigen GLP-Stadtratskandidaten und jetzigen Kantonsrat Daniel Hodel: Er tritt auf einem aussichtslosen Listenplatz im Wahlkreis 11 an.

Die grossen Parteien, also SP, SVP und FDP, verzichten auf den Promieffekt: Auf ihren hinteren Listenplätzen sticht kein Name hervor. Doch was kann ein Wähler tun, der einen Listenfüller ins Parlament pushen will? Am meisten kann er ihn oder sie bevorzugen, indem er alle anderen Kandidierenden von der betreffenden Liste streicht und dafür den einen, gewünschten Namen zweimal aufschreibt. Dass dies zur Wahl führt, ist aber unwahrscheinlich. Funktionieren könnte es nur, wenn viele Wählerinnen und Wähler genau das Gleiche täten.

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