Tamara Dias hat im Citizen M Zürich zwar ihr eigenes Büro. Dort sei sie aber praktisch nie, sagt die 32-jährige Hotelmanagerin. Viel lieber arbeite sie am Laptop im sogenannten Livingroom, dem grossen Raum im Erdgeschoss des denkmalgeschützten Gebäudes bei der Zürcher Sihlporte. Dort studiert zur selben Zeit auch ein Herr im Anzug den Inhalt seiner Aktentasche, ein Gast im Hawaiihemd frühstückt, und daneben schaut eine Gruppe Asiaten «BBC World News» auf einem grossen Bildschirm. Über dem Bildschirm hängt eine riesige vergoldete Dollarnote – die Einrichtung ist zwar in allen 19 Hotels der holländischen Kette ähnlich, das Zürcher Haus ist aber nach dem Motto «Banking and Shopping» dekoriert.

Das Team von Tamara Dias ist überschaubar. Mit 26 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hat das Citizen M Zürich am 1. August seinen Betrieb aufgenommen. Alle übergeordneten Bereiche wie Personalabteilung, Marketing und Strategie werden von Holland aus zentral koordiniert. Die Reinigung und die Technik sind an externe Anbieter ausgelagert. Als Hotelmanagerin habe sie daher Zeit, sich voll um Mitarbeiter und Gäste zu kümmern, sagt Dias.

Das Team steht über allem

Fünf bis sechs «Ambassadors» arbeiten im Livingroom pro Schicht. Sie teilen sich zwischen der Bar und der Réception auf und rotieren frei, je nachdem, wer gerade welchen Job machen möchte. Das funktioniere besser, als sie sich das habe vorstellen können, sagt Dias, primär, weil die Stimmung im Team so gut sei. Rekrutiert wurden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über die sozialen Medien wie Instagram oder Facebook. Auch wurde keine spezifische Ausbildung vorausgesetzt. Vielmehr stehe der Teamgedanke über allem.

An der Réception braucht es genau genommen gar keine Réceptionisten, denn das Check-in macht jeder Gast selbstständig am Computer. Auch der Pass oder die Identitätskarte wird von der Check-in-Station eingescannt. Allerdings sind immer Personen zugegen, falls Fragen auftauchen oder jemand Hilfe braucht.

Die Zimmer im Citizen M sind klein, übersichtlich und durchdacht. Unter dem grossen Doppelbett, das direkt am Fenster steht, lassen sich in Schubladen Koffer und Kleider verstauen, die Nasszelle ist durch eine halbtransparente Glaswand abgetrennt, und alles Elektronische lässt sich per iPad steuern. So auch der Bildschirm samt Netflix-Angebot und alle Lichter, die mit einem Tippen ausgeschaltet werden können. Es wird schnell klar, die Geschäftsreisenden, an die sich die Hotelkette primär richtet, sollen im Zimmer vor allem schlafen. Für alles andere trifft man sich im Livingroom. Hier lege man viel Wert auf den persönlichen Kontakt, wie Hotelmanagerin Dias sagt. Denn nur die technischen, einfachen Abläufe seien im Hotel automatisiert. Für einen Schwatz oder Tipps, was in Zürich sehenswert ist, seien die Ambassadors jederzeit verfügbar.

Im Gegensatz zu ihrem Team hat Tamara Dias eine klassische Tourismusausbildung absolviert. Sie hat in Crans-Montana Hotelmanagement studiert und danach im Ausland für verschiedene Hotels gearbeitet. Zurück in der Schweiz, war sie in Zürich für Marriott und Kameha tätig, bis sie ihre Stelle kündigte, weil sie sich umorientieren wollte.

Eigentlich hatte sie mit der Hotellerie abgeschlossen, als sie über eine Kollegin, die Informationen zum Schweizer Markt sammelte, mit Citizen M in Kontakt kam. Um herauszufinden, wovon ihre Kollegin schwärmte, checkte Dias als Touristin in den Londoner Ableger der Hotelkette ein. «Mir gefiel die zentrale Location, die gute Atmosphäre, dass alles so einfach ist», sagt Dias.

Teilzeit ist eine Seltenheit

Doch noch während der Kennenlerngespräche mit Citizen M wird Dias schwanger: «Das Muttersein und das Hotelmanagement sind zwei verschiedene Welten, die schwierig kombinierbar sind», sagt sie. Nicht so bei Citizen M. Heute hat Tamara Dias zwei Babys: den acht Monate alten Luca und das neue Hotel. Sie leitet das Citizen M Zürich in einem 60-Prozent-Pensum – eine Seltenheit in dieser Position. So kurz nach der Eröffnung kümmere sie sich darum, dass sich alle Abläufe einspielen. Auch dabei wird sie von erfahrenen Ambassadors aus anderen Hotels unterstützt. Nervosität ist im Livingroom keine zu spüren, und auch die ersten Zahlen sehen gut aus, wie Dias sagt. Am Street-Parade-Wochenende war das Citizen M zum ersten Mal ausgebucht.